Erst Fortuna, dann HSV, dann noch DJK

Der HSV hatte sogar einen Nationalspieler

Ralph Kraus
28. November 2020, 08:53 Uhr

So begann einst die Ära Fußball beim Hünfelder SV. Das Foto zeigt die erste Mannschaft, die für den HSV im Gründungsjahr 1919 an den Start ging. Fotos: Verein

Nachdem wir die Historie von Borussia Fulda und dem TSV Künzell ausführlich durchleuchtet haben, starten wir heute mit unserer Serie über den Hünfelder SV. In den kommenden Wochen lassen wir die Geschichte des HSV noch einmal Revue passieren.

Einer der ältesten noch vorhandenen Spielerpässe des HSV vom exakt vor 100 Jahren geborenen Ludwig Zentgraf stammt aus dem Jahr 1946.

Bevor der Hünfelder SV an den Start ging, gab es bereits einen anderen Fußballverein in Hünfeld. 1908 wurde Fortuna Hünfeld gegründet. Die Fortuna spielte bis zu Beginn des ersten Weltkriegs, musste dann aber den Spielbetrieb wieder einstellen. Da aus dem Krieg viele Spieler nicht mehr zurückgekehrt sind, entschloss sich Fortuna im Juni 1918, den Verein nicht mehr weiterzuführen. Vielleicht auch deshalb wurde 1919 der Hünfelder SV geboren.

Das erste Spiel überhaupt bestritt der HSV am 27. Juli 1919 auf dem Sportgelände auf der Sargenzeller Höhe. Gegner waren die Adler Neukirchen (der heute in der SG Haunetal spielende FC Neukirchen). Das Spiel ging für die Hünfelder mit 1:3 verloren. Dazu gründete sich mit der Deutschen Jugendkraft (DJK) Hünfeld in der Nachbarschaft rasch ein zweiter ortsansässiger Fußballverein. Dieser wurde aber unter Hitlers Herrschaft im dritten Reich verboten und kehrte auch nach Kriegsende nicht mehr auf die Fußballbühne zurück. Die Spieler der DJK wechselten weitgehend zum HSV, der erst nach dem zweiten Weltkrieg schnell auf regionaler Ebene empor stieg.

Rein sportlich traten die Hünfelder zunächst nicht mit großen Erfolgen in Erscheinung. Bis nach Ende des zweiten Weltkrieges blieben Triumphe für den Hünfelder SV zunächst noch rar. Bekannt ist noch die Besetzung der ersten Fußballmannschaft, die unter anderem das erste Spiel in Neukirchen bestritt: Das Team bestand aus Spielern wie Eberhard Jansen, Gustav Marschall, Karl Jüngst, Albert Herbst, Josef Lühn, Franz Zentgraf oder August Giebel. Fritz Dietz war im Übrigen das am längsten am Leben gebliebene Gründungsmitglied des Hünfelder SV. Er lebte bis ins Jahr 1992.

Bemerkenswert ist, wie lange die Hünfelder während des zweiten Weltkrieges den Spielbetrieb am Laufen hielten. Erst im Dezember 1944 musste der Club aufgeben, ehe er direkt nach Kriegsende im September 1945 schon wieder neu ins Leben gerufen wurde. Im Oktober 1944 wurde sogar noch das 25-jährige Vereinsjubiläum begangen. Der HSV schaffte dies mit einer sogenannten Notmannschaft. Denn auch in Hünfeld waren viele Spieler zum Militärdienst eingezogen worden und mussten an die Front. Die Meisterschaften nannten sich zu dieser Zeit „Kriegsmeisterschaften“.

Gramlich spielte dreimal für Deutschland

Der Kicker berichtete einst über den Hünfelder Nationalspieler Gramlich.

Kaum jemand weiß, dass der HSV sogar mal einen Nationalspieler in seinen Reihen hatte: Hermann Gramlich spielte im zweiten Weltkrieg für die Hünfelder. Er bestritt im Jahr 1935 unter Bundestrainer Otto Nerz drei Länderspiele. Im August 1935 lief Gramlich zunächst in Luxemburg für Deutschland auf, eine Woche später bildete er mit Reinhold Münzenberg die Verteidigung beim 4:2 in Erfurt gegen Rumänien. Kurz danach durfte Gramlich noch einmal ran, als er beim 1:0 in Breslau gegen Polen das schwarz-weiße Trikot trug. Gramlich stammte vom FC Villingen, für die er auch die Länderspiele bestritt. Im Krieg wurde Gramlich zunächst in Fulda stationiert und landete zuerst beim Hünfelder SV. Hier machte er im HSV-Dress einige Spiele. Nach einem starken Testspiel wurde er vom damaligen Gauligisten Borussia Fulda abgeworben, ehe er vom Militär in die Sowjetunion versetzt wurde. Hier fiel Gramlich im Februar 1942 dem Krieg zum Opfer. Er wurde nur 28 Jahre alt.

Laut Chronik des HSV war der Verteidiger über die Zwischenstation Stuttgarter Kickers gekommen. Auch Willi Schleicher kam zu dieser Zeit von den Kickers. Es war die wohl bis dahin stärkste Hünfelder Mannschaft. So ist aus der damaligen Zeit noch ein Spiel der Gauliga Kurhessen bei Germania Fulda überliefert, in das die Hünfelder als nahezu chancenloser Außenseiter gegangen sind. Mit dem 4:1-Sieg schaffte der HSV damals eine Sensation.
Für heutigen Zeiten unvorstellbar war auch die allwöchentliche Suche nach dem passenden „Sportplatz“.

In ihrer Chronik schreiben die Hünfelder hier: „Der Platz der Fußballer musste fast jeden Sonntag verlegt werden. Die damals herrschenden primitiven Verhältnisse und die wenige Unterstützung durch die Öffentlichkeit für den Spielbetrieb brachten es mit sich, dass diese Pioniere des Fußballsports in Hünfeld viele Opfer bringen mussten. An der Turnhalle war der Platz nur 75 Meter lang und etwa 30 bis 40 Meter breit. Dazu war das Gelände sehr uneben mit starkem Seitengefälle. Auf der einen Seite dieses Platzes standen zwei junge Zwetschgenbäume, die als Torstangen dienten. Auf der anderen Seite waren es zwei dicke Birnbäume, die die gleiche Aufgabe zu erfüllen hatten.
Der zweite Sportplatz war der Weg der jetzigen Jahnstraße. Dieser Platz war sogar nur 40 Meter lang und etwa 10 Meter auf der einen sowie vielleicht 25 Meter auf der anderen Seite breit. Als dann die Punktespiele mit anderen Vereinen begannen, waren die Hünfelder Fußballpioniere gezwungen, auf Haunewiesen zu spielen, wo sie jeweils den Besitzer um Erlaubnis fragen mussten. Gar so oft wurde diese Bitte nicht gewährt. Die Torstangen nahm man dann auf die Schulter und trug sie zum nächsten Platz.“

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