19.01.2019

„Vielleicht ist noch viel, viel mehr möglich“

Neu-OFCler Moritz Reinhard spricht über eigene Erwartungen, Selbstmotivation und Druck

Moritz Reinhard gibt sich im Interview gewohnt authentisch und ist keineswegs zurückhaltend. Fotos: Kevin Kremer

Die erste Freundin, das erste Auto, die erste eigene Wohnung – Dinge, die sich bei einem jungen Mann einbrennen. Bei Moritz Reinhard wird auch der erste Vereinswechsel unvergessen bleiben. 18 Jahre ließ er sich dafür Zeit und das Warten scheint sich gelohnt zu haben. Der 23-Jährige wechselte vom Gruppenligisten Elters/Eckweisbach/Schwarzbach zu Kickers Offenbach in die Regionalliga.

Moritz, Du wirst in Kürze studierter Sportökonom sein und hättest in diesem Gebiet sicherlich mehr Geld verdienen können. Warum wirst Du Profifußballer?

Weil ich Lust habe, mich ausschließlich auf Fußball zu konzentrieren. Genau deswegen habe ich in der Vergangenheit Angebote wie aus Hünfeld abgelehnt, weil ich Studium in Bayreuth und Fußball auf höherem Niveau in Osthessen nicht hätte vereinbaren können. Bei mir gilt das Motto: ganz oder gar nicht. Ich hätte so seinerzeit aber nur einen Bruchteil der Trainingseinheiten absolvieren können. Jetzt ist der Zeitpunkt perfekt und ich kann herausfinden, was für mich bei Training auf kontinuierlich hohem und professionellem Niveau möglich ist. Natürlich ist das Geld ein schöner Nebeneffekt. Aber klar ist auch, dass ich garantiert nicht wegen des Geldes nach Offenbach gegangen bin. Ich will Fußball spielen.

Im Oktober das erste Probetraining, Mitte Dezember die Unterschrift. Wie lange dauerte der Entscheidungsprozess an?

Da ich für Fußballerverhältnisse schon recht alt bin, hätte ich nicht im entferntesten mit dem Angebot eines Probetrainings bei einem Regionalligisten gerechnet. Als Offenbach dann tatsächlich Interesse an mir gezeigt hat, war für mich sofort klar, dass ich es machen werde. Elters und Offenbach sind ganz verschiedene Hausnummern, deswegen muss ein Fußballer so eine Chance beim Schopfe packen. Sie könnte einmalig sein.

Wie schwer fiel der Abschied aus Elters?

Niemals geht man so ganz. Ich werde weiterhin in Elters wohnen, weil ich zunächst nach Offenbach pendle, und werde auch das eine oder andere Spiel der SG sehen. Klar ist aber auch, dass so ein Abschied mit einem weinenden und einem lachenden Auge vonstatten geht. Die Ausgangsposition mit Platz zwei ist für Elters hervorragend und ich bin mir sicher, dass in der Rückrunde in Richtung Relegationsplatz etwas gegangen wäre, was jetzt sicherlich ein Stück schwieriger wird. Aber auf der anderen Seite wartet mit dem OFC ein richtiger Traditionsverein. Du spielst als Fußballer in jedem Heimspiel vor mindestens 5000 Fans, und was die alle zwei Wochen abfackeln, ist einfach geil. Da kann eine Entscheidung nicht schwerfallen, wenn man eine Einstellung wie ich mitbringt.

Und die wäre?

Immer das Optimum herauszuholen und das Bestmögliche zu geben.

Die Verbindung nach Offenbach entstand durch Co-Trainer Max Lesser, der sich in den hiesigen Gefilden noch bestens auskennt. Glaubst Du, dass ein Wechsel ohne einen Intimus der osthessischen Fußballs möglich gewesen wäre?

Torgranate-Redaktuer Johannes Götze hatte Moritz Reinhard zum Frühstück geladen, der Sportler ließ die meisten Leckereien links liegen.

Offenbach spielt Regionalliga. Und da muss man sich nur anschauen, was andere Regionalligisten für Spieler im Winter holen. Tabellenführer Waldhof Mannheim hat beispielsweise mit Marcel Seegert einen Innenverteidiger aus Sandhausen und damit der 2. Liga verpflichtet. Daher ist es fast unmöglich, dass ein Verein auf einen Spieler wie mich aufmerksam würde, wenn kein Verantwortlicher aus der entsprechenden Region stammt und den Spieler deswegen kennt. Ich glaube nicht, dass ein Profiverein ohne Hinweis eines Beraters erst einmal in der Gruppenliga Fulda schauen würde, ob da einer ganz gut kicken kann. Deswegen war es für mich wahrscheinlich ein Glücksfall, dass Max schon da war und mich einlud.

Die Verpflichtung ist aber sicherlich keine Goodwill-Aktion von Cheftrainer Daniel Steuernagel, der in der Vereinspressemitteilung zu Ihrem Wechsel sagte, dass ihn vor allem Physis, Gradlinigkeit und Mentalität überzeugt hätten. Was hat ihn noch überzeugt und wo siehst Du Nachholbedarf?

Die Rhöner Mentalitäten haben gefruchtet (lacht). Einstellung, Wille und Physis sind Dinge, mit denen man im Leben und als Fußballer schon sehr weit kommen kann. Natürlich bin ich im Vergleich zu meinen neuen Mitspielern hier und da technisch etwas limitiert, weil mir ganz einfach die Ausbildungsjahre in einem Leistungszentrum fehlen. Meiner Meinung nach sind das aber Eigenschaften, die ich als typischer Neuner nicht unbedingt benötige. Da ist in erster Linie Torabschluss, Laufstärke oder Ballfestmachen gefragt. Aber natürlich will ich im technischen Bereich so schnell wie möglich aufholen. Auch an Beidfüßigkeit, Körperlichkeit oder Kopfballspiel kann ich natürlich immer noch schrauben.

Dein Vertrag läuft zunächst nur bis Sommer inklusive einseitiger Option des OFC, die er bis Ende April ziehen muss. Wie sehr setzt Dich diese Bewährungsphase unter Druck?

Weil ich natürlich auch über den Sommer hinaus gerne als Fußballprofi aktiv sein will, ist ein gewisser Druck vorhanden. Das heißt für mich: im Training immer wieder empfehlen, alles geben und wenn Spielzeit dazukommt, das Optimum herausholen. Es kann aber auch ganz schnell wieder vorbei sein und deswegen sollte ich das Privileg „Berufsfußballer“ auch genießen.

Neu wird für Dich der Kampf um die Plätze sein. Ist der Konkurrenzgedanke bei Dir schon angekommen?

Auf der einen Seite ja, auf der anderen Seite bist du aber immer noch ein Mitspieler, weil du gemeinsam etwas erreichen willst. Ein gesunder Konkurrenzkampf ist gut, der muss aber keine zwischenmenschlichen Folgen mit sich bringen. Jake Hirst, der ja auch Stürmer ist, hat mir gleich in meiner ersten Woche ganz viel erklärt und gezeigt. Wir haben uns auf Anhieb sehr gut verstanden, auch weil wir eine ähnliche Geschichte teilen und sehr bodenständige Typen sind. Und vielleicht bilden wir bald gemeinsam die Doppelspitze.

Dein Anspruch ist es, von Anfang an zu spielen?

Basketball ist eine große Leidenschaft von Moritz Reinhard, doch dem Fußball schenkt er selbstredend mehr Gewichtung.

Auf jeden Fall! Alles andere würde meiner Einstellung und meinem Naturell nicht entsprechen.

Die Vorbereitung ist am Montag gestartet. Wie fühlst Du dich?

Ich hatte mir in den Tagen vor der Vorbereitung bei den individuellen Laufeinheiten eine leichte Sehnenreizung im Knie zugezogen. Ich war das Asphaltlaufen nicht gewohnt und hatte auch nicht die besten Laufschuhe. Zum Glück konnte ich dennoch pünktlich mit der Mannschaft starten und bin jetzt voller Vorfreude auf die Vorbereitung und die Rückrunde.

Du gilst als authentischer Typ, der seine Meinung auch klar äußert. Ist das etwas, das es zu bewahren gilt?

Mein Naturell ist es, dass ich zu mir selbst und anderen ehrlich bin. Auch wenn der Erwartungsdruck von außen und der Rummel um mich herum steigen sollte, will ich mich davon nicht verbiegen lassen.

Wie sieht Deine Selbstmotivation aus? Sind mit der Regionalliga bereits all Deine Träume übererfüllt?

Meiner Meinung nach musst du dir immer sagen, dass du der Beste sein willst, weil du sonst nichts erreichen wirst. Für mich wäre „Regionalliga ist schon okay, damit gebe ich mich zufrieden“ überhaupt kein Ansatz, niemals die richtige Einstellung. Vielleicht ist noch viel, viel mehr möglich.

Und wo siehst Du dich in fünf Jahren?

Das ist nicht leicht zu beantworten. Ich hoffe, dass der kurzfristige Weg positiv verläuft. Ich möchte mich für einen neuen Vertrag empfehlen und gerne länger beim OFC bleiben, weil es mir dort schon jetzt wirklich gut gefällt. Wünschenswert wäre es, mit dem Verein in die 3. Liga aufzusteigen, schließlich ist er mit Umfeld und Fans sicherlich sogar zweitligatauglich. Von daher wäre es schön, auch in fünf Jahren noch in Offenbach zu spielen – oder vielleicht sogar noch höher bei einem noch größeren Verein. Aber das liegt an vielen Faktoren. Es kann ganz schnell vorbei sein oder auch passieren, dass irgendjemand etwas in mir sieht und es noch höher geht.

Moritz Reinhard im Porträt

Klamottentechnisch ist Moritz Reinhard schon bestens ausgestattet. Beim OFC wird er die Nummer 30 tragen.

Moritz Reinhard spielte seit seinem fünften Lebensjahr stets für die SG Elters Fußball. In der Vergangenheit meist als defensiver Mittelfeldspieler eingesetzt, agierte er in den zurückliegenden anderthalb Saisons ausschließlich als Neuner und sieht dort auch seine Position für die Zukunft. In der Gruppenliga erzielte er in 46 Spielen 42 Tore. Reinhard wuchs in Elters auf, spielte in der Jugend gemeinsam mit dem zwei Jahre älteren Bruder Jens und wurde dabei von Vater Ferdinand trainiert, der als Kassierer heute noch Vorstandsmitglied der SG Elters ist. Mutter Elke und Schwester Hanna (20) komplettieren die fünfköpfige Familie. Reinhard ist seit vier Jahren mit Freundin Robin liiert.

Reinhard studierte zuletzt an der Universität Bayreuth Sportökonomie. Aktuell wartet er auf das Ergebnis seiner Bachelorarbeit, die er zum Thema „Begeisterungsfaktoren von Running-Schuhen“ verfasst hat. Eine große Passion des 23-Jährigen ist der US-Sport: Ob American Football oder Basketball – Reinhard schaut sich alles an, sofern es die Zeit erlaubt. Einem Basketballer verdankt Reinhard seine neue Rückennummer. Die „30“ trägt mit Stephen Curry auch einer der besten Basketballer dieser Zeit. Vorbilder als Fußballer kennt Reinhard nicht, orientiert sich allerdings an Spielertypen wie Harry Kane. Neben Fußball spielt Reinhard leidenschaftlich gerne Basketball, ein Korb hängt schon seit Kindheitstagen im elterlichen Hof. Auch Tennisplatz, Kraftraum und Laufband benötigt der Sportfreak zum besseren Wohlbefinden. / jg

Autor: Johannes Götze

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