20.07.2019

"Wir werden die Wechsel verbieten"

Petersbergs Vorstand Tom Reinhard will juristisch gegen Abgänge vorgehen

Während Petersbergs Coach Jürgen Krawczyk (links) kadertechnisch die Felle davonschmwimmen sieht, möchte sein Vereinschef Tom Reinhard (rechts) Aaron Neus Wechsel einen Riegel vorschieben.

Die Feierlichkeiten zum 100-Jährigen sind kaum abgeklungen, da durchlebt der ruhmreiche RSV Petersberg seine größte sportliche Krise seit langem: Nach den kurzfristigen Abgängen von Aaron Neu (SV Buchonia Flieden) und Linus Wittke (SG Barockstadt II) scheint der Gruppenligakader nicht konkurrenzfähig. Vereinsboss Jörg-Thomas „Tom“ Reinhard will juristisch gegen die Transfers vorgehen.

Reinhard genießt derzeit im Urlaub an der Amalfiküste Sonne satt, und trotzdem schaut der Petersberger Vorstand gerade ziemlich düster drein. „Ich bin maximal frustriert“, gibt er Einblicke in seine Gefühlswelt. Als wäre der personelle Aderlass den Sommer über mit den Abgängen von Adrian Bleuel, Franz Jestaedt (beide Künzell), Alexander Kilian (Niesig), Kubilay Kücükler (Steinbach), Tim Ströder (Eichenzell), Tim Stenger und Andreas Brzoza (beide Laufbahnende) nicht schon heftig genug, so haben sich unter der Woche auch noch Aaron Neu zum SV Flieden und Linus Wittke zur Zweiten der SG Barockstadt verabschiedet. Dort spielen sie nun als Vertragsamateure, da die Wechsel nach dem 30. Juni zustande kamen.

Eigengewächs Wittke galt als Perspektivspieler, der beim RSV gute Chancen auf einen Stammplatz hatte. Der aus Freiburg stammende Student Neu sollte zum Leader aufsteigen. „Wir haben uns für Aaron bis zum Äußersten gestreckt, ein für Petersberger Verhältnisse exorbitantes Gehalt ausgehandelt. Ich habe ihn im Winter persönlich hierher geholt, er hat mir sein Wort für die neue Saison gegeben und nun das. Nicht nur er, sondern auch andere ehemalige Spieler haben in der jüngeren Vergangenheit kein Rückgrat gezeigt“, ist Reinhard von den Machenschaften im modernen Fußball angewidert.

Reinhard wirft dem Duo Neu/Wittke Charakterschwäche vor, ist aber vor allem wütend ob der Vorgehensweise der aufnehmenden Vereine: „Gerade Flieden. Die klagen ihr Personalleid, absolvieren dann einen Test gegen uns, um daraufhin unseren besten Mann, der mit seinen 21 Jahren noch sehr jung ist und sich vielleicht locken lässt, anzugraben. Da kann ich allen anderen Vereinen nur empfehlen: Macht gegen die kein Testspiel aus! Es kommt euch teuer zu stehen. Eine Riesensauerei ist das.“

Eine Sauerei, die der Petersberger Vorstand nicht so einfach hinnehmen will. Der Jurist möchte „Flieden und Barockstadt das Handwerk legen.“ Reinhard betont, dass die beiden Abgänge gültige Verträge mit dem RSV bis 2020 besäßen – und beruft sich dabei aufs Bürgerliche Gesetzbuch (BGB): „Dort ist klar formuliert, dass ein Vertrag nicht der Schriftform bedarf. Wo kommen wir denn hin, wenn wir für jeden Siebtligaspieler Arbeitsverträge aufsetzen? Da mache ich nicht mit!“ Reinhard habe genug Zeugen und Beweise dafür, dass ein mündlicher Kontrakt bei Neu und Wittke Bestand hätte. „Den Irrglauben, dass nur schriftliche Verträge im Amateurfußball zählen, werde ich aus der Welt schaffen. Ich werde den beiden den Wechsel verbieten – sei es über das Sportgericht oder am Ende das Zivilgericht.“

Happ: Letztlich trifft der Spieler die Entscheidung

Buchonia Fliedens Vize-Vorstand Frank Happ kann den Ärger des RSV verstehen: „Es war nicht die feine englische Art. Uns ist das gleiche Schicksal in der Vergangenheit aber auch schon widerfahren. Letztlich läuft die Wechselfrist bis 31. August, und in Petersberg existierte in unseren Augen kein Vertrag. Die Satzung des Hessischen Fußball-Verbandes gibt den Wechsel her. Und am Ende trifft in letzter Instanz der Spieler die Entscheidung.“ Der Spieler Aaron Neu selbst will sich nicht äußern, habe er doch versucht, alle Ungereimtheiten im Gespräch mit beiden Parteien auszuräumen.

Fragt sich nur, wie die Petersberger dem sportlichen freien Fall entgegenwirken wollen? Trainer Jürgen Krawczyk muss mit einem Rumpfkader arbeiten, in allen Mannschaftsteilen fehlen im Prinzip Stützen. „Wir sind derzeit nicht wettbewerbsfähig“, ist sich Reinhard bewusst. Man müsse nun nach einem Mittelfeldspieler und einem Stürmer Ausschau halten, die liegen zum jetzigen Zeitpunkt aber naturgemäß nicht auf der Straße. Zweifel, dass der erfahrene Coach ob der Misere hinwirft, hat Tom Reinhard aber keine: „Jürgen ist ein Ehrenmann. Da ist ein Wort noch ein Wort.“

Dass auch im eigenen Stall im Hinblick auf die Kaderplanung einiges nicht optimal gelaufen sei, will Reinhard nicht verhehlen, zumal es im Vorstandsteam des RSV dem Vernehmen nach schon länger mächtig knirschen soll: „Wir alle im Vorstand versuchen, nach unseren eigenen und externen Spielern zu schauen, gehen aber noch einem Beruf nach. Aber anscheinend brauchst du mittlerweile sogar im Amateurfußball feste Manager und Scouts. Das ist doch Wahnsinn“, so der Clubboss resignierend.

Hintergrund: Der Amateurvertrag

Entscheidet sich ein Amateurfußballer erst nach dem 30. Juni für einen Vereinswechsel, muss ein Amateurvertrag her. Laut Statuten des Hessischen Fußball-Verbandes (HFV) darf ein Spieler jederzeit wechseln, wenn er nicht vertraglich an seinen alten Verein gebunden ist. Jeder Vertragsspieler muss dann bei einer Minijobzentrale oder Krankenkasse angemeldet werden. Die Verträge müssen Minimum eine Laufzeit bis zum Ende der Saison haben. Das reine Monatsentgelt beträgt 250 Euro.

Autor: Christian Halling

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