28.03.2020

Der Beginn einer Ära

Als Borussia Fulda das Laufen lernte / 9:6 gegen Offenbach – das verrückteste Spiel

Spielszene aus den 1930er Jahren. Wer Borussias Gegner im gestreiften Trikot war, ist leider nicht übermittelt. Foto: Hubert Weber / Stadtarchiv

Die Historie von Borussia Fulda sucht in Osthessen ihresgleichen. Im ersten Teil unserer Rückblende gehen wir auf die Gründungsjahre und die Zeit bis nach dem zweiten Weltkrieg ein.

Josef Kollmann, Georg Lüderitz, Johannes Helmke, Emil Grau, Karl Salomon, sowie Robert Plack und Gustav Plack – das waren die sieben Männer, die im Jahr 1904 den heutigen SC Borussia Fulda gründeten. Damals hieß der Verein zunächst 1. FC Borussia 04. Damals war man hinter FT Fulda der zweite Fußballverein in der Stadt.

Gern gesehen waren die Fußballer zu dieser Zeit noch nicht. Vielmehr hatten die ersten Kicker noch den Ruf der unerzogenen, bösen Buben. Mit Vereinsgründung hatte die interessierte Fuldaer Jugend dann zumindest einen Anlaufpunkt, wo man einen richtigen Ball zum spielen zur Verfügung hatte. Draußen kickte man noch mit Blechbüchsen, und nach klaren Regeln fragte auf der Straße nicht wirklich jemand.

Das erste Spiel war ein 0:7

Das erste wirkliche „Wettkampfspiel“ der Borussia soll den Überlieferungen zufolge eine Partie gegen den FC Gelnhausen gewesen sein. Mit 0:7 hat die Fuldaer Mannschaft diese Premiere deutlich verloren.
„Lieblingsgegner“ der Fuldaer war zunächst die Mannschaft des Landeserziehungsheims von Schloß Bieberstein (so hieß es damals tatsächlich). Mehrfach traf man sich im Wechsel entweder in Langenbieber oder aber in Fulda.

Bis zum Jahr 1908 hatte man sich bereits in die erste Liga des neunten Bezirks nach oben geschossen. Mit dem Erreichen dieser damals höchsten Spielklasse wurde auch das erste Sportgelände an Borussia Fulda übergeben, das sich am Wallweg befand. Schnell hatte der Verein über 70 Aktive an Bord und in diesem Jahr 1909 gab es auch gleich das erste überregionale Achtungszeichen, als man bis ins Endspiel des sechsten hessischen Bezirks kam und dort in Gießen gegen den Kasseler Fußballverein nach einer 3:1-Pausenführung letztlich 4:7 unterlag.

Schon 1911 qualifizierte sich das Team um Spieler wie Josef Schindewolf, Hans Hahner, Willi Huck oder Emil Staubach erstmals für die Spiele um die Westdeutsche Meisterschaft. Man kam bis in die Zwischenrunde, verlor gegen Olympia Osnabrück aber kurz vor Ende durch einen Handelfmeter mit 2:3. Unvergessen aus dieser Zeit ist ein Endspiel um den Wasserkuppenpokal, einem Wanderpokal, der viele Jahre im Rahmen des hoch angesehenen Rhönturnfestes ausgespielt wurde. Über vier Stunden „bekriegte“ man sich im Finale gegen Hanau 93, ohne das auch nur ein einziges Tor gefallen wäre. Schließlich waren die Spieler derart erschöpft, dass nichts mehr ging. Eine Woche später wurde das Spiel fortgeführt und nach einer weiteren halben Stunde gelang der Borussia das Siegtor.

Es folgte der erste Weltkrieg (1914 bis 1918), der das Fußballgeschehen zu erliegen brachte und jede Menge Aufbauarbeit, damit der Sport im Anschluss wieder angekurbelt wurde. Leute wie Max Hüttenmüller, Carl Pauly, Adolf Jäger, oder Peter Gerlach sorgten aber dafür, dass der Fußball wieder relativ schnell seinen „Betrieb“ aufnahm. 1920 hatte Borussia Fulda schon wieder fünf (!) aktive Mannschaften und über 400 Mitglieder. So sahen mehr als 2000 Zuschauer ein Freundschaftsspiel in dieser Zeit gegen den Freiburger FC.

Jetzt nahm der Fußball quasi in allen Orten und Städten eine vorher nie geahnte Entwicklung. Plötzlich wollte jeder dabei sein, neue Vereine sprießten geradezu aus dem Erdboden. Entsprechend entwickelte sich auch nach und nach das Spielsystem. So wurde eine Kreisliga Fulda/Kassel ins Leben gerufen, der neben der Borussia auch Lokalrivale Germania Fulda sowie Vereine wie Hessen Hersfeld oder Hermania Kassel angehörten. Und aus dem 1. FC Borussia war inzwischen der 1. SC Borussia geworden. Gespielt wurde in den neuen Ligen zunächst in einem Zwei-Jahres-System. Beispielsweise gab es die Saison 1924/1926. Danach wurde Borussia Fulda dann der neuen Gauliga zugeteilt – als einziger Club der Region.

1929 schon 8000 Besucher

Die Zuschauer in den 1930er und 1940er Jahren strömten in Massen zu den Spielen. Foto: Hubert Weber / Stadtarchiv

Spätestens das Jahr 1929 zeigte dann, was im Fußball plötzlich möglich war. Borussia und Kurhessen Kassel lieferten sich ein packendes Titelrennen und der Fußballgott wollte es so, dass am letzten Spiel die beiden Rivalen im direkten Duell aufeinandertrafen. Sage und schreibe 8000 Zuschauer kamen an den Platz nach Kassel, über 500 kamen aus Fulda angereist. Nimmt man die damals noch erschwerten Bedingungen bei der Anreise, eine fast unglaubliche Zahl. Das Happy-End blieb aber aus. Borussia verlor mit 0:2 und Kurhessen Kassel zog auf der Zielgeraden noch in der Tabelle vorbei.

Dennoch sollte es die Geburtsstunde der vielleicht größten Zeit in der Borussen-Geschichte werden. War man eben noch weit weg von den schon damals bestehenden Fußball-Hochburgen wie Schalke 04 oder dem 1. FC Nürnberg, fand man sich nur wenig später plötzlich mittendrin wieder.

Nach fünf knapp verpassten Anläufen zog man ins Endspiel um die Westdeutsche Meisterschaft ein. 45?000 Zuschauer kamen zum Finale ins Müngersdorfer Stadion nach Köln. Borussia spielte gegen Schalke 04 und verlor 1:3. Doch der Name Borussia Fulda war in der ganzen Republik bekannt. Zumal man erstmals an der Endrunde um die deutsche Meisterschaft teilnehmen durfte, hier aber gegen den 1. FC Nürnberg 2:5 unterlag. Es war die Mannschaft um Spieler wie Heini Hessberger, Kapitän August Hossfeld, Josef Kammerl, Willi Leugers, Clemens Maintz, Hugo Büchner und Franz Bonard. Trainer zu dieser Zeit war Karl Willnecker.

1933 stand die Borussia im Halbfinale um die westdeutsche Meisterschaft. Es war der 9. April, als der SCB im mittlerweile längst abgerissenen, aber legendären Düsseldorfer Rheinstadion gegen die Fortuna antrat. Das 1:2 war eine der bittersten Niederlagen der Vereinsgeschichte, denn besiegelt wurde das Ausscheiden durch einen höchst umstrittenen Elfmeterpfiff eines Referee aus dem benachbarten Mönchengladbach, der Düsseldorf den Sieg „schenkte“. Wenige Wochen später wurde die Fortuna dann übrigens Deutscher Meister.

Das Spiel wurde damals im Hörfunk live übertragen. Und wer keinen Volksempfänger besaß, der konnte beim „Public-Viewing“ im Fuldaer Stadtsaal am Spiel teilhaben. 60 Pfennige Eintritt kostete die Veranstaltung damals.

Fünfmal um den deutschen Titel

Erneut ein Jahr später klappte es dann mit der zweiten Qualifikation für die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft. Diesmal lieferte man dem 1. FC Nürnberg einen mega Fight. 12?500 Zuschauer sahen zunächst eine 1:2-Heimniederlage, ehe die Borussia dem „Club beim 1:1 im Rückspiel bis zur letzten Sekunde die Hölle heiß machte. Leute wie Karl Engelhardt oder Ernst Hofmann waren mittlerweile neu dazu gekommen.

Zwischen 1932 und 1944 erreichte die Borussia ganze fünf Mal die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft. In den frühen 1940er-Jahren – jetzt wurde man mit den Reichsbahnern fusioniert und hieß RSG Borussia Fulda – als man in den Endrunden nacheinander an Schalke 04 (1:2, vor 15?000 Zuschauern in der Johannisau), Hannover 96, dem SV Dessau (1943, 0:2) und dem Dresdner SC (1944, 2:9, vor 8000 Zuschauern) scheiterte, wechselten Spieler aus der ganzen Republik nach Fulda. So kam der spätere Bayern-Spieler Anton Huber von 1860 München in die Johannisau. Längst war die Zeit von Akteuren wie Otto Kreß, Ludwig Gärtner, Ludwig Beck, Alfred Ahnert oder Torwart Karl Flinner angebrochen, die trotz der Wirren des zweiten Weltkrieges dreimal in Serie die Meisterschaft in der Gauliga einfuhren.

Aus dieser Zeit stammt auch das vielleicht verrückteste Spiel der Vereinsgeschichte – ein Pokalduell gegen Kickers Offenbach. Der OFC führte Borussia hier zunächst nach allen Regeln der Kunst vor. Nach einer halben Stunde führte Offenbach sage und schreibe mit 5:0. Die Borussia kam nach einer wilden Aufholjagd auf 4:5 heran, ehe nach dem 4:6 das Spiel eigentlich endgültig verloren schien. Drei Tore von Schaffert brachten aber die für schier unmöglich gehaltene Wende. Borussia machte aus dem Rückstand noch einen unvergessenen 9:6-Sieg.

Randnotiz zur Borussen-Serie

Im nächsten Teil unserer Serie über Borussia Fulda lesen Sie, wie sich die Entwicklung des Vereins nach Kriegsende fortsetzte.

Borussia Fulda ist der sportlich erfolgreichste Club Osthessens. In ihrer mittlerweile 116-jährigen Vereinsgeschichte hat die Borussia viele Höhen und Tiefen erlebt. In den kommenden Wochen blicken wir in einer Serie auf die Geschichte des Vereins zurück. In regelmäßigen Abständen (meist an den Samstagen) wollen wir so an die Glanztage, aber auch an die schweren Zeiten des Traditionsvereins erinnern.

Die Gründungszeit bis nach dem zweiten Weltkrieg fassen wir an dieser Stelle in einem großen Text zusammen. Ab der Saison 1945/1946 folgt eine chronologische Auflistung jeder einzelnen Spielzeit, in der auch viele bekannte Namen Erwähnung finden, die das Vereinsgeschehen teils intensiv geprägt haben.

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