08.09.2017

Statt Toreschießen werden Berge erobert

Roberto Kowalski hat eine neue Leidenschaft gepackt

Roberto Kowalski ist am Zielort – äußerst glücklich. Foto: privat

Die osthessische Fußballbühne hat einige Namen hervorgebracht, viele sind von ihr aber auch ganz schnell wieder verschwunden. Oft stellen sich Fußball-Nostalgiker später dann die Frage: "Was macht eigentlich...?". Dieser wollen wir auf den Grund gehen, weshalb wir in unserer Serie regelmäßig einen ehemaligen Spieler, Trainer oder Funktionär vorstellen. Als nächstes ist Roberto Kowalski, Ex-Torjäger des Hünfelder SV, an der Reihe.

Vor sieben Jahren, da war Roberto Kowalski gerade 30 Jahre alt, ließ den Vollblutstürmer eine schwerwiegende Sprunggelenksverletzung die Fußballschuhe an den Nagel hängen. Zwei, drei Jahre vergingen, bis ihn seine Frau Inka auf den Geschmack des Fahrradfahrens brachte. Angetrieben durch Armin Heysel (früher SV Steinbach, VfL Eiterfeld) oder durch samstägliche Ausfahrten mit dem RC 07 Burghaun steigerte sich Kowalski peu á peu. Vorläufiger Höhepunkt: die sechstägige Transalp-Tour von Garmisch-Partenkirchen bis zum Gardasee vor wenigen Wochen. Allein die nackten Zahlen lassen aufhorchen: Steigungen bis zu 18 Prozent, 575 Gesamtkilometer und 13 400 Höhenmeter.

Die gebuchte Tour gibt Veranstalter „Bike 4 Passion“ als Level 4 aus. Ambitioniert nennt sich dies, schwierigere Touren sind dort kaum zu finden. Mit elf zuvor fremden Mitstreitern, Tourguide Tommy und einem Begleitfahrzeug durchquerte Kowalski vier Länder, bezwang zahlreiche Berge und genoss dabei unwiderstehlich schöne Landschaften. Highlights waren die 48 Kehren hinauf zum Stilfser Joch, das mit 2758 Metern über Normalnull das Dach der Tour darstellte oder der Gaviapass, als der Trupp auf der Etappe lange Zeit parallel zum legendären Bernina-Express durch die Schweiz fuhr.

Eigenmotivation ist mehr denn je gefragt

"Da geht's gleich hoch", wird sich Kowalski beim Anblick des Stilfser Jochs gedacht haben.

„Es war ein fantastisches Erlebnis“, schwärmt Kowalski mit weit geöffneten Augen, „zumal das für mich ein Schuss ins Blaue war. Ich kannte keinen, habe solch eine Tour noch nie gemacht. Und am Ende war alles perfekt“. Das Thermometer stieg von 10 Grad in Garmisch unaufhaltsam bis auf 35 Grad am Zielort Riva. Die Truppe harmonierte, der Veranstalter hatte Strecken abseits der Hauptstraßen auserkoren, um so für landschaftlich unvergessene Momente bei den Fahrern zu sorgen.

Für Kowalski stellt das Rennradfahren nach dem Ende seiner fußballerischen Laufbahn der perfekte Ausgleich dar. Auch wenn er im vergangenen Jahr einen Halbmarathon absolvierte und sich auch schon zweimal im Triathlon auf der Sprintdistanz versuchte, gebührt dem Rennrad die größte Leidenschaft. „Ich kann das nicht mit Fußball vergleichen, das ist was ganz anderes“, erklärt er, weiß aber auch, „dass hier ganz viel über Eigenmotivation geht. Du musst dich selbst quälen, es gibt keine Trainingsvorgaben“. Klar ist: Aufgeben wäre für Kowalski nicht infrage gekommen, auch wenn er am vorletzten Tag keinen Berg mehr sehen wollte. Die Tour absolvierte er mit einem „normalen“ Rennrad in der Kategorie bis 1000 Euro, kann sich dabei stets auf seinen „Hinterhofschrauber“ verlassen.

Betreuer Andreas Dulz hatte ihn entdeckt

5000 Trainingskilometer spulte der einstige Stürmer allein in diesem Jahr vor der Tour ab, kann sich dabei dem Rückhalt von Frau Inka und Junior Mick (6) gewiss sein: „Ohne die Unterstützung wäre es nicht gegangen. Ihnen gilt wie Omas und Opa der größte Dank.“ Und die Ehefrau übernahm auch gleich die medizinische Betreuung, hat im gemeinsamen Haus in Hünhan eine eigene Naturheilpraxis. Beide überraschten Kowalski gar am Gardasee und hängten noch einen Kurzurlaub dran. Klar ist aber auch: Jedes Jahr ist eine solche Tour nicht möglich, das Training ist unfassbar zeitintensiv.

Am Sportplatz ist Kowalski dementsprechend selten, ab und an schaut er mal bei seinem langjährigen Verein vorbei: dem Hünfelder SV. Dort landete er einst, weil ihn Betreuerlegende Andreas Dulz nach einem Sportfestspiel ansprach und der damalige Reservetrainer Jürgen Kreß nicht locker ließ. Aus der thüringischen A-Klasse gekommen, mauserte er sich schnell über die Zwischenstation Gruppenliga zu einem der gefürchtetsten Hessenliga-Stürmer, einem der dahin ging, wo es weh tut. Nun fährt er Fahrrad, wie er Fußball gespielt hat: Mit Kampf und Herz.

Autor: Johannes Götze

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