Hessenliga: Vladan Grbovic im Porträt

Vier-Kilometer-Spurt zum erhofften Vertrag

02. März 2021, 06:49 Uhr

Vladan Grbovic ist die unumstrittene Nummer eins des Hessenligisten SV Steinbach. Er galt gleich in einer ganzen Reihe von Spielen als Punktegarant. Foto: Charlie Rolff

Hätte der SV Steinbach in dieser Saison nicht Vladan Grbovic im Tor stehen, das Punktekonto wäre nicht so prall gefüllt. Dass der Serbe im Tor des Hessenligisten landete, hing an einem Samstagvormittag im August allerdings am seidenen Faden.

Orte, die den Namen Steinbach tragen, gibt es in Deutschland dutzendfach, allein in Hessen deren sechs. Da kann man schon mal durcheinanderkommen. Vladan Grbovic ging das nicht anders, als ihm sein Berater ein Angebot des SV Steinbach darlegte. Bei Offenbach am Main hatte Grbovic den Verein zunächst verortet, Burghaun an der Haune war hingegen die richtige Lösung. Freitagsabends bekam Grbovic die Option offeriert. Immerhin ein Hessenligist, dazu einer, der die Nummer eins neu besetzen möchte.

Grbovic war vereinslos und das Transferfenster drohte zu schließen. Ihm war klar: Diese Chance will ich nutzen. In Frankfurt, dort wohnt der 24-Jährige, setzte er sich an jenem Samstag in die Regionalbahn, strandete in Burghaun, wartete vergebens auf den Bus, erreichte niemanden aus dem Vorstand des SV Steinbach und blickte mit Panik auf die Uhr. In 40 Minuten sollte sein Probetraining starten. Via Smart-Phone-Navigation setzte er zum längsten Spurt seines Lebens an. Riss die über vier Kilometer, meist bergauf, ab und stand pünktlich auf dem Trainingsplatz. Sacknass war er geschwitzt, den Vertrag hatte er anschließend in der Tasche. „Ich wusste, dass ich das packen muss. Pünktlich. Ich hatte Angst, dass ich jetzt alles verliere.“

Um diese Aussage zu verstehen, lohnt ein Blick auf Grbovics Werdegang. In einer Kleinstadt in Serbien zur Welt gekommen, machte er schnell als talentierter Torhüter auf sich aufmerksam. In der Jugend-Nationalmannschaft war er stets dabei, hatte hinter Predrag Rajkovic – damals wie heute der beste Keeper des Landes – keine Chance. Für Angebote von prominenten serbischen Teams langte es dennoch. Als Heranwachsender entschied er sich bei Cukaricki anzuheuern. Der dritten Kraft im Lande, einer der Hauptstadt-Clubs aus Belgrad. Doch ihm fehlte Lobby, weil, wie er sagt, „in Serbien vieles über Connections funktioniert und entscheidend ist, wessen Neffe du bist“.

Kaum Gehalt und Verletzungen

Ihn zog es in die zweite serbische Liga, in der er kaum Geld sah, und anschließend nach Spanien zu einem Drittligisten, wo er sich mit seinem Berater überwarf. Das Ziel, Profifußballer zu bleiben, geriet mehr und mehr in Gefahr. Die Schule hatte er schon früh vernachlässigt. Er verließ sich auf Talent und Ehrgeiz. Die Alternativen waren rar – und hätten ihn nach Thailand oder Kasachstan führen können.

2017 folgte stattdessen der Umzug nach Frankfurt – dort hatte er seine heutige Frau kennengelernt. Beim KSV Tempo hielt er sich fit – und spielte Kreisliga. Eines der größten serbischen Torhütertalente landete in den Untiefen des hessischen Amateurfußballs. Aber nicht allzu lang. Türk Gücü Friedberg klopfte an. Und unter Mustafa Fil stieg er über die Aufstiegsspiele in die Hessenliga auf. Dort verlor er seinen Stammplatz – vielleicht sogar wegen eines nicht diagnostizierten Kreuzbandrisses. Grbovic verzichtete auf einen Eingriff und griff lieber neu an: nun bei Hessenligist FV Bad Vilbel.

Erneut sollte er sich nicht etablieren können. Erst im letzten Saisonspiel 18/19 durfte er ran, um sich potenziellen neuen Clubs präsentieren zu können. Doch da krachte es gewaltig im Knie. Erneuter Kreuzbandriss plus Meniskusschaden inklusive Operation. Grbovic stand ohne Verein da und mühte sich zurückzukommen. Viel Zeit ging ins Land zwischen dem verhängnisvollen Maitag 2019 und dem Anruf aus Steinbach im August 2020. Kein Spiel bestritt er in dieser Zeit. Dass er an jenem Samstagmorgen zum Spurt ansetzte – wer mag es ihm verdenken.

Noch ist nichts fix

Dass Vladan Grbovic in dieser Spielzeit die unangefochtene Nummer eins ist und mit guten Leistungen besticht, ist anderen Vereinen nicht verborgen geblieben. Er weckt Begehrlichkeiten und hat den Anspruch, so hochklassig wie möglich zu spielen. „Heute kann mir niemand garantieren, dass Steinbach in der nächsten Saison noch Hessenliga spielt. Aber sollte Steinbach die Liga halten, und ich kein lukratives Angebot von einem Verein oberhalb der Hessenliga erhalte, werde ich bleiben“, sagt Grbovic, der betont, „dass mir Steinbach in einer schweren Zeit Vertrauen geschenkt hat und ich das zu schätzen weiß“. Die Gespräche laufen, eine Entscheidung ist offen.

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