SV Roland war einst Flaggschiff

Aus einem Jux wurde die Oberliga

26. November 2020, 08:43 Uhr

Neun Jahre nach der Auflösung spielten die Damen des SV Roland Rothenkirchen bei einem Freundschaftsspiel, allerdings in den Trikots des FSV Schwarzbach, nochmal auf. Foto: Verein

Sechs Jahre nach dem ersten Frauenfußballspiel in der Region war es soweit: Der Bezirk Fulda gestattete Spiele in seinem Hoheitsgebiet. Eines der acht Teams, das fortan um Punkte kämpfte, war der SV Roland Rothenkirchen. Die Damen des SVR schrieben eine knapp 15-jährige Erfolgsgeschichte und waren mehrere Jahre das Flaggschiff in Osthessen.

Manchmal benötigt es eine Kaffeefahrt, um gute Ideen aus dem Boden zu stampfen. So lässt sich der Anfang der Geschichte rund um die Damenabteilung in Rothenkirchen beschreiben. Auf einer Busfahrt kam dem 2002 verstorbenen Peter Saar der Gedanke, den Verein im Burghauner Ortsteil um eine weitere Abteilung zu bereichern. Welchen Stein er damit ins Rollen brachte, war ihm 1974 noch nicht bewusst. „Eigentlich war es ein Jux, aus dem etwas Großartiges entstanden ist“, beschreibt Saars Sohn Michael. Sein Vater und er waren die einzigen Trainer, Peter führte das Amt von 1974 bis 1986 aus, ehe der Initiator aus gesundheitlichen Gründen von Michael abgelöst wurde.

Gerade einmal 20 Jahre war Saar junior bei der Übernahme. Fortan sollte er gestandene Frauen trainieren. „Da machst du dir anfangs Gedanken, ob das funktioniert. Aber es lief“, unterstreicht er und spielt damit auf herausragende Jahre in der höchsten deutschen Spielklasse an. Ab 1985 gehörte der SVR der Oberliga an, agierte dort fünf Spielzeiten und war längst das Aushängeschild in Osthessen. Zwei vierte Plätze (1987 und 1988) waren das i-Tüpfelchen. Michael aber betont, dass er quasi nur die tolle Arbeit seines Vaters fortgeführt und noch etwas verfeinert habe.

Denn Erfolge waren seit der Gründung das, was Rothenkirchen ausmachte: die Bezirksmeisterschaft 1978, neun Regionalpokalsiege in elf Jahren zwischen 1977 und 1987 oder aber die Vizemeisterschaften in der Verbandsliga Nord 1984 und 1985. Unter der Leitung von Saar senior begeisterte der Club. „Und die Leute haben das anerkannt. Ein Heimspiel war stets ein Highlight, Zuschauer kamen von überall her. Nicht wegen der Frauen, sondern wegen des Fußballs. Technisch war das sehr ansehnlich. Dumme Sprüche habe ich nie gehört“, berichtet Michael Saar.

"Gut, dass die Demokratie gesiegt hat"

Der erste Auftritt der damaligen Damenmannschaft bei einem Einlagenspiel auf dem Sportfest des SV Roland Rothenkirchen im Jahr 1974. Foto: Verein

Dabei stieß das Projekt zu Beginn nicht bei allen auf offene Ohren. Georg Burghardt, damaliges Vorstandsmitglied und von 1980 bis 1987 Vorsitzender des Vereins, richtete sein Augenmerk eher auf den Juniorenfußball. „Die Demokratie im Vorstand hat aber gesiegt. Und im Nachhinein muss man sagen, dass das gut war. Der Erfolg war und ist unübersehbar. Diese Mannschaft hat in den Achtzigern unseren Club hessenweit bekanntgemacht“, schildert der mittlerweile 81-jährige Burghardt. Besonders das Engagement von Peter Saar und seiner im vergangenen Jahr verstorbenen Frau Hannelore bleibt Burghardt auf ewig in Erinnerung: „Ohne die Familie Saar hätte es die Damenmannschaft nie gegeben. Peter hat die Spielerinnen aus vielen Ecken nach Rothenkirchen geholt und etwas Einmaliges aufgebaut. Finanziell haben wir von der Hand in den Mund gelebt, ohne Spenden von ein paar Edelfans wäre es nicht stemmbar gewesen. Zudem hat Peter quasi sein eigenes Geld mit reingesteckt.“

Geschichten noch und nöcher fallen Michael Saar aus der Zeit vor über 30 Jahren ein. Egal ob lustige Auswärtsfahrten ("Auf dem Hinweg Richtung Frankfurt hat unsere Stürmerin Grog getrunken. Sie war besoffen, dennoch habe ich sie spielen lassen. Wir haben zwar hoch verloren, aber unsere beiden Tore kamen von ihr"), vermeintliche Adduktorenzerrungen oder die vielen vollen Stiefel mit dem damaligen In-Getränk Persiko – in den Dorfkneipen war die Laune immer prächtig. Bis 1991 das Aus folgte. „Die Auflösung war unumgänglich und ging allen sehr nah“, beschreibt der heute 54-Jährige mit einer Portion Wehmut. Der Kader war zu ausgedünnt. Das Flaggschiff der Region räumte seinen Platz. Doch so ganz verloren sich die Wege nicht. Erst ein Freundschaftsspiel 1999, ehe schließlich 2006 das Peter-Saar-Gedächtnis-Spiel über die Bühne ging. „Dafür haben wir extra einige Wochen vorher trainiert“, erinnert sich Michael Saar zurück.

Der zeitliche Ablauf

1974: Gründung der Abteilung Damenfußball unter der Leitung von Peter Saar.
1976: Im März 1976 wurde der Pflichtspielbetrieb in der Bezirksliga aufgenommen.
1980: Teilnahme an der Verbandsliga mit Rang zwei (1984, 1985) als bester Platzierung.
1983: Gründung einer zweiten Mannschaft, die sechs Jahre später wieder abgemeldet wurde.
1985: Teilnahme an der Oberliga (damalige höchste Spielklasse) mit Rang vier (1987, 1988) als bester Platzierung.
1990: Abstieg aus der Oberliga. Im Folgejahr löste sich die Damenmannschaft auf.

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