23.05.2020

Unruhen, Finanzkrisen

Borussia Fulda fing sich sportlich 2006, doch das Unheil lauerte bereits

Tobias Lamp (links) und Torhüter Roland Borrmann prägten diese Zeit bei Borussia Fulda nicht nur als Spieler. Beide schweißten die Mannschaft zusammen, wurden zu Publikumslieblingen und hatten großen Anteil daran, dass es mit dem Verein wieder aufwärts ging. Fotos: Charlie Rolff

Mit einer blutjungen Mannschaft hatte Borussia Fulda die finanzielle Krise vorerst gemeistert und den drohenden sportlichen Absturz überwunden. Unter Henry Lesser schaffte die Mannschaft ein kleines Wunder, als der SCB in Hünfeld die Verbandsliga-Meisterschaft und damit die Hessenliga-Rückkehr realisiert hatte.

2006/2007: Solide wie unspektakulär

Die Brötchen blieben klein rund um die Johannisau. Dominik Weber wurde aus Hünfeld zurückgeholt, Drazenko Grbavac kam aus Asbach, Kim Yo Yong aus Marburg und Sammy Ghebreamlak aus Lohfelden. Dazu holte Borussia mit Fikri El Haj Ali einen Stürmer vom FSVFrankfurt.

Mit wenig Geld baute der SCB so rund um die unerfahrene Meistertruppe ein Team auf, das die Hessenliga sehr ordentlich meisterte und am Ende den siebten Platz einfuhr. Es war eine ebenso solide wie unspektakuläre Saison, was ein Blick auf die Tordifferenz von 39:31 nach 30 Spielen eindrucksvoll bestätigt. Die Derbys gegen Flieden (0:3, 1:1) liefen nicht wie gewünscht, doch der Rest der Runde war durchaus am oberen Grad der Erwartungen. Wie eng es personell war, zeigte das Heimspiel gegen den FSVFrankfurt, als mit Eric Franc nur ein einziger Ersatzspieler auf der Bank saß. Bemerkenswert: TorwartRoland Borrmann pendelte weiter zwischen seinem Wohnort und Fulda wöchentlich über 1000 Kilometer hin und her.

2007/2008: Vorsitzender Raatz blieb nur 63 Tage

Übernahm Anfang 2008 den Vorsitz von Kai Möller, warf aber nach nur 63 Tagen im Amt völlig entnervt hin: Stephan Raatz.

Der Vorsitzende Kai Möller wollte nach oben: „Besonders die Heimspiele waren letzte Saison kaum mit anzusehen. Es ist einfach nötig, dass wir wieder attraktivere Spiele anbieten. Wenn sich an den Leistungen zu Hause nichts ändert, dann kommt irgendwann kein Mensch mehr“, wetterte Möller vor der Runde und handelte: Sage und schreibe 18 Neue wurden geholt. Darunter das Aschaffenburger Trio Mikhail Kabaca, Samir Naciri und Norbert Kovacs. Dazu stieß Rene Ochs aus Kaiserslautern dazu, aus Jena kam das Trio David Schimmelpfennig, Christian Otto und Rene Heger. Ebenfalls neu: Stanislav Szilagyi. Der Torjäger wurde aus Grebenhain gelockt.

Der Start war vielversprechend: Nach acht Spieltagen war Fulda mit nur einer Niederlage punktgleich mit Spitzenreiter Darmstadt 98. Doch dann kam der Knick: Es folgten nur noch zwei Siege aus elf Spielen und der Sturz auf Rang acht, darunter die bittere Vorführung daheim gegen Darmstadt 98 (1:5).

Mit Beginn des Jahres 2008 begann die Unruhe, den Verein nach und nach (mal wieder) aufzufressen: Kai Möller gab sein Amt nach vier Jahren ab. Stephan Raatz wurde neuer Vorsitzender, Manfred Schüler übernahm den Posten als Aufsichtsratvorsitzender. Das hielt 63 Tage, denn schmiss Raatz völlig entnervt die Brocken wieder hin. Bernd Vey wurde als Vorstand eingesetzt.

Auch in der Mannschaft rappelte es: Ex-Vorstand Möller sollte plötzlich die Spitzengespräche führen, doch Teile der Mannschaft lehnten das ab. Spieler wie Lamp und Heumüller wurden in die Zweite „verdammt“, der Vertrag mit Kovacs aufgelöst und nach einem Streit mit Olivier Djappa schmiss Trainer Henry Lesser die Brocken hin. Zunächst nur für zehn Minuten. Kurz später dann aber doch endgültig.

Karl-Josef Müller übernahm, brachte die letzten Spiele ordentlich über die Bühne und gewann unter anderem mit der Borussia in Aschaffenburg (2:0) und beim Meister Darmstadt 98 (1:0).

Dazu deutete sich im Hintergrund erneut ein ganz großes Unheil an: Es klafften schon wieder finanzielle Lücken; erste Bürgschaften mussten her.

2008/2009: Vom Primus zum Absteiger in wenigen Monaten

Freddy Braun (links) wechselte 2008 gemeinsam mit sechs anderen Spielern und Trainer Jörg Meinhardt vom Lokalrivalen Buchonia Flieden in die Johannisau.

Neun Stammspieler hatten den Verein verlassen. Unter Jörg Meinhardt sollte der Neuaufbau gelingen. Meinhardt kam aus Flieden und brachte von dort mit Murat Anli, Freddy Braun, Artug Özbakir, Alexander Hose, Mehmet Bardakci, Seref Zangir und Marcus Henning sieben Spieler mit. Neuer Torwart wurde der Karbener Masar Qosa, dazu angelte Borussia sich mit Bülent Öztürk den Kapitän von Rot-Weiß Frankfurt.

Damit hatte sich der SCBaber finanziell anscheinend endgültig übernommen – auch wenn es sportlich zunächst perfekt lief. Die ersten fünf Spiele wurden alle gewonnen (15:3-Tore), die erste Niederlage gab es am achten Spieltag beim 0:2 in Urberach.

Doch da hatte es im Kessel längst angefangen zu kochen. Mit Heinz Straeter wurde zwar im November endlich ein neu gewählter Vorstand gefunden, doch hinter den Kulissen herrschte die pure Unzufriedenheit. Die Mannschaft trat eine Woche lang in einen Streik. „Es geht nicht darum, dass Gelder nicht gezahlt wurden, sondern es kann einfach nicht sein, dass die Spieler Angst haben, weil sie nicht wissen wie es weitergehen soll und kein Mensch aus dem Vorstand lässt sich blicken.“

Kurze Zeit später gab es die Trennung von Meinhardt und Seref Zangir übernahm. Da war die Mannschaft aber längst schon in die Abstiegszone abgerutscht. Im Winter gingen die ersten Spieler von Bord, nahezu alle anderen begannen, sich neuen Vereine für die kommende Runde zu suchen. Die Gehaltskürzung in der Winterpause hatte einigen Spielern den Elan geraubt. Das Team zerbrach völlig und war keine Einheit mehr. Vom verlustpunktfreien Tabellenführer bis zum sicheren Absteiger – dazu benötigte der SCBdiesmal nur wenige Monate. Nach dem Traumstart von fünf Siegen wurden nur noch drei von 31Partien gewonnen. Es ging nach drei Jahren wieder runter in die Verbandsliga.

Noch schlimmer: Kurz nach der Saison musste die Borussia im Juni 2010 einen Insolvenzantrag stellen. Raimund Schraad wurde zum Insolvenzverwalter bestellt. Etwa 150?000 Euro sollten diesmal in der Kasse fehlen.

2009/2010: Erstmaliger Abstieg in die Gruppenliga

Den Neustart in der Verbandsliga Nord leitete Judmir Meta als Trainer. Keine beneidenswerte Aufgabe, denn Meta blieben mit Peter Enders und Gino Hilfenhaus noch genau zwei Spieler aus der Vorsaison übrig. 21 Akteure hatten den Verein verlassen. Einziger gestandener Neuzugang war Markus Bloß (kehrte vom SC Waldgirmes zurück). Der Rest war eine völlig unerfahrene Mannschaft um Torwart Dennis Hohmann und Spieler wie Riccardo Basile, Marcel Aparicio, Michel Jäpel, Lothar Sorg, Kilian Sitzmann und Anil Ulugünes. Die Mannschaft war den Anforderungen in der Verbandsliga schlichtweg nicht gewachsen. Meta musste insgesamt 35 Spieler einsetzen – für diese Spielklasse rekordverdächtig. Die bittersten Stunden waren zweifelsohne die Niederlagen in Korbach (0:11), die 0:9-Heimpleite gegen den VfBSüsterfeld und wohl auch das 2:7 in Weidenhausen.

Sah es mit 19 Punkten zur Winterpause noch einigermaßen gut aus, kamen 2010 nur noch ganze vier dazu. Letztlich fehlten zum rettenden Ufer 25 Punkte. Damit war die Borussia erstmals in ihrer bis dahin 106-jährigen Geschichte in die siebte Liga abgestiegen. Die neue Heimat hieß ab Sommer 2010 Gruppenliga.

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