TSV Ausbach

Ein verschworener Haufen

Als sich ein kleiner Verein namens TSV Ausbach auf den Weg machte und die vierthöchste Liga „rockte“

29. Mai 2020, 15:07 Uhr

Diese Mannschaft prägte die große Zeit beim TSV Ausbach. 1978 und 1979 stieg das Team aus der Gemeinde Hohenroda gleich zwei Mal in Folge auf und stand plötzlich in der Landesliga Nord. Das war damals die vierthöchste Spielklasse. Dort hielt man sich stolze fünf Jahre, dann ging es für die Ausbacher wieder runter. Heute hat Ausbach eine Spielgemeinschaft mit Friedewald und findet sich in der A-Liga Hünfeld/Hersfeld wieder. Das Foto zeigt die Meisterelf der Runde 1978/ 1979.

In der hessischen Fußballgeschichte gibt es etliche kleine Vereine, die epochenweise die „große“ Welt des hiesigen Amateurbereichs entscheidend mitgeprägt haben. Einer davon ist der TSV Ausbach, der es für vier Jahre bis in die Verbandsliga Nord (damals Landesliga Nord) schaffte, die damals noch die vierthöchste Spielklasse war.

Der Stern des kleinen Vereins ging in der Saison 1977/1978 auf. Da holte sich die Mannschaft den Titel in der Kreisoberliga Nord (damals noch A-Klasse Nord). Ein Erfolg, der sich über viele Jahre andeutete, ehe man kometenhaft zum Siegeszug ansetzte. Schaffer des Erfolgs waren vor allem zwei Personen: Helmut Fischer, der über 50 Jahre den Vorsitz in Ausbach inne hatte – und Trainer Georg Führer, der in der Kreisoberliga über viele Jahre aus den zahlreichen einheimischen Talenten eine Einheit formte.

Zunächst hatte Ausbach drei Mal Titel und Aufstieg nur knapp verpasst. 1972 (hinter dem TSV Schenklengsfeld), 1974 (ein Punkt hinter Hohe Luft Hersfeld) und 1977 (hinter dem SV Niederaula). Dazwischen war der Verein ebenfalls immer ganz weit oben mit dabei. Dann endlich der Lohn: 1977/1978 enteilte man dem TSV Ufhausen um neun Punkte, schoss 99 Tore und wurde Meister der Kreisoberliga Nord (A-Klasse Nord). Harald Hugo und Bernhard Schwab knackten beide die 20-Tore-Marke. Spieler waren Talente wie beispielsweise Harry Blaurock.

Hatte Georg Führer das Team geformt, schaffte es der neue Trainer Hans Riebold, der Mannschaft den Feinschliff zu geben. Riebold führte die Mannschaft nach oben und war nun drei Jahre Trainer des TSV Ausbach. „Den Erfolg hat der Verein fast ausschließlich auf Grundlage von eigenen Spielern geschaffen. Spieler wie Hugo, Gabor, Schwab oder Blaurock waren in dieser Zeit echte Lichtgestalten“, erklärt Klaus Wächter, der später vom TSV Lengers dazu stieß und die ganz große Zeit miterlebte. „Der damalige Trainer war total verrückt, hat die Spieler sonntagmorgens um 10 Uhr zum Training bestellt. Das war total ungewöhnlich für die damalige Zeit“, so Wächter, der das Gleiche auch vom Team erzählt. „Libero war Reinhold Trombach. Der hat mit 38 noch in der Verbandsliga hinten seinen Mann gestanden. Wenn der Mittagsschicht im Schacht hatte, dann ist er – weil er am Abend nicht trainieren konnte – die zehn Kilometer zur Arbeit hin und zurück gejoggt, damit er auch sportlich was getan hatte.“

Aufstieg und Durchmarsch

Das Sportgelände des TSV Ausbach heute: Nicht mehr taufrisch, aber fein. So ein bisschen ist die Nostalgie früherer Tage heute noch immer zu spüren. Foto: Ralph Kraus

Mit dem Aufstieg in die Gruppenliga (damals Bezirksliga) wurde der Aufwand größer. „Das waren jetzt oft kleine Weltreisen. Ich denke da an die Spiele in Mittelkalbach, aber vor allem in Weiperz“, so Wächter. Von Ausbach hatte die Elf 85 Kilometer einfache Fahrt bis nach Weiperz. Doch eben diese Gruppenliga (hieß damals Bezirksliga) war nur Durchgangsstation für den TSV, denn die Mannschaft war so stark, dass man gleich im ersten Jahr völlig unerwartet den Durchmarsch schaffte. Rund um den neuen Torwart Dieter Herwig (später Hessen Hersfeld, Trainerstab bei Borussia Fulda) sowie Spieler wie Willy Anacker und Wilfried Franke distanzierten die Ausbacher den TSV Künzell um einen Punkt, wurden Gruppenligameister und waren plötzlich in die vierten Liga – sprich Landesliga Nord – angekommen.

„Das war ja alles ein bisschen irre: Ausbach hatte damals vielleicht 600 Einwohner. Da musstest du aber schon alle Hühner mitzählen. Und plötzlich stand man in der Verbandsliga und die großen Kasseler und Fuldaer Vereine mussten hierher. Das durfte sich zu großen Teilen Helmut Fischer als Verdienst anrechnen“, macht Wächter klar. Fischer lebte den Verein als Vorstand, kümmerte sich um alles und sorgte vor allem dafür, dass das Vereinsleben in Ausbach seinesgleichen gesucht hat. Dass es von Anfang an gegen den Abstieg gehen würde, das war allen klar. Doch Ausbach wehrte sich, konnte den Abstieg vier Mal verhindern, ehe es den Verein 1984 doch erwischte. In fünf Jahren Verbandsliga holte der TSV in 162 Spielen 40 Siege, 40 Remis und verlor 82 Partien. 229:386-Tore bescherten insgesamt 120:204-Punkte.

1979/1980 landeten die Ausbacher am 13. Platz und damit einen Rang vor der großen Borussia aus Fulda, die man nach Toren von Harry Blaurock, Erich Wirf und Uwe Rehbein mal schnell 3:0 geschlagen nach Hause schickte. Doch die eigentliche Sensation gelang Ausbach am 19. Spieltag gegen die SG Bad Soden. Die Sodener waren zu dieser Zeit mit 15 Siegen und drei Remis ungeschlagen Tabellenführer, aber Ausbach fügte den Sprudelkickern durch den Doppelpack von Uwe Glaser beim 2:1 die erste Niederlage zu. Das zweite Jahr 1980/1981 wurde zum noch größeren Zitterspiel. Dabei gelang der größte Erfolg aller Zeiten, als sich der TSV Ausbach nach dem fünften Spieltag Tabellenführer der Landesliga Nord nennen durfte. Nach einer völlig desolaten Rückrunde musste der TSV aber am Ende in ein Entscheidungsspiel um den Klassenerhalt gegen den TSV Ihringshausen. Nach dem Rückstand glich Klaus Wächter in der 75. Minute aus, ehe Harald Hugo in der ersten Minute der Nachspielzeit der 2:1-Siegtreffer beisteuerte. Wieder einmal flippte ganz Ausbach aus und verfiel in den Feiermodus.

Rolf Dörings goldenes Tor

Und so ging das weiter: Auch 1981/1982 stand Ausbach das nötige Glück zur Seite. Wieder musste der TSV in ein Entscheidungsspiel. Diesmal war der TSV Wabern der Gegner. Dass man überhaupt die Chance des Entscheidungsspiels bekam, lag daran, dass Konkurrent Wabern im Punktspiel ein Eigentor unterlief, welches den Ausbachern das 1:1 rettete. Ohne dieses Tor wäre Ausbach abgestiegen. So aber wurde Rolf Döring zum König von Hohenroda, als er den goldenen Treffer zum 1:0 im Entscheidungsspiel erzielte. „Das war alles so ein bisschen wie die Geschichte von den Galliern, die sich gegen die schier übermächtigen Römer wehrten. Man muss sich das mal vorstellen: Das Sportgelände bei uns in Ausbach war ja immer gut besucht. Aber zu manchen Spielen mussten wir nach Heimboldshausen ausweichen, weil zu wenig Platz war. Ich kann mich noch genau erinnern. Da standen die Autos ewig weg vom Sportgelände. Da kam es vor, dass du als Spieler deine Sporttasche mehr als einen Kilometer schleppen musstest“, schmunzelt Wächter, der den Verein zwischendrin wegen seines Studiums zwar verließ, aber bald wieder zurückkehrte.

1982/1983 schaffte Ausbach dann als Elfter die beste aller Platzierungen in der Landesliga. 16 Tore hatte Wächter dazu beigesteuert, doch mittlerweile hatte sich der TSV mit einigen Leuten wie beispielsweise Harry Terrell vom großen Nachbarn Hessen Hersfeld verstärkt. Nach der Vorrunde war Ausbach sensationeller Fünfter. Trainer war jetzt mit Wilfried Otto ebenfalls ein Hersfelder. Das 5:1 gegen den FV Bebra ging als höchster Verbandsliga-Sieg überhaupt in die Geschichte ein. 1983/1984 ging der Traum dann aber zu Ende. Elf Spieler hatten den Verein vor der Runde verlassen und es lief nicht mehr viel zusammen. Genauso schnell, wie die Ausbacher einst den Gipfel erklommen hatten, verließen sie ihn nun wieder. Es folgten gleich zwei Abstiege nacheinander, ehe der TSV 1990 unter Axel Becker wieder in die Gruppenliga (damals Bezirksoberliga) zurückkehrte. Die wurde für 18 Jahre (mit einer Ausnahme) die sportliche Heimat, ehe man in Ausbach eine Spielgemeinschaft gründete und nie mehr an die großen Zeiten anknüpfen konnte. In der nun abgebrochenen Saison wurde die SG Ausbach/Friedewald Meister der A-Liga Hünfeld/Hersfeld und steigt in die Kreisoberliga auf.

„Was man mit dem Verein in Verbindung bringen wird, das werden für alle Zeiten die großen Momente bleiben, als man im großen Showgeschäft mitgespielt hat“, erinnert sich Klaus Wächter gerne. Und als Highlight sieht er rückblickend vor allem ein Spiel. „Für mich persönlich war es der 3:2-Sieg beim großen Nachbarn Hessen Hersfeld. Da waren damals über 1500 Zuschauer im Stadion Oberau beim Spiel.“ Wächter markierte einen Doppelpack, Harald Hugo machte das Siegtor.

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