18.09.2018

Extraschichten für den großen Traum

Hessenliga: Fliedens neuer Ukrainer Taras Zaviiskyi

Taras Zaviiskyi fühlt sich in seiner neuen Umgebung sichtlich wohl. Fotos: Christian Halling

Taras Zaviiskyi hat beim Hessenligisten Buchonia Flieden eine Punktlandung hingelegt: Dem guten Spiel gegen den FC Gießen ließ der Neuzugang aus der Ukraine beim 2:2 in Baunatal nicht nur wegen seines Tores einen richtig starken Auftritt folgen.

„Das ist ein klasse Typ und ein super Spieler. Eigentlich ist es total unverständlich, dass er bei uns in der fünften Liga gelandet ist. Der kann viel mehr! Ich bin mal gespannt, wie sich seine Laufbahn entwickeln wird“, sagt sein neuer Trainer Meik Voll über ihn.

23 Jahre ist Zaviiskyi jung, stammt aus der in der Ukraine sehr geschätzten Fußballschule von Karparty Lviv (zu deutsch: Lemberg). 29 U-Länderspiele für sein Heimatland kommen nicht von ungefähr und auch seine Erstligakarriere nahm zunächst einen guten Verlauf. Er gehörte zum Stamm des Erstligisten, ehe viele Trainerwechsel und somit immer neue Ideen und Interessen einer Weiterentwicklung im Weg standen. „Zuletzt hatte ich um die zehn Trainer. Ständig kam ein neuer Mann, der sich etwas anderes vorgestellt hat. Dadurch reifte mein Wunsch, dass ich nach Deutschland wechseln und hier mein Glück versuchen will“, erklärte Zaviiskyi.

In Fulda landete er über Ross Shtyn, der bis Juni 2004 bei Borussia Fulda als Sportdirektor tätig war. Der Ukrainer mit kanadischem Pass ist Osthessen seit dieser Zeit immer treu geblieben, hat seinen Lebensmittelpunkt nach Fulda verlegt, war aber nicht mehr im Fußball aktiv. Das hat sich nun ein bisschen geändert.

Denn in Flieden betreibt Shtyn eine Marketing-Agentur, ist im Bereich Agrar- und Maschinenbau verwalterisch tätig. So kam auch der Kontakt zum Fußballclub Buchonia Flieden zustande. „Flieden schafft es immer wieder, mit minimalen Mitteln eine konkurrenzfähige Mannschaft zu stellen. Das ist auch ein Verdienst von Meik Voll, dessen Arbeit ich hoch ansehe. Wir wollen dabei im Bereich Marketing helfen. Wir entscheiden in Flieden nichts, aber ich bin beratend tätig“, erklärt Shtyn, der bereits beim Wechsel von Kemal Sarvan von der SG Barockstadt nach Flieden involviert war.

Womit wir wieder bei Taras Zaviiskyi wären. Dessen Vater hatte Shtyn, der ebenfalls in Lviv geboren wurde und in der westukrainischen Stadt ein hohes Ansehen genießt, kontaktiert. So kam Zaviiskyi nach Fulda, um in Deutschland Fuß zu fassen. Und dafür tut er alles: Täglich lernt er eine Stunde die neue Sprache, die ersten kleinen Unterhaltungen sind bereits möglich. „Deutsch ist in Lviv übrigens als Zweitsprache eher angesiedelt als Englisch“, erklärt der Fliedener Neuzugang.

Freundin Tanya Junioren-Europameisterin in der rhythmischen Sportgymnastik

Taras Zaviisky (rechts) im Gespräch mit Torgranate-Projektleiter Ralph Kraus (links). Als Übersetzer fungierte der in Osthessen bekannte Kontaktmann Zaviiskyis, Ross Shtyn.

Doch neben der Sprache muss auch die körperliche Verfassung stimmen, die bei Zaviiskyi für Hessenligaverhältnisse herausragend ist. Kein Wunder: Seit seinem achten Lebensjahr gehörte Zaviiskyi der Fußballschule des FC Karparty Lviv an. Morgens ging es zur Schule, danach direkt ins Training, ehe er abends wieder nach Hause zur Familie zurückkehrte.

Sein Körper ist sein Kapital und so verhält er sich auch. Nach den Einheiten in Flieden hängt Zaviiskyi immer noch gut 20 bis 30 Minuten dran, um etwas für sich zu tun. Dazu besucht er täglich die Praxis von Physiotherapeut Daniel Pfeiffer in Rückers, um sich hier im Kraftbereich weiter auf einem top Niveau zu halten. „Ich muss ehrlich zugeben, dass ich sehr überrascht war, dass in so einem kleinen Dorf einen solchen Spezialist gefunden habe, der auf einem so professionellem Stand arbeitet. Hier kann ich mich unter besten Bedingungen fit halten“, erklärt der 23-jährige, der einst gegen Dynamo Kiew sein erstes Erstligator erzielte.

Was das Niveau in der Hessenliga angeht, zeigt sich Zaviiskyi ebenfalls angetan. „Ich war zuerst skeptisch, als ich fünfte Liga gehört habe. Aber ich habe schnell gemerkt, dass das Niveau in Deutschland deutlich besser ist als in der Ukraine. Ich würde die Hessenliga in etwa mit der zweiten Liga bei uns zu Hause vergleichen“, so der Neue, den noch etwas positiv überrascht: „Die Plätze und die Anlagen hier haben eine wahnsinnige Qualität, nehme ich nur das Baunataler Parkstadion am vergangenen Samstag. Das kenne ich anders.“

Auf seine Zukunft angesprochen sagt Zaviiskyi: „Ich bin kein Prophet, aber im Leben ist immer alles möglich. Vielleicht bauen wir uns in Flieden eine Zukunft auf, aber mein Ziel ist es schon, dass ich im Profifußball so weit wie möglich nach vorne kommen will. Aber ich weiß auch, wie der Markt ist und dass da viele Komponenten passen müssen.“

Überrascht ist der Ukrainer vor allem über die Art und Weise, wie er in Deutschland und speziell in Flieden aufgenommen worden ist. „Wenn du als Legionär kommst, stellst du dich auf mehr Kälte ein. Aber das Gegenteil war der Fall: Mannschaft und Umfeld haben mich sofort akzeptiert. Wie in einer Familie. Damit hätte ich niemals gerechnet“, ist Zaviiskyi erfreut, der in seinem neuen Lebensabschnitt aber auf seine Freundin verzichten muss. Die ist nämlich auch als Profi unterwegs. Tanya Zahoroduya war Junioren-Europameisterin in der rhythmischen Sportgymnastik und arbeitet nun als Trainerin im slowenischen Ljubljana. Stichwort Familie: „Mein Vater und meine Mutter haben mich auf meinem Weg von klein auf unterstützt. Jetzt habe ich gute Möglichkeiten, um mir ein Karriere als Profifußballer aufzubauen“, ist Taras Zaviisky seinen Eltern dankbar. Was er aus diesen Möglichkeiten macht, wird sich in den nächsten Monaten zeigen. / kr

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