25.03.2020

Einbußen – teils auch freiwillig

Physio Daniel Pfeiffer über die Probleme und Sorgen, die alle seine Kollegen aktuell haben

Daniel Pfeiffer vor seiner Praxis. Foto: Ralph Kraus

Physiotherapeuten gehören zu den Berufsgruppen, die aktuell noch als systemrelevant gelten und trotz des Coronavirus ihren Job verrichten dürfen. Dennoch brechen für den gesamten Berufszweig – wie für viele andere auch – schwere Zeiten an.

„Um die 50 Prozent“, antwortet Daniel Pfeiffer auf die Frage, wie sehr sich denn die Patientenzahl in den letzten Tagen verringert habe. Der 50-Jährige betreibt in Rückers bei Flieden eine Praxis für Sportphysiotherapie und Krankengymnastik. Als Sportler hatte er sich in früheren Jahren einen Namen als Kickboxer und Torwart gemacht. Er spielte unter anderem höherklassig Fußball für den TSV Lehnerz, Germania Fulda, die Britannia aus Eichenzell und die TSGLütter.

Dort, wo sich sonst Patienten, aber auch heimische Fußballgrößen, regelrecht die Klinke in die Hand geben, dort geht es aktuell eher beschaulich zu.

Sein Fitnessstudio –direkt mit den Behandlungsräumen der Patienten verbunden – hat Pfeiffer bereits einige Tage vor der Anordnung der Regierung auf eigene Initiative geschlossen. „Wir mussten einfach früh reagieren, weil wir an den Geräten auch viel mit Risikopatienten arbeiten und weil auch ältere Leute gerne unser Studio in Anspruch nehmen, um Sport zu treiben. Was danach beschlossen wurde, das war aus meiner Sicht schon ein paar Tage früher nicht mehr zu verantworten. Deshalb haben wir den Gerätebereich vorzeitig für den normalen Kundenverkehr geschlossen“, verdeutlicht Pfeiffer, der seit Tagen immer wieder Termine mit Therapie-Patienten absagt.

"Wir brauchen den Umsatz"

„Es schlagen ja immer zwei Herzen in einer Brust. Das eine ist das Unternehmerherz: Wir brauchen ja den Umsatz, denn da hängen auch zahlreiche Angestellte dran, für die ich auch eine Verpflichtung habe. Aber da gibt es auch noch die Fürsorgepflicht gegenüber den Patienten: Deshalb sagen wir von uns aus allen Risikopatienten die Termine ab, um diese nicht unnötig in Gefahr zu bringen“, erklärt Pfeiffer, der eine Lanze für seine vielen Kollegen aus der Branche bricht.

„Alles was ich hier sage betrifft ja uns alle. Jeden einzelnen Physiotherapeuten. Ich bin mir sicher, dass alle im Sinne der Patienten handeln und eher Termine absagen, anstatt die Leute in die Gefahr einer Infektion zu bringen“, so der Rückerser, der in Telefongesprächen den Leuten den Grund seiner Absage erläutert: „Wir erklären den Menschen, warum wir nicht wollen, dass sie kommen und dafür erfahren wir Reaktionen von vollstem Verständnis bis hin zur Dankbarkeit.“

Allerdings stellt sich Pfeiffer noch eine ganz andere Frage: „Ich weiß nicht einmal, ob ich die Behandlung tatsächlich verweigern darf – was wir ja rein zum Schutz des Patienten tun. Aber die Behandlung wurde von einem Arzt verordnet. Das muss man auch bedenken.“

Keine Hausbesuche mehr

Pfeiffer geht sogar so weit, dass er nicht ausschließen will, dass der Staat bald alle Physiopraxen vorübergehend schließen könnte, weil der Ertrag einer Behandlung – aufgewogen gegen das Risiko einer Ansteckung – womöglich zu gering sein könnte. „Die Möglichkeit sehe ich durchaus als gegeben an.“

„Hygiene, Desinfektion – das ist ja für uns alles nichts Neues. Wir kennen das alles aus den Zeiten, wenn die Leute grippale Infekte oder Magen-Darm-Infektionen mit sich umher schleppen. Von daher sind alle Physiopraxen da ungemein penibel und raten den Leuten seit eh und je, dass sie dann lieber zu Hause bleiben sollen. Aber bei Corona reden wir ja nochmal über ein ganz anderes Kaliber“, weiß er um die Gefahren.

Auch seiner Rolle als Sozialkontakt ist sich Pfeiffer bewusst. Auch die ruht. Beispielsweise bei Hausbesuchen: „Es tut mir total leid, dass wir die alle absagen mussten, denn der 80-, 90-jährige Patient freut sich ja auf den Besuch, wenn er aus dem Bett aufstehen und mal ein paar Meter mit unserer Hilfe laufen kann. Aber ganz ehrlich? Ich stelle mir die Frage: Kann ich in der momentan Lage verantworten, den Patienten möglicher Weise zu infizieren? Ich sage ganz klar: Nein.“

"Ganz am Schluss kommt der Sport"

Was den Fußball als seine große Leidenschaft angeht, ist Pfeiffer entsprechend traurig, dass die Saison unterbrochen ist. Seit geraumer Zeit engagiert er sich unter anderem als Athletiktrainer beim Verbandsligisten Buchonia Flieden, macht aber auch zahlreiche angeschlagene Spieler anderer Clubs wieder fit.

„Für Flieden ist die Unterbrechung super ärgerlich: Die Mannschaft war extrem fit, was man in den beiden Spielen in Vellmar und gegen Johannesberg gesehen hat. Es gibt zwar individuelle Trainingspläne, aber man muss ja ehrlich sehen, dass es für viele Spieler zur Zeit auch wichtigere Dinge als Fußball gibt: Nicht alle Spieler haben den Kopf frei. Viele denken vielleicht eher daran, wie ihre berufliche Situation weitergeht oder man hat einen Kranken und Risikopatienten in seinem Bekanntenkreis. Das ist es, auf das es jetzt ankommt.“

Indes vermutet Pfeiffer sowieso, dass die Pause im Sport noch sehr viel länger dauern wird, als bisher viele annehmen: „Fitnessstudios und Sportanlagen sind das Allerletzte, was vom Staat wieder freigegeben wird. Erstmal kommen die Arbeitsplätze und die Schulen. Erst wenn das alles wieder seinen normalen Gang gehen kann, dann kommt ganz am Schluss der Sport. Das wird dauern – auch wenn mein Wunsch ein ganz anderer wäre.“ / kr

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