15.05.2019

Die letzte Rhöner Bastion soll nicht fallen

Troßbach und Störmer kämpfen um Nachwuchs

Lara Troßbach (links) und Claire Störmer versuchen mit aller Kraft und manches Mal auch voller Leid den Mädchen- und somit auch den Frauenfußball in der Rhön am Leben zu halten. Foto: Johannes Götze

Bereits im 17. Jahrhundert sorgte technischer Fortschritt für Verdruss – bei Aristokraten, deren Machtverlust deswegen schwindelerregend schnell voranschritt. Don Quijotes Kampf gegen Windmühlen gilt als Symbol. In Poppenhausen ist Mädchenfußball das Synonym für Aristokratie, wogegen Don Quijote die Gestalt zweier junger Damen annimmt.

Doch während die Lanze des Junkers in Miguel de Cervantes’ Sensationsroman zerbrach und er mit gesenktem Kopf seine Niederlage eingestehen musste, sagen Lara Troßbach und Claire Störmer, „dass der Kampf noch nicht verloren ist“. Die beiden jungen Damen haben sich eine ehrenwerte Aufgabe zum Ziel gesetzt: den Mädchen- und somit respektive auch den Frauenfußball in der Rhön am Leben zu halten. Als beide vor einigen Jahren noch Jugend spielten, wurde in Hilders, Tann, Schwarzbach und Poppenhausen Mädchen eine Plattform geboten, nun ist die Landkarte weiß. Selbst die Frauenteams haben nach und nach aufgeben müssen, lediglich in Poppenhausen gibt es noch zwei Mannschaften. Troßbach und Störmer wissen, dass ohne Nachwuchs selbst „ihr“ TSV schweren Zeiten entgegensehen muss.

Doch woran liegt die rückläufige Entwicklung? „Zu viel Sportangebot kann es in der Rhön eigentlich nicht sein“, wissen die beiden, glauben jedoch, „dass uns das mediale Angebot schwer zu schaffen macht.“ Ein frauenfußballspezifisches Problem sei zudem die fehlende Akzeptanz in der Familie. „Vielleicht denken immer noch manche Eltern, dass Ballett oder Kunstturnen die passendere Sportart für Mädchen sei“, sagt Troßbach.

Sie selbst erfuhr von klein auf große Unterstützung, Mutter Tanja gilt als der größte Fan des TSV Poppenhausen, dessen Spielführerin Troßbach ist. Dass schulische Verpflichtungen für fehlende (Fußball-)zeit verantwortlich sein sollen, sieht die angehende Grundschullehrerin hingegen als fadenscheinige Ausrede. „Ein-, zweimal pro Woche Training und einmal spielen kann keine Belastung sein. Vor allem weil man durch das Training ja auch ein wenig abschalten kann“, stellt Troßbach fest, während Störmer anfügt, „dass das Grundproblem ist, die Kinder überhaupt vor die Tür zu bekommen“.

Viele Störfaktoren treten zu Tage

Als Störmer 2016 die U 16 des TSV von Thomas Schleicher übernahm, gab es noch ein Team – und auch noch eine Gruppenliga, wenn auch nur mit sechs Teams. Während im Kreis Hersfeld/Rotenburg der Mädchenfußball boomt, ist im Kreis Fulda gähnende Leere angesagt: Lütter und Gläserzell spielen Hessenliga, Freiensteinau, Rückers und Pilgerzell müssen für ihre Spiele in Gruppen- oder Verbandsliga weit reisen, da es hierzulande kein Ligabetrieb im unteren Bereich mehr gibt. Auch, weil Poppenhausen 2017 die Mädchenmannschaft auflösen musste. Die Masse fehlte.

Troßbach und Störmer setzten sich fix zusammen, um Ideen zu entwickeln, wie Nachwuchs generiert werden könnte. Whats-App-Werbung, Flyer an Schulen und Plakate sorgten dafür, dass sich 20 Mädchen fanden, die fast durch die Bank weg noch unbefleckt in Sachen Fußball waren. Dementsprechend wollten die beiden abwarten, wie sehr die Mädchen dranbleiben und meldeten nicht sofort ein Team. Sie wussten, was ihnen blühen könnte – und genau das trat ein. Sie mussten ihr wöchentliches Training aufgrund des nachlassenden Interesses wieder aufgeben. „Bei Mädels ist das manchmal noch ein wenig schwieriger. Da bringt eine ihre drei Freundinnen mit, weil sie gerne etwas zusammen machen wollen, und sobald eine die Lust verliert, kommen die anderen drei auch nicht mehr“, erklärt Störmer eine Problematik. Eine andere ist die Verlässlichkeit, was Troßbach an einem Beispiel benennt: „Wir haben vor jedem Training abgefragt, wie viele Mädchen denn wirklich kommen. Ich hatte mal neun Zusagen und als ich die fünf Minuten von zu Hause zum Training gefahren war, hatte ich plötzlich sieben Absagen.“

Verzagen gilt für die beiden C-Lizenz-Inhaberinnen und guten Freundinnen allerdings nicht. Troßbach schiebt derzeit gemeinsam mit Störmers Lebensgefährte Jens Klinkert (Noch-Trainer in Nüsttal) ein Schulprojekt für Mädchenfußball an der Hofbieberer Biebertalschule an. Ab Sommer wollen beide auf freiwilliger Basis Fußball für Mädchen anbieten. Die Hoffnung: so viele Spielerinnen zu gewinnen, um den Spielbetrieb in Poppenhausen wieder aufnehmen zu können, unter Umständen auch als Spielgemeinschaft mit Lütter. Oder aber eine reine Mädchenmannschaft bei den D-Junioren zu melden, damit die Distanzen nicht zu groß werden – erste Gespräche laufen. Verloren ist der Kampf noch nicht, aber der Wind weht in beängstigender Geschwindigkeit.

Lara Troßbach

Mit sechs Jahren begann die 22-Jährige in Weyhers mit Fußball. Bereits als Zehnjährige wechselte die Oberlütterin zu den U-16-Juniorinnen des TSV Poppenhausen. Mit den Frauen stieg sie 2016 in die Verbandsliga auf, ist als Sechser Kopf des Teams und Spielführerin. Troßbach steht auf dem Weg zur Grundschullehrerin kurz vor ihrem ersten Staatsexamen.

Claire Störmer

Die 24-Jährige begann in Tann mit dem Fußballspielen, landete über die Stationen Schwarzbach und Pfordt in Poppenhausen. Dort ist sie auch nach ihrer Babypause (Töchterchen Lumi ist fünf Monate alt) bereits wieder Torschützin vom Dienst. Die gebürtige Tannerin arbeitet bei der Gemeinde Hofbieber und lebt mittlerweile in Rengersfeld.

Autor: Johannes Götze

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