16.03.2020

„Wir tragen eine große Verantwortung“

Der Fußball ruht / Wie gehen die Vereine damit um? / Wie soll es weitergehen?

Glücklich mit der momentanen Situation sind Zlatko Radic, Trainer von Buchonia Flieden, und Co. nicht. Doch fast alle folgen den Empfehlungen des HFV. Foto: Kevin Kremer

Vorerst bis zum 10. April ruht der Amateurfußball. Kein Punktspielbetrieb, keine Freundschaftsspiele. Zudem sind die Vereine vom Hessischen Fußball-Verband (HFV) angehalten, auch den Trainingsbetrieb ruhen zu lassen.

Hessenliga

Die Verwirrung ist groß. Wie geht es weiter? Geht es überhaupt mit dieser Saison weiter? Schickt man die Vereine womöglich ohne Training und Vorbereitung in die restlichen Partien? Fragen über Fragen, die aktuell noch niemand beantworten kann. Doch wie reagieren die Vereine? Halten sich alle an die Anweisung kein Training anzubieten? Das eine oder andere Flutlicht war am Freitag jedenfalls noch angeknipst.

„Wir treffen uns am heutigen Abend um 17.30 Uhr mit dem Vorstand, um die genaue Vorgehensweise zu diskutieren. Vielleicht können wir ja in kleinen, individuellen Gruppen etwas machen. Irgendetwas müssen die Spieler ja tun, denn ganz ohne Training kann es in vielleicht vier Wochen ja nicht wieder losgehen“, sucht der Schlüchterner Sedat Gören, Trainer des ambitionierten Hessenligisten SG Barockstadt Fulda-Lehnerz, nach dem richtigen Weg.

Gören hat auch eine konkrete Idee, wie es mit der unterbrochenen Saison weitergehen könnte: „Vielleicht sollte man die Mannschaften nehmen, die noch mitten im Auf- und Abstiegskampf sind, und in eine Art Play-Off-Runde schicken. So hätte man weniger Termine und es käme dennoch keine große Wettbewerbsverzerrung auf.“

Keinerlei Trainingsbetrieb gibt es beim Hessenligisten SV Neuhof. Auch hier wird intern nach der besten Lösung gesucht. Der SVN will den Spielern individuelle Trainingspläne zukommen lassen.

Verbandsliga

Eine klare Aussage hat Dominik Weber getroffen. „Fußball ist momentan nur Nebensache“, so der Trainer des Verbandsligisten Hünfelder SV, der die momentane Unterbrechung als absolut alternativlos bezeichnet und seinen Jungs erstmal bis zum 23. März keinerlei Trainingseinheiten anbietet.

„Wir sehen das wie Dominik Weber“, sagt der zweite Vorsitzende des SV Buchonia Flieden, Frank Happ, der am Wochenende eine längere Telefonkonferenz mit allen Trainern (inklusive Junioren) abgehalten hat. „Bis zum 23. März wird bei uns nichts laufen. Danach entscheiden wir von Woche zu Woche immer der Entwicklung und aktuellen Situation angemessen. Ich kann doch beispielsweise keine Kinder und Jugendlichen trainieren lassen, wenn der Staat sogar die Schule absagt“, macht Happ deutlich.

An Diskussionen, wie es denn für den Fall der Wiederaufnahme mit dem Spielbetrieb weitergehen könnte, will sich Happ nicht beteiligen. „Zum Glück muss ich das nicht entscheiden. Fakt ist doch schon jetzt, dass sich die Verantwortlichen das Hirn zermartern werden und es keine optimale Lösung geben wird. Egal wie der Verband in dieser Lage entscheidet, wir werden die Entscheidung so annehmen, wie sie getroffen wird.“

Gruppenliga

Beim Gruppenliga-Spitzenreiter SG Oberzell/Züntersbach gibt es ebenfalls eine klare Aussage zur Empfehlung des Verbandes: „So eine Anweisung ist ja nicht aus der Luft gegriffen. Bei uns läuft nichts, und ich gehe sogar davon aus, dass wir längere Zeit kein gemeinsames Training und keine Spiele bestreiten werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass bis Ostern die Situation wieder derart verbessert ist, dass wir wieder mit Fußball beginnen können“, sagt Trainer Michael Jäger.

Eine klare Linie fährt auch die SG Freiensteinau, deren Vorstand und Trainer sich auf keinerlei Risiko einlassen werden. „Wir tragen momentan alle eine große Verantwortung und sollten sofort anfangen, mit dieser umzugehen. Wenn wir erst warten wollen, bis wir im Bekanntenkreis die ersten Todesfälle haben, dann ist es zu spät“, so die deutlichen Worte von Trainer Heiko Breitenberger, der sich wünscht, dass sich seine Spieler selbst fithalten. „Jeder Spieler bekommt einen individuellen Trainingsplan von mir, den er nach Möglichkeiten absolvieren soll. Aber einzeln, nicht in einer Gruppe.“

Wie es mit der Saison weitergehen soll, dazu hat Breitenberger keine konkrete Vorstellung: „Was ich sagen kann, ist, dass wir Amateure nicht sechs Wochen am Stück jede Woche drei Spiele austragen können. Wir haben beispielsweise einen Kader von 15 Leuten. Das würde Verletzungen geradezu heraufbeschwören. Man kann aber nur appellieren, dass alle Vereine die Entscheidung des Verbandes – egal wie die ausfallen wird – ohne zu murren mittragen werden.“

Keine Diskussion, dass der Trainingsbetrieb eingestellt ist, gibt es auch für Romeo Andrijasevic, den Trainer von FT Fulda. „Der Verband hat jetzt erst einmal bis zum 10. April den Spielbetrieb gestoppt und wird sicherlich so clever sein und die Vereine frühzeitig darüber informieren, sobald es wieder weitergehen kann, damit wir uns dann noch darauf vorbereiten können“, so Andrijasevic. „Von daher machen wir als Verein momentan keinerlei Training, aber die Spieler persönlich sollen sich schon selbst fithalten.“

Beim Nachbarn RSV Petersberg gab es zunächst zwei Lager. Die einen wollten weiterhin trainieren, die anderen pausieren. Schließlich entschied der Vorstand und machte klar, dass es zumindest in dieser Woche schon mal kein gemeinsames Training geben wird. Nach dieser Woche werden die Verantwortlichen die Lage neu bewerten.

Marc Friedel, dem neuen Spielertrainer des Gruppenligisten SG Schlüchtern/Elm, könnte es passieren, dass er mit seinem neuen Team kein einziges Spiel gemacht hat und am Ende als Absteiger gewertet wird – und das obwohl kein anderer Ligakonkurrent in der Winterpause sich so hochwertig verstärkte wie die SG. „Das wäre die krasseste Lösung. Ich persönlich fände es nicht gut, wenn man wie beim Handball die Saison für beendet erklärt und Auf- und Abstiege nach dem aktuellen Tabellenstand entscheidet. Vielleicht schaffen wir es ja, indem wir die Saison um ein paar Wochen verlängern, nur eine ganz kurze Sommerpause machen und erst Mitte oder Ende August mit der neuen Runde anfangen. Aber vorhersagen kann das sowieso niemand.“

In Schlüchtern/Elm hat man sich (vorerst) eine zweiwöchige Trainingspause auferlegt. „Danach bewerten wir die Situation neu. Stand jetzt könnte ich mir aber durchaus vorstellen, dass die vom Verband angeordnete Spielpause über den 10. April hinaus gehen wird“, so Friedel.

Kreisoberliga

Kontrovers diskutiert wurde beim Süd-Kreisoberligisten SG Rückers. „Wir hatten überlegt, ob wir am Freitag noch einmal gemeinsam trainieren und danach bereden, wie wir verfahren. Das haben wir aber abgesagt und stattdessen für zehn Tagen eine Pause verordnet. Danach sehen wir weiter, wobei ich sicher bin, dass sich die ganze Geschichte deutlich länger hinziehen wird“, vermutet der Rückerser Spielertrainer Mirko Gerhard, der hofft, „dass wir vielleicht wirklich zu Ostern oder kurz danach wieder mit der Punktrunde anfangen können. Sollte die Pause aber bis in den Mai hinein andauern, dann müsste man aus meiner Sicht die Saison endgültig abbrechen. Man darf ja auch nicht vergessen, dass die Teams schon Abschlussfahrten gebucht haben, wobei ja auch hier niemand weiß, wie sich das entwickelt.“

Gerhard sieht schon mal etwas Gutes in der misslichen Lage: „Sollte die Saison wirklich abgebrochen werden, dann wäre unsere zweite Mannschaft Meister der B-Liga Schlüchtern. Ob die dann aufsteigen darf oder nicht, das sei mal dahingestellt. Aber wir würden garantiert eine zünftige Meisterfeier veranstalten“, schmunzelt der Coach der Rot-Weißen.

Haimbach trainiert noch

Das Flutlicht brannte am Freitag unter anderem beim B-Ligisten DJK Buchonia Fulda. Allerdings betont Trainer Tobias Kuschke, dass es sich um kein offizielles Training des Vereins gehandelt hat. „Wir halten uns an das Trainingsverbot. Am Freitag haben wir uns noch mit ein paar Jungs zum Kicken getroffen, um im Anschluss die Situation zu besprechen“, so Kuschke, der fragt: „Was sollen wir machen, wenn sich der eine oder andere mit Kumpels zum Fußballspielen verabredet?“

Beim Mitte-Kreisoberligisten Haimbacher SV ist aktuell noch für morgen und für Donnerstag das Training angesetzt. „Das haben wir Mitte letzter Woche so entschieden, aber seitdem haben sich die Ereignisse ja überschlagen“, sagt HSV-Trainer Timo Peikert, der sich im Laufe des heutigen Tages mit den Vereinsoberen beraten wird. „Eigentlich war ich der ganzen Zeit der Meinung, dass wir zu Recht den Jugendbetrieb eingestellt haben, aber das Erwachsene das selbst entscheiden können. Aber mittlerweile muss man sich fragen, inwieweit ein Trainingsbetrieb aktuell wirklich noch Sinn macht.“ / kr

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