27.03.2020

Idrissou sollte Rot-Weiss aus dem Keller schießen

Verbandsliga Süd: Ex-Hessenligist auf Abstiegsplatz

Wieder ein prominenter Fußballer bei Rot-Weiss Frankfurt: Ex-Profi Mohamadou Idrissou (Mitte) gab im Punktspiel bei RW Darmstadt sein Debüt. Foto: Mithat Gürser.

Für die osthessische Fußballgemeinde ist Rot-Weiss Frankfurt seit rund zwei Jahren aus dem Blickfeld verschwunden. Der Verein vom Brentanobad, der zweimal in Folge in der Aufstiegsrunde zur Regionalliga Südwest scheiterte und dann nach dem Auseinanderbrechen der erfolgreichen Mannschaft aus der Hessenliga abstieg, spielt aktuell im zweiten Jahr in Folge in der Verbandsliga Süd. Dort steht der Traditionsverein in der Abstiegszone. Wir liefern eine Bestandsaufnahme und blicken im Gespräch mit Präsident Ersan Dincer auf die Entwicklung der letzten Jahre zurück.

Rot-Weiss Frankfurt war schon immer ein spezieller Verein und lieferte in den letzten Jahren desöfteren überregionale Schlagzeilen. In Erinnerung geblieben ist natürlich das zweimonatige Intermezzo von Mario Basler als Trainer, welches damals von Oktober bis Dezember 2017 medial eine große Beachtung fand. Dincer, der kurz vor der Vorstellung des ehemaligen Nationalspielers die Nachfolge von Ottmar Klauß im Präsidentenamt übernommen hatte, bewertet die Episode mit großem zeitlichen Abstand sachlich und nüchtern: "Es war sicherlich eine Erfahrung wert und wir wissen heute, dass es nicht gefruchtet hat." Mit aller Macht hatte der Club in den Vorjahren versucht, unter der Regie des heutigen Gießener Trainers Daniyel Cimen die Viertklassigkeit zu erreichen.

Man leistete sich die besten Spieler, die in der Rhein-Main-Region auf diesem Niveau zur Verfügung standen und lebte über den eigenen Verhältnissen. Dinge, die Dincer nicht bewerten will und kann, da sie vor seiner Amtszeit geschahen. "Es wurden viele Topspieler geholt, die gerne für Rot-Weiss spielten und untereinander befreundet waren", merkt der Vorsitzende dazu an. Im Sommer 2017, nach dem zweiten Scheitern in der Aufstiegsrunde, verließen die meisten Leistungsträger den Verein. Der Club stürzte im letzten Hessenliga-Jahr von Beginn an in die Abstiegszone, der neu zusammengestellte Kader genügte den Ansprüchen nicht.

"Schuldenlast war zu diesem Zeitpunkt enorm"

Vergangene Zeiten: Ersan Dincer stellt am 12. Oktober 2017 Mario Basler als Trainer vor. Foto: Mithat Gürser.

Cimen wechselte noch im September zum damaligen Ligakonkurrenten Watzenborn-Steinberg, auch unter Basler ging es nicht bergauf und letztlich übernahm im Winter nach der Abmeldung der Zweiten Mannschaft aus der Verbandsliga Süd Hicham Tahrioui das Zepter, der nach weiteren Abgängen mit vielen jungen Leuten den Klassenerhalt nur um einen Punkt verpasste. "Wir hatten das Pech, dass Hessen Kassel durch die Insolvenz neun Punkte abgezogen bekam und dadurch aus der Regionalliga abstieg, weswegen es uns als Drittletzten traf. Aber letztlich war das auch gut so, denn wir hätten die Kosten für ein weiteres Hessenliga-Jahr nicht tragen können. Die Schuldenlast war zu diesem Zeitpunkt enorm", betont Dincer.

Die sportliche und wirtschaftliche Konsolidierung war in der Verbandsliga das Ziel und auch hier baute man mit Slobodan Komljenovic auf einen Trainer mit Profierfahrung, der die "Roten" im ersten Jahr auf Rang neun und zum erstmaligen Kreispokalgewinn seit 1994 führte. Aufgrund der gut aufgestellten Jugendabteilung - U19 und U17 spielen in der Hessenliga, die U15 hat gerade den Sprung in die Regionalliga geschafft - konnten zahlreiche Eigengewächse in den Seniorenbereich übernommen werden. "Die Jugend ist unser Faustpfand. Diesen Kurs wollen wir beibehalten. Doch leider wurden uns im letzten Jahr auch Talente weggekauft", berichtet der Präsident.

Defensive Stabilität, Idrissou soll Sturmprobleme lösen

Wirtschaftlich habe der Club auch dank der akribischen Arbeit des Verwaltungsratsvorsitzenden Jürgen Strödter und des Sportlichen Leiters Peter Krawczyk große Fortschritte gemacht: "Die Konsolidierung ist fast abgeschlossen. Es fehlt nicht mehr viel, um schuldenfrei zu sein." Sportlich bestach die aktuelle Runde durch defensive Stabilität, denn nur 34 Gegentore bilden den sechstbesten Wert der Liga, zuletzt blieben die Frankfurter in vier von fünf Partien ohne Gegentor. Wo es haperte, war die Offensive mit nur 28 Toren. Nur der Frankfurter Lokalrivale FFV Sportfreunde hat genauso wenige Tore erzielt. Unterboten wird diese Bilanz in der engen Süd-Staffel nur noch von der Reserve des VfB Ginsheim mit 26 Toren. Verstärkung im Sturm musste her und wurde mit dem 40-jährigen früheren Eintracht-Stürmer Mohamadou Idrissou gefunden.

Der Kameruner spielte in der Bundesliga für den SC Freiburg, Hannover 96 und Borussia Mönchengladbach und geriet zuletzt in Österreich, wo er für den Viertligisten DSV Leoben kickte, in Abschiebehaft. Ihm fehlte in der Alpenrepublik das nötige Aufenthaltsvisum, sodass Idrissou bei seiner Einreise festgenommen wurde. Zurück in Deutschland, wo er über eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis verfügt, einigte sich Idrissou mit Strödter auf eine auf Fahrtkosten und Spesen basierende Aufwandsentschädigung. Seinen Torriecher konnte der Stürmer vor dem Beginn der Corona-Unterbrechung im Kreispokal-Halbfinale gegen den ambitionierten Kreisoberligisten TSKV Türkgücü unter Beweis stellen.

Dincer geht vom Saisonabbruch aus: "Wir werden Einschnitte hinnehmen müssen"

Beim 3:2-Sieg glückten dem Angreifer nach einem 0:2-Pausenstand zwei Treffer zum erneuten Finaleinzug. "Deswegen haben wir ihn geholt, denn solche Tore haben wir uns erhofft", sagte Komljenovic danach. Und auch Dincer ist davon überzeugt, dass der Torjäger die "Roten" aus dem Keller geschossen hätte, doch nun liegt auch am Brentanobad wie überall alles brach. "Einnahmen fallen weg, Sponsorengespräche gestalten sich schwierig. Wir werden Einschnitte hinnehmen müssen", sagt Dincer, der von einem Abbruch der Spielzeit ausgeht: "Selbst wenn es im Mai wieder losgeht, kannst Du ohne Training wegen der Verletzungsgefahr nicht alle drei Tage spielen."

Wichtig sei es, dass der Verein überlebe, denn schließlich habe man alles dafür getan, um nicht Insolvenz anmelden zu müssen und man habe angesichts des 120-jährigen Jubiläums im nächsten Jahr durchaus Ziele: "Langfristig ist die Hessenliga-Rückkehr das große Ziel." Am liebsten mit Komljenovic, dessen Vertrag im Sommer ausläuft: "Wir sind mit seiner Arbeit bestens zufrieden." Dem Verein bis heute treu geblieben ist Patrick Gürser, der außer einem Gastspiel bei einem College-Team in den USA immer für Rot-Weiss spielte. "Ein Vollblut-RWler und Toptyp, solche Charaktere sind für einen Verein wichtig", lobt der Präsident den Spielführer.

Autor: Pedro Acebes

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