29.10.2018

Spieler zerstört beim Jubel Eckfahne und sieht Rot

Regeltechnisch schmaler Grat

Tobias Lecke zeigte in Horas Rot, weil der Torjubel einer Eckfahne "das Leben" kostete. Foto: Charlie Rolff

Gerade das 3:2 erzielt, im Überschwang der Gefühle zur Eckfahne gerannt, diese mit einem beherzten Tritt zerstört und dafür die Rote Karte gesehen. So geschehen am Sonntagvormittag im A-Junioren-Hessenligaspiel zwischen dem FV Horas und der TSG Wieseck.

„Leidtragender“ dieser nicht alltäglichen Situation war der Wiesecker Glodi Bebe, der recht fassungslos dreinblickte, als ihm Schiedsrichter Tobias Lecke (FC Gilfershausen) wenige Augenblicke vor der Halbzeitpause die Rote Karte entgegenstreckte. Bebe wird froh gewesen sein, dass seine Mitspieler die Partie über die Bühne brachten, nach dem zwischenzeitlichem 3:3 noch drei Tore zum 6:3-Auswärtssieg folgen ließen. Jeweils mit gemäßigterem Jubel.

Sind Gelb-Rote Karten nicht gerade unüblich, weil beispielsweise das Trikot ausgezogen wird, genießen glatt Rote Karten Seltenheitswert. Bei der Recherche finden sich ausschließlich Fälle, bei denen obszöne Gesten in Richtung Publikum sanktioniert wurden. Beispiele sind ein ausgestreckter blankgezogener Hintern oder Handzeichen wie ein Hitlergruß in Richtung Fankurve. Wenn aber ein Profi Richtung Eckfahne rennt und sie mit einem beherzten Tritt zum Beben bringt, geht’s ganz ohne Karte weiter. Der große Unterschied zwischen Stadien und Amateursportplätzen: In den Arenen sind die Eckfahnen mit einem Knickgelenk versehen und geben entsprechend nach. Ein Zerbersten ist quasi ausgeschlossen. Doch nicht so in Horas, wo die Fahnen noch aus alten Zeiten stammen. Ob Bebe das vor seinem Jubel wusste?

Wilde stärkt Schiedsrichter den Rücken

Zumindest muss ihm Schiedsrichter Lecke dies in gewisser Weise unterstellt haben, denn nur dann ist eine Rote Karte wegen „grober Unsportlichkeit“ auch dem Regelwerk entsprechend. So sieht es zumindest Hersfelds Kreislehrwart Timo Wlodarczak (Weiterode). Der erfahrene Regionalliga-Schiedsrichter macht deutlich, „dass die Bewertung des Torjubels ein schmaler Grat ist, weil wir ja auch Emotionen sehen und fördern wollen“. Demnach eine Fehlentscheidung oder gar ein Regelverstoß seines Kameraden? „Nein“, verdeutlicht Wlodarczak, aber eben auch keine Muss-Entscheidung. Lecke musste in Sekundenbruchteilen für sich entscheiden, ob es sich um eine mutwillige Sachbeschädigung durch den Spieler handelte und bejahte dies.

FVH-Coach Matthias Wilde konnte die Szene zwar nicht genau sehen („Weil ich dem Gegner ungern beim Jubeln zusehe“), unterstützt Lecke aber in seiner Entscheidung: „Wer das Eigentum anderer zerstört, muss auch mit den entsprechenden Konsequenzen bestraft werden.“ Ob Horas sich die Fahne ersetzen lässt, oder ob der Verein nun gar die Chance nutzt, um auf die neuere Generation der Eckfahnen umzurüsten, konnte Wilde indes nicht beantworten.

Autor: Johannes Götze

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