28.12.2018

Alle Experten Lügen gestraft

torgranate-Analyse: Viktoria Griesheim

Pedro Araujo da Silva. Foto: Kevin Kremer

Als Absteiger Nummer eins abgestempelt, hat die im Vorjahr nur knapp dem Hessenliga-Abstieg entronnene Viktoria Griesheim alle sogenannten Experten Lügen gestraft. Der solide zehnte Platz zur Winterpause ist das Ergebnis der akribischen Arbeit des neuen Trainers Richard Hasa. Der Slowake glaubte auch nach dem kapitalen Fehlstart an sein Team. In unserer torgranate-Analyse zeichnen wir die positive Entwicklung des südlichsten Vereins der Liga nach.

So lief die bisherige Runde:

Eine desaströse Negativserie im Frühjahr brachte die Zwiebelstädter an den Rand des Abgrundes. Dass sich die Südhessen am Ende mit nur 27 Zählern doch noch retteten, lag eher an der Tatsache, dass es mit Rot-Weiss Frankfurt, dem OSC Vellmar und dem SV Steinbach noch drei schwächere Mannschaften gab. Mit 24 Zählern hat Griesheim jetzt schon nur drei Punkte weniger auf dem Konto als nach dem letzten Spieltag der letzten Saison. Nach der Rettung legte der bisherige Trainer Peter Seitel sein Amt nieder und übergab das Zepter an den neuen Coach Richard Hasa. Der musste zunächst mit einer hohen personellen Fluktuation zurecht kommen, seine neuformierte Truppe kassierte gleich fünf Niederlagen am Stück. Die junge Mannschaft wirkte zu unerfahren und wurde von den Spitzenteams FC Gießen und Bayern Alzenau auswärts mit jeweils 6:0 regelrecht auseinander genommen. Als die Weiß-Schwarzen aber gegen Ginsheim beim 3:4 Ende August haarscharf am ersten Punktgewinn vorbei schrammten, baute der emotionale Hasa sein Team auf: "Wir haben null Punkte und ich kann nicht so naiv sagen, dass wir die neue Mannschaft entwickeln wollen. Natürlich brauchen wir auch Punkte und mit diesem Weg werden wir bald zu Punkten kommen."

Und er sollte Recht behalten: Der Wendepunkt war das 2:1 beim Aufsteiger FV Bad Vilbel, der Ende August schon neun Zähler aufwies. Dank eines überragenden Pascal Stork, der sich Anfang Oktober einen Kreuzbandriss einhandeln sollte, gelang der erste Sieg. Acht Tage später legte Griesheim mit dem 3:1 gegen den anderen Wetterauer Aufsteiger Türk Gücü Friedberg nach. Mit vier sieglosen Spielen folgte dann wieder ein Hänger, bevor im Oktober der so wichtige 1:0-Sieg gegen Flieden gelang. Das brachte Auftrieb, denn auch in Neu-Isenburg (2:1) und bei Ederbergland (3:1) wurden wertvolle Siege gegen direkte Konkurrenten geholt. Die letzten vier Spiele brachten konstante acht Punkte. Neben dem 2:2 gegen Alzenau, war vor allem das 2:1 in Hünfeld Gold wert. Dank der stabileren Abwehr, dem gesteigerten Selbstvertrauen und der einen oder anderen Überraschung läuft das Hasa-Team damit punktgleich mit Ginsheim und Eddersheim auf Rang zehn ein.

So haben die Neuzugänge eingeschlagen:

14 neue Fußballer einzeln zu bewerten, würde den Rahmen dieser Bilanz sprengen, deswegen beschränken wir uns auf die wichtigsten. Mirko Dimters Gastspiel am Hegelsberg war Ende August schon beendet. Der aus Zeilsheim gekommene Serbe löste seinen Vertrag in Griesheim auf und unterschrieb beim Ligakonkurrenten Hadamar. Ein Volltreffer war Ali Kazimi. Der im Nachwuchsleistungszentrum des SV Darmstadt 98 ausgebildete Deutsch-Afghane erkämpfte sich einen Stammplatz auf der Außenbahn und war mit sechs Treffern der erfolgreichste Torschütze. Auch der zentrale Mittelfeldspieler Alexandru Paraschiv erwies sich als Verstärkung. 16 Einsätze mit drei Toren stehen für den Deutsch-Rumänen zu Buche, der nach seiner A-Jugendzeit beim FSV Frankfurt zuletzt bei der SKG Bickenbach auf Darmstädter Kreisebene spielte. Innenverteidiger Elmir Muhic kam vom Regionalliga-Team des FSV Frankfurt und wurde zum Leistungsträger in der Defensive.

Auch der nach einem Intermezzo in Bad Vilbel nachverpflichtete Nick Volk konnte die Erwartungen erfüllen. Die Offensivkräfte Engin Arslan (1960 Hanau) und Stefan Kresovic (SV Erlenbach) avancierten zu Stammkräften, müssen aber noch an ihrer Torquote feilen (jeweils ein Tor). Haris Jakubovic (Rot-Weiss Frankfurt) war in der Viererabwehrkette ein wichtiger Bestandteil. Im Tor begann der 19-jährige Felix Koob (Rot-Weiss Frankfurt), um dann vom erfahreneren Paul Jivan (Hessen Dreieich) abgelöst zu werden. Die Zusammenarbeit mit der eigenen U19, die Verbandsliga-Status besitzt, funktionierte im Gegensatz zur Seitel-Ära reibungslos. Neben Johannes Tatchouop konnten Jannik Kuhl und Kevin Schuller integriert werden. Die jungen Männer waren sich auch nicht zu schade, parallel für die A-Jugend aufzulaufen.

In Erinnerung bleibt:

Die junge Mannschaft hatte zu Saisonbeginn erhebliche Probleme, sich auf den "richtigen Männerfußball" einzustellen. Mit der Einstellung seines Teams und dem sich dann mit der Zeit einstellenden Erfolg war Hasa rundum zufrieden, auch wenn nicht immer alles schön aussah. Viel läuft bei Viktoria Griesheim über die kämpferische Ebene, um auch mal einen vermeintlich stärkeren Gegner in die Knie zu zwingen. Die Jahresabschlussprüfung mit dem so wichtigen 2:1 in Hünfeld meisterten die Zwiebelstädter bravourös. A-Junior Schuller markierte bei den Osthessen den Siegtreffer. Bedauernswert war die Verletzung von Stürmer Pascal Stork in Kassel, der bis dato fünf Treffer erzielt hatte und durch entschlossenes Handeln sowie Einsatzfreude die jungen Mitspieler mitreißen konnte.

Kurioserweise stellte sich der ganz große Erfolg erst nach seinem Ausfall ein, weil Griesheims Spiel doch sehr stark auf den bulligen Mittelstürmer zugeschnitten war und die Viktoria ohne Stork nicht mehr so leicht ausrechenbar wirkte. In puncto Zuschauerschnitt ist die Unterstützung der Anhänger stark ausbaufähig. Lediglich 147 Zuschauer passieren im Schnitt das Stadiontor am altehrwürdigen Hegelsberg. Dort, wo noch Werbetafeln aus den 80er Jahren original erhalten sind, haben es die Griesheimer im Schatten des Zweitligisten Darmstadt 98 schwer. 350 Zuschauer im Bezirksduell gegen Ginsheim waren da noch der beste Besuch. Ansonsten pendelte sich das Interesse zwischen 80 Besuchern (Minusrekord auf Kunstrasen gegen Lohfelden) und 160 Fans gegen Spitzenreiter Gießen ein.

Ausblick:

Bei aktuell wahrscheinlichen vier Absteigern weisen die Griesheimer sechs Punkte Vorsprung auf den Hünfelder SV auf. So wichtig der Dreier kurz vor Weihnachten in der Rhönkampfbahn war, kommt dem Rückspiel zum Restrundenauftakt gegen die Haunestädter eine noch größere Bedeutung bei. Startet die Viktoria gegen den "kleinen HSV" mit einem Heimsieg, wären die Osthessen auf neun Punkte distanziert. In den folgenden Spielen gegen Lohfelden, Bad Vilbel und Friedberg kann das Hasa-Team dann weitere Zähler gegen die direkte Konkurrenz sammeln.

Zwar gibt es im März und April noch härtere Brocken wie Hadamar, Kassel, Waldgirmes oder Barockstadt zu bewältigen. Aber im Endspurt kommen mit Flieden, Neu-Isenburg und Ederbergland wieder Kontrahenten der eigenen Kragenweite. Griesheim holt unter Hasa auch auswärts konstant seine Punkte, nachdem der Klub fast zwei Jahre lang auf fremden Plätzen ein Punktelieferant war. Deswegen hat die Viktoria eine glänzende Ausgangsposition, um auch im kommenden Jahr der südlichste Verein der Hessenliga zu sein.

Autor: Pedro Acebes

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