Verein aus zwei Blickwinkeln

Nur der HSV

30. Januar 2021, 07:58 Uhr

Bernhard Göbel (links) und Thomas "Tommy" Hohmann schauen zum Abschluss der HSV-Serie auf den Verein. Fotos: Ralph Kraus

Hessenpokalsieger 1963. Seither 16 Jahre in der Hessenliga und 36 Jahre in der Verbandsliga vertreten. Der Hünfelder SV ist ein Aushängeschild des osthessischen Fußballs. Die zu ihrer Zeit prägenden Spieler Thomas Hohmann und Bernhard Göbel beschreiben den HSV aus ihrer Sicht.

Das beste Spiel

Bernhard Göbel: Es gab viele schöne Spiele. Aber sicherlich war das Duell in der Landesliga gegen Borussia Fulda in der Saison 89/90 der Höhepunkt. Es hat geregnet, dennoch sind 4000 Zuschauer gekommen. Schon drei Wochen vor dem Spiel gab es in der Stadt nur ein Thema. Und das Spiel war einfach genial. Wir waren zwar nicht besser, haben Borussia aber 2:0 geschlagen. Michael Matthaei hat beide Tore geschossen. Unser Team war eines der besten, das je für den HSV gespielt hat. Wir waren eine Art Kreisauswahl mit Spielern aus Roßbach, Burghaun, Wehrda, Großentaft oder Kirchhasel, Hofaschenbach, Schwarzbach, Marbach und Hünfeld. Die Zuschauer standen hinter uns, das war fantastisch. Nach Abpfiff waren wir Erster.

Thomas Hohmann: Das Spiel ist mit Sicherheit durch nichts zu toppen. Wobei später das Rückspiel in Fulda ebenfalls besonders war. Da sind 7000 Zuschauer gekommen. Bernhard hat geflankt, ich per Volleyabnahme das 1:0 erzielt. Aber es hat nicht gereicht. Wir haben 1:3 verloren. Uns hat vorne die Durchschlagskraft gefehlt. Ich glaube, dass wir, wenn Michael Matthaei nicht ein paar Monate zuvor in der Winterpause zu Bayern München gewechselt wäre, das Spiel gewonnen hätten und am Ende Meister und nicht Zweiter geworden wären. Vielleicht wäre nicht so ein Lauf wie bei Borussia bis in die Regionalliga möglich gewesen, jedoch hätte der HSVdie nächsten Jahre in der Oberliga sicherlich gut mithalten können.

Das schlimmste Spiel

Bernhard Göbel: Wir waren 87/88 Bezirkspokalsieger und haben anschließend Hessenpokal gespielt. Und wir haben im Viertelfinale gegen den Hanauer Bezirksoberligisten Dörnigheim gespielt. Da schon die weiteren Runden ausgelost waren, war klar, dass im Halbfinale Mengsberg aus unserer Liga warten würde. Und Mengsberg hatten wir in der Liga mit 7:1 geschlagen. Und es war ebenfalls klar, dass beide Finalisten in der ersten Runde des DFB-Pokals stehen würden. Wir waren ganz nah dran. Das dachten wir zumindest. Und dann haben wir das Spiel total vergeigt. Haben zuhause 0:1 verloren. Das war ganz, ganz schwach. Die waren eine Klasse tiefer Sechster, Siebter und wir haben nichts auf die Kette bekommen. Ein ganz schlimmes Spiel.

Thomas Hohmann: Nachher waren wir dann zumindest alle froh, dass Dörnigheim im DFB-Pokal nicht das ganz große Los gezogen und gegen Bayreuth gespielt hat.

Bernhard Göbel: Dörnigheim hatte dann tatsächlich sogar noch Mengsberg geschlagen und das Hessenpokal-Finale gegen Drittligist Wehen erst in der Verlängerung verloren.

Thomas Hohmann: So ein ähnliches Spiel hatte ich aber auch einmal in meinen Anfangsjahren. 0:1 gegen den VfL Kassel. Die hatten 0:42 Punkte bis dato. Da bin ich ausgerastet nachher.

Der beste Spieler

Thomas Hohmann: Für mich gibt es da nur einen Namen:Norbert Fladung. Der war in den 60er- und 70er-Jahren der absolute Hammer. Für mich ein Bundesliga-Spieler in dieser Zeit. Der hat einen super Körper gehabt, ein super Kopfballspiel, eine unheimliche Robustheit. Gegen den sind zwei Mann gelaufen und weggeflogen. Er war nicht der riesige Techniker wie Bernhard zum Beispiel, aber eine unheimliche Maschine. Norbert Fladung war der beste Mann, mit dem ich jemals zusammen gespielt habe.

Bernhard Göbel: Die Geschichten von Norbert, wie er reihenweise die Gegner erschossen hat, kenne ich nur vom Hörensagen. In der späteren Zeit sind aber sicherlich Oliver Bunzenthal, Dominik Weber oder Marco Fladung absolut herausragende Spieler im HSV-Trikot gewesen. Wenn man so einen Olli Bunzenthal gesehen hat, der vorher bei der Eintracht in der Bundesliga aktiv war und dann als noch immer fitter Spieler hierher kam. Das hat schon Spaß gemacht. Marco und Dominik haben ebenfalls ein außergewöhnliches Talent. Aber sicherlich sind alle drei nicht mit Norbert Fladung vergleichbar. Gerade weil er unfassbar viel für den Verein geleistet hat.

Thomas Hohmann: Norbert war unwahrscheinlich vereinstreu. Er hatte beispielsweise ein Angebot von den Offenbacher Kickers. Das war ihm aber viel zu weit weg. Da lachen die Jungs heute drüber. Aber: Norbert war einfach unglaublich.

Ein Verein als Familie

Thomas Hohmann: Zeiten, in denen es dem Verein nicht gut oder gar zu gut ging, gibt es wenige. Ich erinnere mich an die Zeit Ende der 70er-Jahre. Das war nicht schön. Als Spieler sind wir selbst losgegangen und haben Sponsoren oder Autos für die Auswärtsspiele organisiert. Wir haben einige Jahre in der Bezirksoberliga gespielt und mehrfach den Abteilungsleiter gewechselt. Aber nach dieser Zeit ist ein Wandel eingetreten. Es wird auf viel Kontinuität gesetzt und das tut dem Verein gut. Jeder kennt nicht nur am Sportplatz jeden.

Bernhard Göbel: Das ist wie in einer großen Familie. Gehen wir zum Handball, treffen wir die Fußballer. Gehen wir zum Fußball, treffen wir die Handballer. Der Zusammenhalt ist immens und kaum vergleichbar.

Thomas Hohmann: Vielleicht weil beim HSV schon lange nicht unbedingt das Finanzielle im Vordergrund steht. Ich habe 25 Jahre für den HSV gespielt und außer der Punktprämie keinen Pfennig haben wollen. Wir hatten die meiste Zeit eine gute Mannschaft und das hat gereicht.

Bernhard Göbel: Ich kenne manchen heutigen Spieler seit der E-Jugend, weil sie da schon mit meinem Sohn gespielt haben. Das sind die Dinge, die für einen intakten Verein sprechen, in dem Spieler ihren Weg gehen können. Und schaut man sich das Umfeld auf der Rhönkampfbahn an, kann der Verein schlicht und ergreifend stolz auf das Geleistete sein.

Heute

Thomas Hohmann: Prinzipiell finde ich den Weg des Vereins gut, weil er kontrolliert gegangen wird. Vier, fünf Spieler zu holen, die immense Kosten verursachen, nur um die Hessenliga zu halten, birgt die Gefahr, dass ein Verein nicht aus der Kostenspirale herauskommt.

Bernhard Göbel: Das sehe ich genauso. Ich glaube, dass das Motto „immer weiter“ ganz gut zum HSVpasst. Steigt der Verein ab, geht es eben eine Klasse niedriger weiter. Und es gab Zeiten, da ist der Verein bis in die Bezirksliga abgestiegen, es gab Derbys gegen Roßbach oder Ufhausen. Und trotzdem ging es weiter. Gerade Mario Rohde ist als Abteilungsleiter bestens vernetzt und macht einen tollen und wichtigen Job.

Thomas Hohmann: Mario macht das so gut wie Jochi Hess zuvor. Was mir aber fehlt, ist eine Hierarchie im Team. Wir haben keinen Lautsprecher auf dem Platz, der das Team führt. Gerade im letzten Spiel vor der Pause konnte man das gut beobachten. Wehrlos und hilflos haben wir in Flieden verloren, wo wir ein Jahr zuvor noch regelrecht triumphieren konnten.

Bernhard Göbel: Vielleicht ist das der große Unterschied zu unserer Zeit. Da gab es Typen, die immer den Mund aufgemacht haben. Die eine Mannschaft geführt haben. So Typen wie dich, Tommy.

Thomas Hohmann: Ich glaube, dass eine gewisse Art der Reibung extrem wichtig für die Mannschaft und den Erfolg ist. Aber die Zeiten sind andere.

Thomas Hohmann:

Thomas „Tommy“ Hohmann stammt aus Roßbach. Nur zwei Spiele absolvierte er in der Schülermannschaft für seinen Heimatverein, dann lotste ihn sein Lehrer nach Hünfeld. Zwar spielte er zwischen 1982 und 1986 für Hessen Hersfeld, zeitweise in der drittklassigen Oberliga, doch sein Herz hängt am HSV. Bis heute. Als Spielmacher und Lautsprecher war er eine prägende Figur in den Hochzeiten des Vereins Anfang der 90er. Viermal hörte er auf, dreimal wurde er zum Weitermachen überredet. Erst mit knapp 40 war Schluss. Heute ist sein Stammplatz am „Bundestrainerstammtisch“ im Sportlerheim des HSV. Seit Januar ist der 64-Jährige, der zuvor ein Fuhrunternehmen leitete, in Rente.

Bernhard Göbel:

Bernhard Göbel stammt aus Kirchhasel. Bei seinem Heimatverein begann seine Karriere, die ihn in Jugendjahren zu Borussia Fulda führte. Als 18-Jähriger zog es ihn erstmals zum HSV, der gerade in die Landesliga aufgestiegen war. Für Hünfeld schoss der Mittelstürmer Tor um Tor. Göbel entschied sich Anfang der 90er zur Rückkehr nach Fulda, um in der drittklassigen Oberliga zu spielen. Noch einmal kehrte er nach Hünfeld zurück, doch die Hüfte bereitete Probleme. Bereits mit 28 Jahren konnte er auf hohem Niveau nicht mehr mithalten. Heute spielt Sohn Jan-Luca für die Reserve des HSV, Göbel selbst ist steter Kiebitz und zuständig für die Alten Herren. Der 56-Jährige arbeitet als Bankkaufmann.

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