Auf- und Absteigerfrage

"Unverständnis, Systemfehler": Regionalligisten positionieren sich

08. April 2021, 07:15 Uhr

Während Patrick Schaaf (links) mit der SG Barockstadt aufsteigen will, hoffen Michael Fink (unten) sowie Kevin Nennhuber (spielt inzwischen bei Hessen Kassel) auf eine Absteiger-Reduzierung. Foto: cr

Trotz der beschlossenen Saison-Annullierung in Hessen stellt sich weiterhin die Frage, wie mit potenziellen Aufsteigern in die Regionalliga Südwest – darunter auch die SG Barockstadt – umzugehen ist. Die Regionalliga-Vertreter haben sich nun klar positioniert.

Offener Brief:

In einem offenen Brief des Ligasprechers Rafael Kowollik, der Dritter Vorsitzender des FC Homburg ist, spricht sich ein nicht näher benannter „Großteil der Vereine Regionalliga Südwest“ für eine Reduzierung der Absteiger von sechs auf drei aus. „Es stößt auf breites Unverständnis, dass am Ende einer Mammutsaison mit 42 Ligaspielen im Juni 2021 sechs Vereine direkt aus der Regionalliga Südwest absteigen müssen, während drei oder gar vier Vereine aus den darunterliegenden drei Oberligen mit nur acht, maximal 13 Spielen Aufsteiger benennen und eventuell gar am grünen Tisch aufsteigen“, heißt es im Brief.

Es könne, argumentiert Kowollik, dazu kommen, dass Regionalligisten mit rund 50 Punkten als Sechstletzter absteigen müssten, während Eintracht Trier, Tabellenführer der Oberliga Rheinland-Pfalz/Saar Nord, auf gerade einmal acht Spiele und 22 Zähler kommt. Dass die Oberligaträger – darunter der Hessische Fußball-Verband (HFV) mit der Hessenliga und Tabellenführer SG Barockstadt – trotzdem einen Aufsteiger in die Regionalliga melden könnten, wird im offenen Brief als „Systemfehler“ beschrieben: „Gleichzeitig sind diese Verbände aber auch noch die Gesellschafter der Regionalliga Südwest GbR, in der sie die Interessen der Regionalliga-Vereine zu vertreten haben! Die Regionalliga Südwest könnte Aufsteiger ablehnen. Vertreten deren Gesellschafter dort nun die Regionalliga-Interessen oder unterliegen sie in ‚Personalunion‘ nicht einer objektiven, inakzeptablen Befangenheit?“

Laut Fachmagazin „Kicker“ habe der Württembergische Fußball-Verband bereits an seine Vereine kommuniziert, die Oberliga Baden-Württemberg von einer Saison-Annullierung auszusparen, um neben einem direkten Aufsteiger auch einen Teilnehmer an den Aufstiegsspielen melden zu können. Schlüge der HFV diesen Weg ein, bliebe die Frage, wer neben Aufsteiger Barockstadt für die Aufstiegsspiele gemeldet würde. Hessen Dreieich hat sich gegenüber HFV-Verantwortlichen gegen einen Aufstieg ausgesprochen, Rot-Weiss Walldorf, Hanau 93 und Türk Gücü Friedberg könnten profitieren.

Beteiligte Vereine:

Wer genau zum Großteil der Regionalligisten zählt, geht aus dem Brief nicht hervor. Die TSG Balingen und der FK Pirmasens haben sich bereits deutlich in dessen Sinn positioniert; so wie in Hessen der FC Gießen, der auf dem ersten Nichtabstiegsplatz steht. „Sechs Absteiger wären ein Schlag ins Gesicht für jeden, der nicht zuletzt durch fehlende Zuschauereinnahmen in eine finanzielle Schieflage geraten ist“, sagt Turgay Schmidt, Notvorstand der Mittelhessen, und betont: „Wir vertrauen nicht auf eine positive Entscheidung, sondern wollen die Situation sportlich lösen.“

Auch Kickers Offenbach trägt das Schreiben mit, zumal darin auch die Aufstiegsfrage angesprochen wird. Demnach sei es ungerecht, wenn etwa ein Regionalligazweiter mit 80+ Punkten in der Liga bleiben müsse, der Nordost-erste Viktoria Berlin jedoch mit elf Spielen in die Dritte Liga aufsteigen dürfe. Regionalliga Südwest-Geschäftsführer Sascha Döther erklärte der „Offenbach-Post“, zunächst eine Entscheidung in der Dritten Liga abwarten zu wollen. Dort drängt die Zeit, weil die Saison mehrere Wochen früher endet.

Reaktionen:

HFV-Präsident Stefan Reuß möchte sich auf Nachfrage „an keinerlei Spekulationen beteiligen. Der HFV wartet darauf, dass er eine Einladung zur Gesellschafterversammlung der Regionalliga erhält“, sagt Reuß und ergänzt, dass sich der Verband im Vorfeld mit seinen Vereinen kurzschließen will. Betroffen ist nicht nur Barockstadt als Hessenliga-Tabellenführer, sondern auch hessische Regionalliga-Abstiegskandidaten wie Kassel und Gießen. „Ich weiß ja, wie es im letzten Jahr war: Du kannst es nicht jedem recht machen.“

Auch die SG Barockstadt kennt den offenen Brief der Regionalligisten. Die Verantwortlichen zeigen sich entspannt und wollen sich öffentlich nicht äußern. Im Gegensatz zu anderen Oberligisten wie etwa den Stuttgarter Kickers: „Allen Regionalligisten war beim Saisonstart bewusst, dass sechs Vereine absteigen werden. Aber nachdem jetzt sieben Monate gespielt wurde, überlegt es sich ‚ein Großteil der Vereine‘ plötzlich anders, weil er von der derart festgelegten Abstiegsregelung bedroht ist?“, sagt Präsident Rainer Lorz, dessen Club als Tabellenzweiter auf Aufstiegsspiele hofft.

Blick über den Tellerrand:

Klar geäußert hat sich die einzige Regionalliga, die neben dem Südwesten seine Saison voraussichtlich beenden wird: die West-Staffel. Dort könnte sich die Absteigerzahl gar von fünf auf eins verringern, wenn die Oberligen es nicht schaffen, mindestens 50 Prozent der Spiele bis zum 30. Juni zu absolvieren. Auf eine derartige Prozentzahl kommt keine der Regionalliga Südwest zugehörigen Oberligen, allerdings sind die Fälle nicht eins zu eins vergleichbar. Die Regionalliga West wird nämlich nur von einem Landesverband organisiert, dem Westdeutschen Fußballverband.

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