08.04.2020

Selbst der große FC Bayern ist zu Gast

Glanzzeit von Borussia Fulda mit fünf Jahren Zweitklassigkeit

Torwart Theo Diegelmann gehörte wie Hugo Zaczyk (rechts) über viele Jahre zu den absoluten Größen und Leistungsträgern des SC

In Teil drei unserer Chronik über Borussia Fulda schildern wir die spektakuläre Zeit zwischen 1957 und 1963, als der Club insgesamt fünf Jahre der zweiten Liga Süd angehörte. Die Gesamtbilanz: 162:178-Punkte und 296:328-Tore.

Im Juni 1957 wurde der lang ersehnte Aufstieg unter Trainer Otto Blau endlich eingetütet. Nach dem 1:0 im Entscheidungsspiel gegen Friedrichshafen (in Pforzheim) war der Zweitligaaufstieg perfekt.

Für neun Mark waren die Fans im Sonderzug mitgereist und als dieser in der Nacht gegen 23.37 Uhr auf Gleis drei nach Fulda zurückkehrte, erwartete Mannschaft wie mitgereiste Anhänger ein wahnsinniger Empfang. Tausende hatten sich am Bahnhofsplatz versammelt, um ihre Helden zu begrüßen. Die Spieler damals hießen Edi und Hugo Zaczyk, Helmut Schäfer, Mocki Wegehenkel, Günter Volland, Lorenzen, Diegelmann, Starklauf, Manfred Klimek, Georg Diernberger, Lühn und Georg Kuczera.

Ein weiterer wichtiger Schritt für die kommenden Jahrzehnte: Am 15. August 1957 wurde endlich das lang ersehnte Stadion der Stadt Fulda eingeweiht. Das erste Spiel im Stadion war das Endspiel um den Stadtpokal. Borussia schlug Lokalrivale Germania mit 6:3.

1957/1958: Heimstärke sorgt für Klassenerhalt

Endlich war der SCB in der zweiten Liga angekommen. Für eine Entschädigung zwischen 80 und 320 Mark (inklusive aller Prämien und Spesen) startete Borussia am 11. August 1957 mit dem Heimspiel gegen Hessen Kassel ins Abenteuer Zweitklassigkeit. 1:1 endete der Auftakt nach einem packenden Spiel. Doch nach Pleiten gegen den Freiburger FC (1:2), den SV Wiesbaden (zu Hause 1:6), den FC Singen (0:3) und bei Bayern Hof (2:4) war man ganz schnell Tabellenletzter.

Dann aber wurde der 1. FC Pforzheim vor 5000 Zuschauern nach Toren von Kuczera, Wegehenkel und Volland mit 3:2 im wahrsten Sinne niedergekämpft. Es war der erste Sieg in der zweiten Liga und eine Initialzündung. Am Ende schaffte die Borussia vor allem dank der Heimstärke den Klassenerhalt: 24 von 30 Zählern holte der Klub daheim. Die höchste Niederlage kassierte der SCB bei Meister Waldhof Mannheim (0:6), den höchsten Sieg gab es gegen die Spvgg. Neu-Isenburg (8:2). Am Schluss wurden Schwaben Augsburg und der FC Singen hinter sich gelassen.

1958/1959: Riesige Euphorie, größere Ernüchterung

Werner Voigt löste vor dieser Runde Otto Blau als Trainer ab, mit Liebschwager (VfB Stuttgart), Rothuber, Bianchi (beide Eintracht Frankfurt) und Schneider (VfB Coburg) wurde vier Verstärkungen geholt. Die Euphorie war riesig, zumal in der Vorbereitung in Toto-Spielen die Europapokal-Teilnehmer FC Palermo (8:2) und Rapid Heerlen (Hollands Meister von 1956, 5:2) abgefertigt wurden.

Doch alles kam ganz anders: Mit 24:44-Punkten fehlten am Ende vier Zähler zum rettenden Ufer. Gemeinsam mit dem VfB Friedberg musste der SCB wieder in die I. Amateurliga absteigen. Nach nur acht Spieltagen kam es zur Trennung von Trainer Voigt, Walter Bubeck übernahm. Sein erstes Spiel wurde durch den Doppelpack von Ossi Dürr zwar 2:0 gegen Amiticia Viernheim gewonnen, doch spätestens als eine Woche später auch Schlusslicht FC Bamberg in Fulda gewann und die rote Laterne übergab, war die Stimmung im Keller. In dieser Saison erlebte Borussia bei der 1:8-Heimpleite gegen Bayern Hof (nach 1:0-Führung durch Wegehenkel) einen der schwärzesten Tage aller Zeiten. Unvergessen ist auch die Blamage im Kreispokal gegen Petersberg, als der Zweitligist nach 72 Minuten 3:0 führte, aber nur ein 3:3 schaffte. Einzig weil die Petersberger freiwillig verzichteten, kam Borussia eine Runde weiter.

1959/1960: SCB wird Süddeutscher Meister

Lustige Kerlchen waren die Spieler von Borussia Fulda damals: Hier auf dem eigenen Mannschaftswagen am Rosenmontag 1960.

Mit Ossi Dürr, Georg Kuczera, den Zaczyk-Brüdern, Rudolf Klimek und Werner Liebschwager blieben in der I. Amateurliga nur noch sechs Spieler aus dem Zweitligakader übrig. Trainer Fritz Rebell musste komplett neu aufbauen. Mit Erfolg: Viele neue Gesichter sollten in den kommenden Jahren für Furore sorgen. Paul Odenwald schoss sich beispielsweise mit 20 Toren in den Blickpunkt. Packend waren die Derbys: Zum 3:3 gegen Horas kamen genauso 4000 Zuschauer wie zum Heimspiel gegen den SV Neuhof.

Mit vier Punkten vor der Spvgg. Bad Homburg holte sich die Borussia schließlich die Hessenmeisterschaft. Vielleicht entscheidend war der 1:0-Auswärtssieg im Februar beim Vorjahresmeister VfL Marburg. Ossi Dürr steuerte mit 24 Treffern die meisten Tore bei. Zu Hause blieb der SCB ungeschlagen (15 Siege, zwei Remis, 57:17-Tore).

Wiederum blieb aber noch die Tretmühle Aufstiegsspiele: Ohne jede Pause setzte es zu Beginn ein 1:2 beim FV Offenburg. Weil Fulda im Anschluss aber gegen den SC Geislingen (4:0, 0:0) und den FC Lichtenfels (4:0, 1:0) auftrumpfte und im Heimspiel gegen Offenburg ein 1:1 holte, war der direkte Wiederaufstieg in die zweite Liga Süd geschafft. Mehr noch: Mit einem 1:0 gegen Schwaben Augsburg (in Bamberg, Tor: Ossi Dürr) wurde der SCB Süddeutscher Meister und qualifizierte sich so für die Deutsche Amateurmeisterschaft, wo es ein packendes Duell mit Hannover 96 gab. Nach einem Remis im ersten Spiel gab es im zweiten Anlauf in Göttingen ein Wiederholungsspiel, das Hannover mit 2:1 gewann.

1960/1961: Heimstärke erneut die Grundlage

Bemerkenswert: Der Eintritt für Nichtmitglieder wurde für die zweite Liga auf 1,90 Mark festgesetzt, Schüler bezahlten 30 Pfennige. Immer stärker wurden nun die jungen Leute wie Torwart Theo Diegelmann, der sich in den kommenden Jahren in der ganzen Republik einen Namen machte.

Nach einem guten Start hakte es zwischendrin, als es zwischen dem fünften und zwölften Spieltag nur drei Remis bei fünf Niederlagen gab. In diesem Moment war der SCB auf den 17. Platz abgerutscht. Doch dann kam die Wende mit einem 3:0 gegen Darmstadt 98, ehe eine Woche später nach Toren von Ender und Zimmer ein 2:1-Sieg beim Tabellenzweiten Freiburger FC folgte. Am Schluss stand ein neunter Tabellenplatz, wobei Borussia erneut vor allem durch die Heimstärke (25:9-Punkte) die Grundlage schaffte.

1961/1962: Beste Platzierung aller Zeiten

Fuldas Trainer Fritz Rebell (Bildmitte) und Günter Maaß (links).

Mit Georg Kuczera und Ossi Dürr beendeten zwei herausragende Akteure des letzten Jahrzehnts ihre Laufbahn. Mit den Horasern Rudi Horak und Ernst Seban sowie Manfred Erkelenz (HSV Hedemünden) wurden drei neue Akteure verpflichtet.

Das Team von Trainer Fritz Rebell erlebte einen Traumstart. Dem 2:0 bei Viktoria Aschaffenburg folgte ein 0:0 gegen Kickers Stuttgart, in dem alleine ein überragender Stuttgarter Torwart den Fuldaer Sieg verhinderte. Doch die Borussen liebten es von jeher launisch und so sollte auch diese Saison mit einem Auf und Ab beginnen, weil im Anschluss drei Niederlagen aus vier Spielen folgten.

Doch am Ende wurde es die beste Platzierung, die jemals eine Mannschaft der gesamten Region erreicht hat. Unter anderem die Spvgg. Bayreuth (2:0), der ASV Cham (6:1), Jahn Regensburg (3:0), Viktoria Aschaffenburg (3:0) und der 1. FC Pforzheim (3:0) wurden daheim geschlagen, bei Kickers Stuttgart gab es einen 2:1-Sieg und spätestens als Fulda einen der größten Tage erwischte und auch das Rückspiel bei Jahn Regensburg mit 5:2 gewann, war das Thema Abstiegskampf erledigt. Das Endresultat: Mit 39:29-Punkten und 68:55-Toren holte der SCB Rang fünf in der zweiten Liga Süd – ein einmaliges Ergebnis. Stürmer Ender glänzte in Liga zwei mit 29 Toren.

1962/1963: Dramatische Qualifikation für eine neue Liga

Der Fußball befand sich mal wieder im Umbruch. Die Bundesliga wurde gegründet, die Ligen neu strukturiert. Es herrschte ein für diese Zeit noch nie dagewesenes Treiben auf dem Transfermarkt. Da konnte die Borussia nicht mithalten, auch wenn Werner Banasch (1. FC Saarbrücken), Peter John (Clausthal-Zellerfeld) und Bernd Windhausen (Duderstadt) verpflichtet wurden. Dafür verließ Torjäger Ender den Verein Richtung VfB Stuttgart, Werner Liebschwager ließ sich reamateurisieren und fiel daher ebenfalls für die erste Mannschaft weg. Das Ziel war die Qualifikation für die neu zu gründende Regionalliga Süd, die ein Jahr später unterhalb der Bundesliga die zweite Liga ersetzte.

Dazu musste die Borussia den neunten Platz erreichen – und schaffte es auf dramatische Weise. Zwei Spieltage vor Schluss lag der SCB auf Rang elf. Der VfB Helmbrechts und Darmstadt 98 mussten überholt werden. Am vorletzten Spieltag kam Darmstadt nach Fulda und die Borussen gewannen durch den Doppelpack von Edi Zaczyk mit 2:1. Da Helmbrechts zeitgleich patzte, musste nur noch ein letzter Sieg her. Bei Jahn Regensburg wurde mit einem 4:0-Auswärtserfolg die Qualifikation für die Regionalliga und damit für eine weitere Saison in der Zweitklassigkeit perfekt gemacht. Unvergessen bleibt im Rückblick vor allem auch der 1:0-Heimsieg gegen Spitzenreiter Waldhof Mannheim.

1963/1964: Der große FC Bayern ist zu Gast

Der junge Theo Diegelmann reifte in dieser Zeit zu einer festen Größe.

Der Offenbacher Lothar Schröder löste vor der Runde Fritz Rebell als Trainer ab. Da mit Amateur-Nationalspieler Himmelmann (VfB Gießen), Peter Büttner (Eintracht Frankfurt) und Kraus (Göttingen 05) namhafte Verstärkungen an Land gezogen wurden, glaubten alle daran, dass die Borussia eine ordentliche Rolle in der Regionalliga spielen würde. Weil eine Woche vor dem Saisonstart auch die neue Tribüne eingeweiht wurde, schienen die Weichen für ein tolles Jahr gestellt.

Doch es kam ganz anders – auch wenn es ausgerechnet in dieser Saison eine ganze Reihe an Spielen gab, die in die Geschichte eingingen. So am 18. August 1963 das 3:3 an der Grünwalder Straße bei Bayern München, als 14.000 Zuschauer eigentlich einen Kantersieg der Elf des Münchner Trainer Tschik Cajkovski erwartet hatten. Oder aber das Rückspiel im Dezember, als die Bayern beim 1:4 (aus Fuldaer Sicht) zum einzigen Mal ein Pflichtspiel in Osthessen bestreiten mussten.

20.000 Zuschauer kamen dann zum Spiel von Hessen Kassel in die Johannisau. Jetzt herrschte in Fulda der Hauch der großen Fußballwelt, als die gesamte Stadt zugeparkt und die Kneipen schon Stunden vor dem Spiel überfüllt waren. 2:2 endete die Partie und sogar die Bild-Zeitung hatte die dicke Überschrift für Keeper Theo Diegelmann übrig: „Der Hexer von Fulda“ titelte das Blatt.

Aber am Ende reichte es nicht: Mit 26:50-Punkten belegte der SCB am Ende den 18. Platz und musste wieder in die drittklassige I. Amateurliga (heutige Hessenliga) absteigen. Niemand ahnte, dass dies ein Abschied aus der zweiten Liga für nunmehr bereits 56 Jahre sein sollte.

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