19.03.2020

„Panikartige Reaktionen“ auch in Hollywood

Tim Kleemann erlebt die Corona-Pandemie in den Staaten

So kennt man Tim Kleemann aus seiner Zeit als Fußballer: Der 21-Jährige stand unter anderem für den JFVViktoria Fulda, den TSV Lehnerz, den TSVRothemann und zuletzt für den SVSteinbach zwischen den Pfosten. Foto: Charlie Rolff

Das Coronavirus hat die ganze Welt erfasst. Wir haben uns auf die Suche nach Fußballern gemacht, die aktuell im Ausland leben und wollten wissen, wie man dort mit der Pandemie umgeht. Tim Kleemann, zuletzt Torwart beim SVSteinbach, erlebt die Katastrophe derzeit in den USA.

Rückblende: In der Winterpause hatte der 21-Jährige seine Laufbahn als Fußballer unterbrochen. Neun Mal stand er bis dahin in der Startelf des Hessenligisten, dann erfüllte er sich seinen Traum. Im Januar zog Kleemann nach Hollywood, besucht seitdem in Los Angeles das Kings College, eine internationale Sprachschule, die auch Schauspielunterricht anbietet. Kleemann besucht dort den Travel-Kurs, der der Vorbereitung für sein Cambridge-Examen dient.

„Dieses Examen ist für mich sehr wichtig, weil es einen Nachweis bietet, dass man perfekt Englisch spricht, was später für Bewerbungen in Unternehmen absolut relevant ist“, erklärt Kleemann die Hintergründe. Geplant ist, dass er bis Anfang Mai in den Staaten bleibt, „wobei es durchaus etwas länger werden kann, denn schon jetzt ist es nicht einfach, Flüge zu bekommen.“

Das Trinkwasser wird knapp

Limitiert: Maximal zwei Flaschen Wasser darf man in den Supermärkten in Los Angeles aktuell auf einmal kaufen.

Das alles ist aktuell aber sowieso beinahe Nebensache, denn das Coronavirus macht auch vor den Menschen rund um den Walk of Fame nicht Halt.

„Die Lage hier ist schon extrem“, erklärt Kleemann. Alle Fitnessstudios, Bars und Restaurants haben vorerst bis zum 31. März komplett geschlossen. An den Gaststätten prangen Schilder mit der Aufschrift „Only take away“ – alles nur zum Mitnehmen.

„Vor den Supermärkten stehen die Leute Schlange. Es darf immer nur eine bestimmte Anzahl an Menschen gemeinsam in den Markt“, erzählt Kleemann, der von erheblichen Engpässen berichtet. „Beispielsweise wird das Trinkwasser knapp. Da man das Leitungswasser nicht trinken kann und sich die Leute regelrecht auf das Trinkwasser stürzen, darf man pro Person maximal noch zwei Flaschen Trinkwasser kaufen.“ Ähnlich eng wird es in Sachen Papiertücher aller Art. „Überall ist fast alles ausverkauft. Auf öffentlichen Toiletten sucht man Klopapier meistens vergebens.“

"Panik ist allgegenwärtig"

Nichts los: Wo sich sonst die halbe Stadt auf einen Kaffee trifft, herrscht gähnenden Leere. Das Starbucks in Hollywood ist wie leer gefegt. Fotos (2): Tim Kleemann

In der Stadt begegnet man den meisten Leuten nur noch mit Mundschutz und Handschuhen – und das bei tagsüber um die 20 Grad Durchschnittstemperatur. „Die Schulen und Universitäten haben mittlerweile geschlossen“, sagt Kleemann, der von panikartigen Reaktionen mancher Mitschüler erzählt.

„Die Panik ist wirklich allgegenwärtig. 50 Prozent der Studenten sind am Dienstag, nachdem auch unsere Schule geschlossen wurde, abgereist. Und das in einer wirklich panischen Aktion. Besonders die Franzosen. Die haben teilweise ihre Koffer vergessen. Die wollten alle nur so schnell wie möglich zurück nach Frankreich“, sagt der Fuldaer, der die Reaktionen für durchaus überzogen hält.

„Die amerikanischen Krankenhäuser sind wirklich vorbildlich. Da muss sich niemand Sorgen machen. Vor ein paar Jahren wurde ich hier mal operiert, und ich bin der Meinung, dass die Krankenhäuser vielleicht sogar besser sind als in Deutschland. Ich persönlich mache mir, falls ich wirklich infiziert werden sollte, überhaupt keine Sorgen, dass die Behandlung nicht hervorragend wäre.“

Kleemann lässt die Pandemie relativ kalt. „Ich vertraue da ganz meinem Immunsystem und meiner körperlichen Fitness. Ich glaube, dass mein Körper damit klar käme.“

Training mit dem Ex-Coach von Mike Tyson

Da die öffentlichen Fitnessstudios geschlossen haben, hält sich Kleemann aktuell bei Bekannten fit, die zu Hause ein eigenes, kleines Studio haben. Geschlossen hat auch der Boxclub, in dem sich Kleemann sonst auf Vordermann trimmte. Im „Wild-Card-Boxing-Club“ hat Kleemann die Möglichkeit, mit bekannten Stars zusammen zu trainieren. Coach und Inhaber dort ist mit Freddie Roach der ehemalige Trainer von Mike Tyson, der im Schwergewichtsboxen einst der erste Weltmeister war, der von allen drei Boxverbänden anerkannt wurde.

Einen Fußballverein hat Kleemann in den Staaten übrigens nicht: „Ich habe nicht danach gesucht, weil mein Interesse in den USA zu spielen nicht allzu groß ist.“

Und wie geht er mit der Schulpause um? „Dadurch, dass wir nun drei Wochen unterrichtsfrei haben und uns im Homeoffice befinden, haben wir neue Möglichkeiten. Mal sehen, was noch geht.“ Ein Trip mit Kumpels ins vier Stunden entfernte Las Vegas ist zumindest nicht mehr möglich, weil dort unter anderem sämtliche Casinos geschlossen haben. / kr

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