21.03.2020

Hauswurz statt Chicago

Marius Kullmann vom SV Flieden hat seine US-Uni verlassen und studiert von zuhause weiter

Der Hauswurzer Linksfuß Marius Kullmann im Dress der Loyola Ramblers, der Fußballmannschaft seiner Universität in Chicago. Foto: Steve W Photography

In Windeseile hat Marius Kullmann seine Zelte in den Vereinigten Staaten abgebrochen: Statt Studentenbude in Chicago heißt es wegen der Coronavirus-Pandemie seit Sonntag wieder: Kinderzimmer in Hauswurz.

Seit 2016 studiert der 23-Jährige International Business and Finance an der Loyola University in Chicago. Marius Kullmann erhielt gleich zwei Stipendien. Akademisch erfüllte der Abi-Schnitt von 1,9, erworben am Fuldaer Marianum, die Anforderungen, sportlich waren die fußballerischen Fähigkeiten erst recht ausreichend. Für den SV Flieden hat der in fünf Juniorenjahren bei Eintracht Frankfurt ausgebildete linke Außen- und Innenverteidiger, dessen Heimatverein der SV Hauswurz ist, schon in der Hessenliga gespielt. Mit seinem Uni-Team, den Loyola Ramblers, qualifizierte Kullmann sich in der jüngst abgelaufenen Saison für das nationale Endturnier, zum zweiten Mal nach 2016, als es mit dem Vordringen in die zweite Runde den größten sportlichen Erfolg der Universitätsgeschichte zu feiern gab; heuer war bereits in der ersten Runde Endstadion.

Nach Peru-Trip ist alles anders

Im Mai geht das Studium zu Ende. Den „Bachelor of Business Administration“ kann Marius Kullmann jedoch nicht mehr im gewohnten Umfeld in Chicago erwerben. Seit wenigen Tagen wird online weiterstudiert, im Elternhaus in Hauswurz. Corona hat Kullmann veranlasst, nach Osthessen zurückzukehren.

Marius Kullmann erzählt: „Anfangs gab es in den USA eine eher vereinzelte Berichterstattung über Corona, das Ganze wurde in erster Linie als chinesisches und europäisches Problem wahrgenommen. Noch in den Frühlingsferien, dem Spring Break, waren wir mit unserem Fußballteam vom 28. Februar bis 9. März zu einem Entwicklungshilfetrip in Peru. Da schien anfangs auch noch alles ganz normal, dann wurden aber schon die ersten italienischen Studenten zurückgerufen. Und als wir montags zurückgekommen sind, war die Lage schon eine ganz andere.“

Am Mittwoch dann wandte US-Präsident Donald Trump sich an die Nation – und von da an sei nichts mehr wie zuvor gewesen. „Noch fünf Tage vorher hätte ich es nicht für möglich gehalten, wie schnell und drastisch das öffentliche Leben sich verändern kann“, sagt Kullmann.

„Trump hat sich stark positioniert“

Dass Trump die Bedrohung durch Corona vor Wochen noch heruntergespielt habe, hat auch Marius Kullmann so erlebt, die Rede des Präsidenten nötigte ihm dann allerdings Respekt ab: „Er sprach von der bislang größten Krise für die Bevölkerung und hat sich wirklich sehr stark positioniert. Es wurde deutlich, dass sich die Regierung schon seit geraumer Zeit für den Ernstfall vorbereitet hat.“

Als ambivalent nahm Marius Kullmann den Umgang der Amerikaner mit der Krise wahr. Einerseits seien die Supermärkte ratzfatz leergekauft, anderseits noch am Samstag die Bars proppenvoll gewesen. Kullmann registrierte: „Die Amis lassen sich zwar sehr schnell von der Nachrichtenlage beeindrucken, insgesamt pflegen sie aber einen grundsätzlich positiveren Umgang mit solchen Situationen.“

„Am Samstag war St. Patricks Day, was für ganz Chicago, das eine große irische Gemeinde hat, immer eine Riesensache ist. Der Umzug ist zwar abgesagt worden, aber in den Kneipen ging es, allein schon der Krise zum Trotz, trotzdem rund.“

Mulmiges Gefühl

Marius Kullmann hatte da bereits die Heimreise angetreten. „Kumpels haben mir beim Packen geholfen, von einigen Freunden konnte ich mich gar nicht mehr verabschieden. Auf dem mehr oder weniger völlig verwaisten Campus und später dann am Flughafen, das war schon ein mulmiges Gefühl. Der Flieger war dann auch halbleer.“

Die Entscheidung, die USA zu verlassen, traf Kullmann aus freien Stücken. „Die Ausländer sind nicht zur Ausreise aufgefordert worden, ich hätte auch drüben bleiben können. Aber weil ich im Mai eh fertig bin und ich mir bereits im Klaren darüber war, wie es für mich in Deutschland weitergeht, habe ich mich zur Rückkehr entschlossen. Und wer weiß, wie es in ein paar Monaten ist.“ Dass die Uni dichtmacht, erfuhr Kullmann ohne jeden Vorlauf am Tag der Schließung, dem Donnerstag. „Natürlich war klar, dass das kommen würde, aber das war dann schon sehr abrupt. Es wurde allerdings auch sehr schnell klar, dass die Uni im Hintergrund sich sehr gut auf die Situation vorbereitet und einen gut funktionierenden Notfallplan erstellt hat.“

Nun wird also zuhause in Hauswurz zu Ende studiert. Ist das vollbracht, will Marius Kullmann in Deutschland seinen Master machen. Auf dem Weg dorthin sind Praktika geplant, vorzugsweise im Bereich Unternehmensberatung. Und ganz weit im Hinterkopf schwirrt der Wunschtraum, „irgendwann einmal Sport und Studieninhalte miteinander verbinden zu können, vielleicht in einem Verband oder Verein, letztlich sind das ja Wirtschaftsunternehmen“.

Gartenarbeit ist angesagt

Zunächst einmal muss aber Marius Kullmann, so wie alle anderen auch, mit Einschränkungen leben. „Ich gehe gerne ins Fitnessstudio oder ins Fußballtraining, das wird aber erst einmal nichts. Mal sehen, wie ich den Garten und die Feldwege für meine Zwecke nutzen kann.“ Da völlig unklar ist, wie es hierzulande mit dem Spielbetrieb weitergeht und er außerdem viel früher als geplant zurückgekehrt ist, vermag Kullmann auch nicht zu sagen, wann und wie er wieder im Verbandsligateam des SV Flieden einsteigen kann, dessen Co-Trainer im Übrigen sein Vater ist. Nicht einmal die schmerzlich vermissten Kumpels wird Marius Kullmann in nächster Zeit treffen können, da bekanntermaßen von unnötigen unmittelbaren Kontakten zu Menschen sicherheitshalber Abstand genommen werden soll. „Das ist halt jetzt so. Wir haben aber schon mal ’ne Skypekonferenz durchgezogen. Das war auch mal ganz lustig. Und ehe das irgendwie nach Selbstmitleid klingt: Persönliche Härten, von wegen kein Fußball, schöner Abschied, von zuhause Studieren und so weiter, das ist alles wurscht. Wichtig ist nur, dass alle gesund bleiben und die Infektionskette gestoppt werden kann, damit ein normales Leben bald wieder möglich ist.“ / oi

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