Hessenliga-Analyse

Die Chance ist so groß wie nie

30. November 2020, 07:46 Uhr

Während die SG Barockstadt um Marcel Trägler (links) eine tolle Saison spielt, müssen sich der Hünfelder SV und Marcel Dücker mächtig steigern. Foto: Charlie Rolff

2020 ist alles anders. Nachdem im Frühjahr die alte Spielzeit coronabedingt abgebrochen wurde, musste die neue Saison Ende Oktober unterbrochen werden. Wie es weitergeht, steht in den Sternen. Dennoch blicken wir in unserer Torgranate-Analyse auf das Geschehene zurück und wagen einen Ausblick. Den Anfang macht die Hessenliga.

Die Lage:

Gerade einmal 30 Prozent aller 380 Spiele sind absolviert, dennoch lässt sich an der Spitze eine klare Tendenz feststellen: Es deutet alles auf einen Titelzweikampf zwischen der SG Barockstadt und Hessen Dreieich hin. Beide Mannschaften haben erst einmal verloren - Dreieich im direkten Duell bei Wintermeister Barockstadt -, so dass das Polster nach zwölf absolvierten Spielen auf die Verfolger schon ziemlich beträchtlich ist. Deutlich mehr Mannschaften müssen den Blick Richtung Abstiegsränge werfen. Platz 6 und 20 trennen nur zwölf Punkte, so dass die vier verbliebenen Osthessen Flieden, Steinbach, Neuhof und Hünfeld allesamt im Abstiegskampf stecken - so, wie es im Vorfeld schon prophezeit wurde.

Top:

Ehre wem Ehre gebührt: Losgehen muss es in dieser Rubrik mit der Barockstadt. Elf von zwölf Spielen wurden gewonnen, gerade einmal 0,5 Gegentreffer im Schnitt kassiert. Die Abgänge der Schlüsselspieler Dominik Crljenec und Andre Fließ wurden mit den Neuen hervorragend kompensiert, insbesondere Mittelfeldspieler Tolga Duran (zuvor Siegen) entzückt mit seiner technischen Klasse. Dazu haben etablierte Akteure wie Marcel Trägler einen großen Sprung nach vorne gemacht. Und die Art und Weise, wie Trainer Sedat Gören seine Truppe spielen lässt, kann sich sehen lassen.

Ein Sonderlob hat auch der SV Flieden verdient. Die Buchonia war erst verspätet als bester Verbandsliga-Zweiter aufgestiegen und galt als heißer Abstiegskandidat, steht mit 1,5 Zählern pro Spiel als zweitbester Osthesse aber super da. Und das, obwohl der so wichtige Sturmtank Fabian Schaub verletzungsbedingt selten zum Einsatz kam. Beachtlich ist auch die Entwicklung des SV Steinbach in der vierten Hessenliga-Saison der Vereinsgeschichte. Die "Jungen Wilden" haben sich spielerisch klasse entwickelt und durften nicht umsonst als erstes Team in dieser Saison einen Spieltag lang auf Platz eins übernachten. Der SV Neuhof steht trotz abermals großen Umbruchs im Sommer ebenfalls über dem Strich. Fazit: Vier von fünf Osthessen erfüllten oder übertrafen bislang sogar die Erwartungen.

Flop:

Nur bei einem Team aus der Region lief es bislang nicht rund: dem Hünfelder SV. Der Verbandsliga-Meister, im Vorfeld als zweitbeste osthessische Mannschaft gehandelt, fand schwer in die Saison und verabschiedete sich am Ende mit fünf Spielen ohne eigenen Treffer. Gerade an der Torausbeute muss Trainer Johannes Helmke in seiner ersten Hessenliga-Saison arbeiten, wenn der Ball wieder rollt.

In Erinnerung bleibt:

Fünf Osthessen bedeuten: So viele Hessenliga-Derbys wie nie zuvor! Zumindest bis zur Unterbrechung. Und gerade in den letzten Wochen vor der erneuten Zwangspause überschlugen sich die Nachbarschaftsduelle geradezu. Während Barockstadt alle Duelle zu Null und souverän (bis auf das 1:0 in Steinbach) gewann, durfte sich mit Ausnahme von Hünfeld schon jeder einmal Derbysieger nennen. Highlights zwischen Hünfeld und Steinbach sowie Neuhof und Flieden mussten coronabedingt verschoben werden. Apropos Neuhof: Der machte Anfang Oktober ungewollt Schlagzeilen, als fünf Spieler und zwei Co-Trainer den Verein verließen, Vorwürfe wie zu großer Sponsoreneinfluss wurden laut. Ein unschönes öffentliches Bild in einer eigentlich ruhigen und recht erfolgreichen bisherigen Spielzeit.

Zahlenspiel:

Die Zahl der Saison lautet wohl 250. Denn nur so viele Zuschauer durften ohne ein eigenes aufwendig angefertigtes, abgesegnetes Hygienekonzept an die Sportplätze. So gab es gerade zum Saisonstart, als das Wetter noch gut war, zahlreiche Spiele, die eine wesentlich bessere Kulisse verdient gehabt hätten. Spitzenreiter in dieser Rubrik ist das Derby zwischen Barockstadt und Flieden, das an einem Mittwochabend 950 Leute in die Johannisau lockte - während am gleichen Tag andernorts, zwischen Griesheim und Steinbach, kein einziger Zuschauer kommen durfte.

Ausblick:

Egal wie es weitergeht - der Weg zur Meisterschaft führt einzig über Barockstadt und Dreieich. Es sieht also gut aus, dass erstmals seit 20 Jahren (Borussia Fulda in der Saison 2000/01) ein Team aus der Region in die Regionalliga aufsteigt. Zumal im Vergleich zu anderen Ligen Platz zwei für eine Teilnahme an den Aufstiegsspielen berechtigt. Daher - und weil es von der Regionalliga im Sommer keine Absteiger gab - ist die Chance so groß wie wohl noch nie.

Deutlich schwieriger zu prognostizieren ist der Abstiegskampf. Bei bis zu sechs Absteigern könnte es sein, dass es trotz guter bisheriger Serie für Flieden, Steinbach und Neuhof lange eng bleibt. Aber auch Hünfeld ist noch nicht abzuschreiben, da die Qualität des Kaders eine bessere Platzierung definitiv hergibt.

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