21.08.2019

Lemm nach skandalösem Live-Ticker Tage später noch fassungslos

Hessenliga: Satire oder Volksverhetzung?

Ryota Ishii (blaues Trikot) und seine Kollegen des VfB Ginsheim standen nichtsahnend auf dem Platz, als daneben ein mehr als unpassender Live-Ticker angefertigt wurde. Foto: Charlie Rolff

Durch einen skandalösen Live-Ticker geriet der Spielverlauf im Südhessen-Derby der Hessenliga vom vergangenen Freitag zwischen dem VfB Ginsheim und Viktoria Griesheim (1:2) in der Nachbetrachtung völlig in den Hintergrund. Der Fall hat nach diversen Medienberichten dazu geführt, dass die Staatsanwaltschaft Darmstadt Ermittlungen wegen des Straftatbestandes der Volksverhetzung eingeleitet hat.

Gesucht wird die Identität derjenigen Person, die den besagten Live-Ticker dieses Hessenliga-Spiels auf der Internet-Plattform "fussball.de" bediente. Denn hinter dem Pseudonym "ericawege" lieferte der Verfasser nicht nur Informationen zum Spielgeschehen. VfB-Trainer Artur Lemm wurde in den Einträgen mehrfach persönlich angegriffen und übel beleidigt. In der nächsten Stufe der Entgleisungen kamen Verleumdungen hinzu bis zum Vorwurf der Bestechung des Schiedsrichters. "Natürlich hat der Lemm wieder den Schiri bezahlt", war dort zu lesen. Und weiter: "Lemm tobt und drückt dem Schiedsrichter nochmal 500 Euro in die Hand." Diffuse und unrealistische Beschreibungen von einer ausgesprochenen Zeitstrafe gipfelten dann noch in dem menschenverachtendem Vergleich: "Ginsheim schwimmt wie die Flüchtlinge auf Lampedusa."

Der Ginsheimer Coach, der hessenweit einen ausgezeichneten Ruf genießt und den VfB in wenigen Jahren von der Gruppenliga Darmstadt in die Hessenliga führte und mit dem Verein vom Mainspitz-Dreieck auch im dritten Jahr in Hessens Beletage eine gute Rolle spielt, ahnte von alldem nichts, als er auf seinem Stuhl auf den Beginn der obligatorischen Pressekonferenz wartete. Die unnötige 1:2-Niederlage, die zwei verschossenen Elfmeter von Can Özer gingen Lemm durch den Kopf. "Natürlich war ich etwas frustriert vom Spielverlauf und hatte noch zehn Minuten Zeit, bis Griesheims Trainer Richard Hasa und unser Sportlicher Leiter Marcus Spahn (Moderator der Pressekonferenz, Anmerkung der Redaktion) hinzukamen. Da habe ich das Handy genommen und den Ticker überflogen. Ich habe meinen Augen nicht getraut und war fassungslos", schildert Lemm und machte geistesgegenwärtig noch ein paar Screenshots, bevor der Ticker kurz darauf gelöscht wurde.

Mit ein paar Tagen Abstand sieht Lemm drei Dimensionen: "Klar, kann man auch mal einen Ticker machen mit Comedy und Klamauk. Dann ist aber der informative Sinn des Live-Tickers verfehlt. Das wäre dann auch keine Silbe der Erwähnung wert gewesen." Mittlerweile ist ein offener Brief unter einem weiteren Pseudonym veröffentlicht worden, indem die vermeintliche Verfasserin verteidigt wird: Es sei aufgrund des Sprachstils im Ticker doch eindeutig gewesen, dass es sich um eine reine Satire handelte.

Auch Griesheim distanziert sich, fühlt sich aber nicht betroffen

Doch der sozial engagierte Coach sieht das anders, für ihn wiegen die zweite und dritte Dimension schwerer: "Man kann mich auch persönlich kritisieren oder attackieren, das interessiert mich eigentlich nicht. Aber: Wenn von Bestechung die Rede ist oder von 500 Euro dem Schiedsrichter zustecken, wird eine Grenze klar überschritten. Das ist dann keine Satire mehr und hat auch nichts mit schwarzem oder englischem Humor zu tun. Das sind Verleumdungen und Beleidigungen, gegen die wir jetzt vorgehen." Der Lampedusa-Vergleich erzürnt Lemm auch Tage später noch: "So einen Vergleich zu ziehen zwischen einem Fußballspiel und Menschen in Not, die um das Überleben kämpfen, ist unterste Schublade. Das sind keine Lappalien."

Besonders ärgert Lemm aber auch der Zeitgeist, im Internet mehr oder weniger anonym unter der Gürtellinie auszuteilen: "Wir haben nun die Möglichkeit, dagegen vorzugehen und das werden wir so nicht stehen lassen." Lemm sprach die Sache in seinem Statement auf der Pressekonferenz spontan an, ohne mit Moderator Spahn darüber zu sprechen. Ihn hatten Zuschauer während der Partie auf den Ticker aufmerksam gemacht, doch Spahn wollte sich auf das Spiel konzentrieren: "Ich hatte keine Möglichkeit, vor der Pressekonferenz mit Artur zu reden und war geschockt, als er davon berichtete." Der Ginsheimer Funktionär fordert ein Umdenken beim DFB und hofft, dass der Verband in Zukunft nur noch offizielle Vereinsvertreter die Ticker bedienen lässt: "Es kann nicht mehr sein, dass das jedermann einfach so machen kann."

Auch die Griesheimer distanzierten sich vom unsäglichen Live-Ticker, den Zwiebelstädtern war die Sache unangenehm, auch wenn der Spielausschuss-Vorsitzende Uwe Krichbaum eine Beteiligung der eigenen Anhängerschaft ausschließt: "Es gibt keinen Hinweis darauf, dass der Übeltäter aus dem Griesheimer Fanlager kommt. Von daher fühlen wir uns nicht betroffen oder schuldig." Er habe sich in der recht überschaubaren Viktoria-Fangemeinde umgehört und nur Beteuerungen erhalten, mit der Sache nichts zu tun zu haben. "Das war völlig daneben, darüber brauchen wir nicht zu diskutieren. Wir sehen das genauso wie die Ginsheimer, zu denen wir ein gutes Verhältnis haben", betont Krichbaum und ergänzt: "Die Ermittlungen laufen und alles andere ist spekulativ."

Autor: Pedro Acebes

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