10.12.2019

Unparteiischer Schlenzer für die Ewigkeit

Damals...: Als Referee Jochen Koppel in seinem Abschiedsspiel ins Tor traf

Da war noch alles normal: Der frühere Schlüchterner KSO Tillman Bartsch (links) verabschiedet Jochen Koppel vor dem Kreispokalfinale. Archivfoto: Willi Schmitt

Das Schlüchterner Kreispokalfinale am 8. August 2005 lieferte eine der verrücktesten Geschichten, die der Fußball in unserer Region jemals zu bieten hatte. Das Tor von Schiedsrichter Jochen Koppel bleibt für alle Beteiligten unvergessen.

Es war ein Dienstagabend, an dem sich der FV Altengronau und die SG Bad Soden im Finale um den Schlüchterner Kreispokal duellierten. Eigentlich ein wenig attraktives Spiel, was letztlich der souveräne 8:1-Sieg des damaligen Landesligisten SG Bad Soden auch ausdrücken sollte. Doch ausgerechnet das einzige Tor des Außenseiters sorgte deutschlandweit für Aufsehen.

Hauptdarsteller war Schiedsrichter Jochen Koppel, damals der am höchsten pfeifende Referee aus dem Bergwinkel. Der Unparteiische der SG Hutten pfiff seit 1993 Hessenliga (damals die dritthöchste Spielklasse), stand später unter Bundesliga-Schiedsrichter Manfred Schmitt und Manfred Lehnhardt in der Regionalliga an der Linie.

Koppel beendete an diesem Abend im noch zarten Alter von 38 Jahren seine Schiedsrichter-Laufbahn – und das mit einem großen Knall. In der 90. Minute schnappte er sich auf Höhe der Mittellinie den Ball, lief in Richtung Sodener Tor vorbei an den verdutzten Spielern und schlenzte den Ball dann in technisch fast unnachahmlicher Art zum 1:8 ins Tor. Für Sekunden herrschte Ruhe am Sportplatz. Erst nach und nach kapierten die knapp 250 Zuschauer, was sie da eben gesehen hatten. Ein Tor erzielt vom Schiedsrichter.

Laut Koppel sei die Aktion geplant gewesen. „Mit Sodens Martin Bangert war ich zur Schule gegangen und ich hatte immer schon mal mit ihm geflachst, dass ich in meinem letzten Spiel als Referee ein Tor schießen will, wenn ich damit den Spielausgang nicht entscheidend beeinflusse. Bloß geglaubt hat mir das keiner“, denkt Koppel rund 14 Jahre später schmunzelnd zurück.

Vor dem Spiel war Koppel von den heimischen Funktionären noch groß verabschiedet worden, es gab Blumen und nur lobende Worte für seine Leistungen auf dem Feld. „Danach haben wir alle zusammen im Sportlerheim gefeiert und keiner war böse. Alle haben über die Szene gelacht: Die Sodener, die Altengronauer, sämtliche Zuschauer und auch die Funktionäre. Da war nicht einer sauer.“

Außer vielleicht einer der Sodener Spieler. Dem hatte Koppel nämlich an der Mittellinie mit einem Trick den Ball abgeluchst. „Lass’ den Ball mal liegen, ich mache Schluss“, hatte Koppel zu ihm gesagt, später musste der Sodener dafür eine Kiste Bier ausgeben. Grund: „Damals waren die Schiedsrichter ja laut Regelwerk noch Luft. Also wurde als Torschütze derjenige gewertet, der zuletzt am Ball gewesen war. Und das war der Sodener. Und auf ein Eigentor stand im Sodener Strafenkatalog nun mal eine Kiste Bier für die Mannschaft.“

Die Verbandsoberen waren "not amused"

Hätte er geahnt, was mit seiner Aktion auf ihn zukommt, hätte Koppel im Nachhinein aber wohl die Finger davon gelassen. „Irgendwann hat ein Hanauer Journalist von der Sache Wind bekommen und den damaligen Verbands-Rechtswart Torsten Becker angerufen. Beim Verband hatte man bis dahin davon überhaupt nichts mitbekommen. Für mich war es dann das Aus. Der Verband hat mich rausgeschmissen“, erinnert sich Koppel, der eigentlich hessenweit als Schiedsrichterbeobachter losziehen wollte. „Das war damit erledigt.“

Doch Koppels Tor wirbelte nun noch mehr Staub auf. Die Bild-Zeitung berichtete, der Kicker ebenfalls (und zwar im Hochglanzteil auf Seite 2) und schließlich meldete sich auch noch der Fernsehsender RTL. Der wollte Koppel in den Jahres-Rückblick „Menschen, Bilder, Emotionen“ einladen. „Die wollten damals nach Hutten kommen und mit mir die Szene noch mal nachstellen. Ich habe aber abgesagt, weil ich denen klar gesagt habe, dass das Tor technisch so sauber war, dass ich das kein zweites Mal schaffe“, erklärt Koppel lachend. Das ist aber natürlich nicht der wahre Grund: „Die Wahrheit ist ganz einfach, dass die Geschichte plötzlich unheimlich hochgekocht wurde und ich das Schiedsrichterwesen nicht ins Lächerliche ziehen beziehungsweise diesem schaden wollte. Mit einem Fernsehauftritt wäre genau das passiert.“

Auch wenn er als Verbandsmitarbeiter nicht mehr ran durfte, ist Koppel dem Fußball bis heute treu geblieben. Aktuell ist der Familienvater als Teammanager beim Verbandsligisten SG Bad Soden tätig. Dem Club, dem er einst ein Tor „einschenkte“. / kr

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