Tor des Monats

Klaus Mehler schlägt Horst Hrubesch

27. März 2021, 08:01 Uhr

Klaus Mehler war der erste Amateur, der das Tor des Monats erzielte. Foto: Ralph Kraus

Das Kalenderblatt des 8. Juni 1980 weist wenig Weltbewegendes aus: In Berlin geht der Deutsche Katholikentag zu Ende, der DFB beschließt die eingleisige Zweite Bundesliga und der autofreie Sonntag findet kaum Resonanz. Doch für den Tanner Klaus Mehler (60) bleibt der Tag unvergessen.

In Frankfurt-Kalbach treffen die Spvgg. Fechenheim und die DJK Bad Homburg aufeinander. Beide Teams haben die Saison punktgleich abgeschlossen und ermitteln nun in einem Entscheidungsspiel auf neutralem Platz den Aufsteiger in die Bezirksklasse. Bad Homburg ist favorisiert, doch kurz nach der Pause erzielt Klaus Mehler die Führung für Fechenheim. Torwart Uwe Schröder hat den Ball abgeschlagen, Uwe Jung gewinnt im Mittelfeld ein Kopfballduell, Detlef Jerger verlängert abermals per Kopf und Mehler nickt im Strafraum stehend ein. Der Ball hatte vom Abschlag bis zum Einschlag nicht den Boden berührt, die drei Kopfbälle am Stück machten das Tor so besonders. Für Fechenheim war das Tor die Initialzündung, Mehler trifft kurz darauf zum 2:0, das Spiel endet 4:0.
(HIER IST DAS TOR ZU SEHEN)

„Dass das 1:0 kein Treffer von der Stange war, hat niemand wahrgenommen, selbst ich nicht – obwohl es natürlich mein denkwürdigstes Tor war“, sagt Mehler heute. Erst zehn Tage später meldet sich hr-Sportreporter HolgerObermann bei den Fechenheimern. Er habe das Tor gesehen und wolle sich dafür einsetzen, dass es für „Tor des Monats“ nominiert würde. Ernst Huberty, Moderatoren-Legende des WDR und in der Sportschau verantwortlich für das „Tor des Monats“, lehnt ab. Doch Obermann bleibt hartnäckig, und so findet Mehlers Treffer sich in einer äußerst illustren Runde wieder.

Denn der Juni 1980 ist EM-Monat. Deutschland gewinnt den Titel, und Mehlers Konkurrenz trägt das Nationaltrikot: Horst Hrubesch und die Allofs-Brüder Klaus und Thomas gilt es hinter sich zu lassen. Mit Erfolg. Damals stimmen die Zuschauer per Postkarte ab und die Fechenheimer-Co-Produktion gewinnt vor Hrubeschs Siegtreffer im EM-Finale gegen Belgien.

Die Europameister hinter sich gelassen

Dass das Tor in Kalbach überhaupt gefilmt wird, ist einem findigen Herrn zu verdanken. Robert Parisson ist zu jener Zeit so etwas wie ein moderner Scout: Mit eigener Kamera bewaffnet, nimmt er etwa für Fußball-Bundesligist Eintracht Frankfurt oder die Handballer des TV Großwallstadt Spiele der nächsten Gegner auf oder fahndet nach Talenten. Letzteres ist an jenem Sonntagnachmittag in Kalbach sein Ziel. Und die Aufnahmen nutzt er, um beim hr-Fernsehen für Mehlers einmaliges Tor zu werben.

Kaum nominiert, rühren die Fechenheimer die Werbetrommel. Mehler lässt Kontakte zur „Bild“-Zeitung und zu FR-Redakteur Harald Stenger, dem späteren DFB-Pressesprecher, Stenger spielen. Wie wild füllen längst nicht nur Frankfurter Postkarten aus. Ein paar Wochen später erfolgt der Anruf. In die Sportschau werden alle vier am Tor des Monats beteiligten Fechenheimer eingeladen, Mehler erhält den Preis. Eine Münze. Damals noch aus echtem Gold. Heute ist sie das nicht mehr.

Dank des Erfolgs im Juni 1980 stand das Fechenheimer Quartett auch zur Wahl zum „Tor des Jahres“. 186.531 Menschen stimmten für Mehler ab – das brachte ihm hinter Karl-Heinz Rummenigge, Hansi Müller und nochmals Rummenigge Rang vier.

Mehr als 1,7 Millionen Postkarten waren ausgefüllt worden. Werte, die die Abstimmung längst nicht mehr erreicht. Heute, 50 Jahre nach dem ersten Tor des Monats, stimmen immerhin noch jeden Monat mehr als 100.000 Menschen ab. Karten müssen freilich keine mehr geschrieben werden. Und Amateurspiele werden mittlerweile regelmäßig aufgezeichnet. Damals nicht: Mehler war der erste Amateur überhaupt, der das Tor des Monats erzielte.

Zur Person:

15 Jahre war Klaus Mehler alt, da wollte Eintracht Frankfurt den Stürmer des SV Tann verpflichten. Er absolvierte jedoch eine Ausbildung bei tegut und vollzog den Wechsel erst zwei Jahre später, um sein letztes A-Jugend-Jahr am Main zu spielen.
Mangels Aussicht auf einen Profivertrag schloss sich Mehler für zwei Jahre Fechenheim an. Danach lockte erneut die Eintracht, doch geplagt von Verletzungen blieb ihm der Sprung ins Bundesliga-Team verwehrt.

Fortan spielte er auf höchstem Amateurniveau: In der drittklassigen Oberliga lief er für Erbach und den FSV Frankfurt auf – schoss Tor um Tor. Einmal kehrte er nach Osthessen zurück, erzielte 84/85 für Borussia Fulda 20 Tore. Mit 28 Jahren beendete er seine Laufbahn. Heute lebt er wieder in Tann.

TV-Tipp

Am Sonntag strahlt die ARD um 18 Uhr eine Sondersendung zu „50 Jahren Tor des Monats“ aus, in der der Tanner Klaus Mehler „sein“ goldenes Tor mit den alten Weggefährten nachspielt und zu Wort kommt.

Weiterführender Link:

Nicht nur Klaus Mehler erzielte als Osthesse ein Tor des Monats. Auch Sebastian Kehl, Uwe Bein, Louis Schaub und Rainer Krieg erinnern sich mit uns.

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