Das ist Jochen Breideband

Der Besessene betritt die Bühne

12. Januar 2021, 09:40 Uhr

Hallo, hier bin ich: Jochen Breideband übernimmt im Sommer den 1. FC Erlensee. Foto: Patrick Scheiber

Als Jochen Breideband vor neun Jahren beim „Hanauer Anzeiger“ verabschiedet wurde, bezeichnete ihn ein Kollege als „Besessenen seiner Leidenschaften“. Welch treffende Formulierung für den zukünftigen Coach des Hessenliga-Schlusslichts Erlensee.

Denn man könnte meinen, dass Jochen Breideband statt Luft Fußbälle atmet. Er studierte Sport und Germanistik, volontierte beim Hanauer Anzeiger, arbeitete dort anschließend als Sport-Redakteur und verabschiedete sich im Februar 2012 in Richtung DFB. Erste große Aufgabe in Frankfurt: Er war maßgeblich an der inhaltlichen Neuausrichtung von fussball.de zum reinen Amateurfußballportal beteiligt. Mittlerweile trägt er den sperrigen Titel „Themenmanager 3. Liga und Amateurfußball“. Auf gut Deutsch: Er ist Pressesprecher der 3. Liga und darüber hinaus zuständig für allerlei Presseanfragen, die den Amateurfußball betreffen.

Fußballer ist er von Hause aus. Opa Breideband hütete in Niederrodenbach das Tor, Papa Breideband war an gleicher Stelle Stürmer und später sogar Vorsitzender. Und Jochen Breideband ist der einzige Ehrenspielführer der Germania, war anschließend achteinhalb Jahre Trainer, half noch mit 43 in der Gruppenliga als Innenverteidiger aus und kickt heute, zwei Jahre danach, ab und an in der Reserve. Germania Niederrodenbach ist Jochen Breideband, Jochen Breideband ist Germania Niederrodenbach.

So eine enge Verzahnung hat jedoch auch ihre Tücken. Vor einem Jahr kündigte er seinen Abschied als Trainer an – ernsthafte Angebote blieben zunächst aus. Obwohl ihm ein guter Ruf als Trainer vorauseilt – über die Kreisgrenzen hinaus. Manch einer dachte wohl, so unkt Breideband schmunzelnd, dass er aufgehört hätte. Einmal Germania, immer nur Germania? Nicht als Trainer. Breideband blieb am Ball: Bei Regionalligist Bayern Alzenau hospitierte er in den vergangenen drei Monaten unter Trainer Artur Lemm, gewann neue Einblicke. Erlebte vor allem, wie ein Trainer mutigen Fußball vorlebt – bei einem ausgemachten Abstiegskandidaten. Breideband trainierte und spielte bis dato maximal in der Gruppenliga.

Bereits als Innenverteidiger hätte er wohl zu mehr getaugt, doch sein einspannender Job als Sport-Journalist ermöglichte das nicht. Trainingseinheiten musste er wegen Spätdiensten nicht selten sausen lassen, die Sonntage gerieten zu echten Stresstests. Um 9 Uhr in die Redaktion, von dort direkt an den Sportplatz, und ab 17.30 Uhr wieder Redaktion. Oft bis Mitternacht. Verrückt sei er, sagten Mitspieler und Kollegen.

Doch Breideband fühlt sich spätestens jetzt bestätigt. Ohne diese Verbissenheit, ohne diesen Ehrgeiz, ohne diese besondere Leidenschaft hätte er weder als Spieler noch als Trainer oder beruflich der werden können, der er jetzt ist. Apropos ehrgeizig: Als er las, dass in Erlensee der langjährige Trainer Tobias Heilmann im Sommer aufhören werde, arbeitete es in ihm. Eine Nacht schlief er über seine Absicht, dem Vorsitzenden eine Interessenbekundung per Whats-App zu senden – dann tat er es. Er wurde initiativ – und findet das ganz normal. Schließlich hatte er richtig Lust, warum dann nicht selbst den ersten Schritt unternehmen.

Beim DFB landete er auf ähnliche Art und Weise. Da allerdings erst im dritten Versuch. Diesmal ging alles deutlich schneller. Ein paar Nachrichten, Telefonate und zwei persönliche Treffen später stand die Entscheidung fest. Breideband, die treue Seele, übernimmt ab Sommer das abstiegsbedrohte Erlensee. Eine Mannschaft, durchsät mit jungen, hungrigen Talenten – formbar und attraktiv wie kein ein zweites Team in der näheren Umgebung. Ein Verein, durchsät mit vereinsverbundenen Funktionären. Viele in Breidebands Alter, früher oft Gegner auf dem Spielfeld.

Für Breideband, das ist deutlich herauszuhören, eine besondere Aufgabe. Dabei spielt es eine untergeordnete Rolle, ob nun im Sommer Verbandsliga oder Hessenliga auf der Agenda steht. Breideband ist vielmehr demütig. Eine Eigenschaft, die neben Empathie jeder Trainer haben sollte – sagt der Liverpool-Fan und denkt nicht zuletzt an Jürgen Klopp. Natürlich geht Breideband die kommende Aufgabe selbstbewusst an. Wäre er nicht von sich überzeugt, hätte er kaum einen solchen Karriereweg beim DFB hingelegt. Dort gehörte er 2019 zu den Moderatoren des Amateurfußball-Kongresses vor mehr als 300 Teilnehmern. Dabei waren der damalige DFB-Präsident Reinhard Grindel und Bundestrainer Joachim Löw.

Wer Breideband auf jener Bühne erlebte, der spürte, was für ein empathischer und sympathischer Kerl da spricht. Mit Humor versehen und nicht zu scheu, den eigenen Arbeitgeber sogar mal auf die Schippe zu nehmen. Bei seiner letzten Anmoderation des Drei-Tage-Events in Kassel hatte Breideband Sakko gegen Trainingsanzug getauscht. Niederrodenbach hatte ein Spiel, Abstiegskampf, da musste er schnell hin. Das hatte Priorität.

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