20.05.2020

Auf Zwangsabstieg folgt Neuaufbau

Borussia Fulda lag 2004 wieder mal am Boden, startete aber durch

Nach dem Meistertitel 2006 wurde Trainer Henry Lesser auf Händen getragen. Mit einer blutjungen Mannschaft schaffte er den Aufstieg in die Hessenliga. Foto: Karl-Heinz Burkhardt

Seit Jahren war Borussia Fulda nicht mehr gesund. Als der SCB Anfang 2003 das Zepter an den neuen Sportdirektor Ross Shtyn übergab, da war vielen klar, dass dies die vielleicht letzte Chance in dieser Epoche sein würde, doch wieder mittelfristig großen Fußball nach Osthessen zu bekommen.

2003/2004: 76 Punkte reichen nicht

Ross Shtyn (links) und Andrzej Rudy waren die starken Männer in dieser Saison. Foto: Charlie Rolff

Es war klar, dass der Aufstieg in dieser Saison Pflicht war. Das machte ein Blick auf den Kader unmissverständlich deutlich. Das Problem: Auch Darmstadt 98 und der KSVHessen Kassel wollten unbedingt nach oben und rüsteten ihre Teams ebenfalls gewaltig auf.

Ross Shtyn lockte Größen wie die Ex-Profis Frank Gerster (einst bei Bayern München, Eintracht Frankfurt), Jens Paeslack (Karlsruher SC, SVSandhausen, zahlreiche Auslandsverträge), Oliver Otto (Waldhof Mannheim, VfBStuttgart, SSVUlm), die Njie-Brüder Momar und Abdou, Jean-Paul Ndjoumek (Eintracht Frankfurt), Joakim Ntsika-Campaigne (SCPaderborn, HamburgerSV), Sergio Caruso (ACFlorenz, Velez Sarsfield/Argentinien) und Torwart Borislav Jovanovic (Dynamo Dresden, Spvgg. Unterhaching) zur Borussia. Dazu kam Kai Möller vom SVABadHersfeld zurück.

Andrzej Rudy löste auf der Trainerbank Viktor Passulko ab. Henry Lesser blieb sein Co-Trainer. Der Start mit zehn Punkten aus vier Spielen glückte, dann aber gab es mit der 0:1-Heimniederlage gegen Hessen Kassel einen ersten Rückschlag. Viel Glanz war selten dabei, auch wenn die Punktausbeute lange stimmte. Unvergessen blieb das Gastspiel von Darmstadt 98. 12.000 Zuschauer sahen ein spektakuläres 3:3. Doch die Borussia ließ zu viele einfache Punkte liegen. Während Kassel und Darmstadt siegten, taten Remis wie beim 1:1 in Braunfels oder beim 3:3 auf dem Kunstrasen in Wald-Michelbach weh. Als dann auch das Heimspiel gegen Ober-Roden mit 1:3 verloren wurde, zog Shtyn die Notbremse. Mitte November musste Rudy als Trainer seinen Hut nehmen. Shtyn engagierte mit Klaus Scheer einen erfahrenen Mann. Unglaublich: Das erste Spiel unter Scheer war ein 10:0-Heimsieg gegen die Amateure der Frankfurter Eintracht, die niemals vorher oder nachher so hoch auf diesem Niveau verloren haben.Doch schon eine Woche später gab es beim Remis gegen Klein-Karben den nächsten Rückschlag. Kurzum: Ende Mai 2004 musste auch Scheer gehen, Rudy übernahm für die letzten Spiele wieder den Trainerposten. Letztlich 76 Punkte – eine Anzahl, die in den meisten Fällen zum Titelgewinn ausreicht –, genügten nicht ansatzweise. Darmstadt wurde mit 28 Siegen aus 34 Spielen und 88 Punkten Meister und auch Hessen Kassel hatte am Ende acht Punkte mehr am Konto als die Borussia. Was folgte, war ein lauter Donnerknall: Borussia Fulda bekam für die neue Saison keine Lizenz mehr für die Oberliga und musste in die Verbandsliga Nord zwangsabsteigen.

2004/2005: Neuaufbau ohne 23 Spieler

Die Hypotheken, die der Verein nun tragen musste, wogen schwer. Finanziell war der Club nahe dem Ende. 23 Spieler verließen den Verein, die Talente aus der eigenen zweiten Mannschaft wurden nach oben gezogen. Eben jene Reserve wurde abgemeldet. Bis dahin hatte Borussia IIden Platz in der Verbandsliga eingenommen. Durch den Zwangsabstieg startete die Borussia zudem mit minus sechs Punkten. Zum Trainingsstart hatte der SCBelf Feldspieler und drei Torhüter zur Verfügung. Kai Möller übernahm den Posten des Vorsitzenden, das Traineramt lag nun wieder in den Händen von Henry Lesser.

Was man kaum zu hoffen wagte: Es entstand eine neue Kultur, eine neue Generation, die Geschichte für den Verein schreiben sollte. Nicht nur stellten sich die Spieler für einen am Boden liegenden Club zur Verfügung, sie übernahmen auch abseits des Platzes Tätigkeiten. „Wir haben damals alles gemacht. Vom Abstreuen des Platzes bis hin zum Putzen der Duschen und Toiletten“, erinnert sich der spätere Kapitän, Benjamin „Benni“ Münch.

Um ihn entstand eine neue Mannschaft um Leute wie Thomas Röher, Tobias Lamp, Christian Pfeiffer, Matthias Heumüller, Michael Geier, Johannes Helmke und Vincent Schneider. Ruhende Pole am Feld waren Keeper Roland Borrmann und Kai Möller selbst. Bis in den September hinein dauerte es, dann hatte die Borussia zueinander gefunden und die Minuspunkte eingespielt. Als Letzter fuhr der SCB mit minus einem Punkt nach Willingen und gewann dort überraschend 1:0. Endlich war der Ballast abgeladen. Nun stand Fulda bei plus zwei Zählern.

Mehr noch: Mit Siegen wie dem 2:0 gegen Spitzenreiter Hünfeld eroberte man die Herzen der Fans zurück. Auch Lokalrivale Lehnerz wurde später 2:1 geschlagen. Sieben Stammspieler waren 19 Jahre und jünger und mussten Woche für Woche doppelt spielen, um den Spielbetrieb bei den Senioren sowie in der A-Jugend aufrecht erhalten zu können. Am Ende holte die Borussia einen nie erwarteten sechsten Platz.

2005/2006: Meisterschafts-Endspiel in Hünfeld

Benjamin Münch war Kapitän der Aufstiegsmannschaft. Foto: Schleich

Olivier Djappa kehrte als Zweit- und Drittliga-Torschützenkönig aus Hagen zur Borussia zurück. Neu dabei waren nun auch Marco Link, Meik Voll, Adem Benn und Eric Franc. Während der Runde kam zusätzlich noch Sebastian Kress von Schweinfurt 05 zurück nach Osthessen. Es sollte mal wieder ein herausragendes Jahr werden, denn die Borussia holte sich nach einem Dreikampf mit dem Hünfelder SV und dem FSC Lohfelden die Meisterschaft. Grundlage war die solide Abwehr, die in 30 Spielen nur 19 Gegentreffer zuließ. In 17 Spielen blieb die Borussia ohne Gegentor, nur beim 1:3 in Dörnberg kassierte der SCB mehr als zwei Gegentreffer. Ebenfalls bärenstark: 14 von 15 Heimspielen wurden gewonnen. Nur der Hünfelder SV siegte im Städtischen Stadion. Vorne traf Olivier Djappa 20 Mal, Benni Münch kam auf 14 Tore.

Am letzten Spieltag kam es in der Hünfelder Rhönkampfbahn zu einem „echten Endspiel“, wobei eigentlich nie richtig Spannung aufkam. Schließlich musste der Hünfelder SVmit vier Toren Differenz gewinnen, um der Borussia den Titel noch streitig zu machen. 3500 Zuschauer sahen auch ein HSV-Tor durch Roberto Kowalski, doch die 0:1-Niederlage genügte dem SCB, um einen weiteren Aufstieg in die Hessenliga perfekt zu machen. Allerdings war dies wohl eine der billigsten Mannschaften, die jemals einen Titel in der langen Vereinsgeschichte eingefahren hatte.

„Ich bin in meiner Laufbahn ein paar Mal aufgestiegen, aber mit diesen jungen Kerlen, das war schon etwas ganz Besonderes“, gab Trainer HenryLesser später zu.

Doch es wäre nicht Borussia Fulda, würde nicht auch in dieser Siegesstunde wieder ein kleiner Skandal über dem Club kreisen. Nach der Meisterschaft warf Präsident Kai Möller seinen Kapitän Benjamin Münch ohne ersichtlichen Grund aus dem Verein.

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