50 Jahre Frauenfußball

„Viele waren nur zum Gaffen da“

19. November 2020, 08:54 Uhr

Edelgard Wehner bekam als einzige Spielerin in der Presseschau ein dickes Lob: So schrieb die „Hersfelder Zeitung“ nach dem ersten Spiel im Kreis Hünfeld, dass Mackenzells Mittelstürmerin „Geschick und Talent zum Fußballspielen mitbringt“. Insgesamt bedienten sich die damaligen Autoren allerdings vielen Klischees, die über Fußball und Frauen vorherrschten. Foto: Johannes Götze

Am 25. Juli 1970 fand das erste genehmigte Frauenfußballspiel im damals noch existenten Landkreis Hünfeld statt. Mackenzell siegte gegen Leimbach mit 3:1. Edelgard Wehner, damals Mackenzells Mittelstürmerin, erinnert sich an diesen unvergesslichen Tag.

Edelgard, zu jener Zeit hatte der DFB Frauenfußball noch verboten. Wieso durftet ihr dennoch spielen?

Wir dachten damals, dass das gar nicht so schwer sein dürfte. Aber dann haben wir festgestellt, dass wir ganz viele Anträge stellen müssen, damit dieses Spiel erlaubt wird. Der langjährige Kreisfußballwart Adolf Böhning hatte uns dabei geholfen. Zu dieser Zeit hatte der DFB den Frauenfußball zwar noch verboten, der Hessische Fußball-Verband ihn aber schon erlaubt.

Und wie seid ihr dazu gekommen, überhaupt ein Fußballspiel auszutragen?

Das 50-jährige Vereinsjubiläum der TSGstand an, und da sollte für eine Attraktion gesorgt werden. Irgendwann war die Idee geboren, ein Frauenspiel auszutragen.

Kam das beim damaligen Vorstand gut an?

Eher nicht. Dort waren alte Haudegen dabei, die nicht viel von Frauenfußball hielten. Wir Frauen schickten dann die Männer der ersten Mannschaft vor, die Überzeugungsarbeit geleistet haben. Und sogar unser Trainer Reini Becker war Feuer und Flamme für die Idee.

Mit Erfolg.

Ja, auf jeden Fall. Allerdings dachte der Vorstand, dass das Spiel am Sportfest wohl eine Ausnahme bleibt. Eben eine einmalige Attraktion. Das war zum Glück nicht so.

Weil das erste Spiel bei den mehr als 500 Zuschauern auf Anhieb gut ankam.

Im Gegenteil. Wir Frauen mussten uns eine Menge anhören. Und es waren sicherlich viele Zuschauer nur zum Gaffen da. Zu der Zeit gab es keine Sport-BHs, und wenn es etwas mehr Oberweite war, hat es entsprechend gewackelt. Manche waren sicherlich nur deswegen am Platz.

Wie sind Sie damit umgegangen?

Mich persönlich haben die Schmähungen nicht getroffen. Aber natürlich habe ich mal etwas Passendes gesagt. Es gab aber Damen, die relativ schnell wieder aufgehört haben, weil sie damit nicht umgehen konnten.

Auch nicht mit den teils harschen Presseberichten?

Die waren teilweise schon über der Grenze, haben aber zur allgemein negativen Wahrnehmung des Frauenfußballs zu dieser Zeit gepasst. Leider.

Haben Sie sich als Pionierin oder gar als eine Art Frauenrechtlerin gefühlt?

Nein, ich war 16 Jahre alt. Fußball war schon immer mein Leben. Ich wollte nur spielen, alles andere hat mich nicht interessiert.

Entsprechend hat das erste Spiel besonders Spaß gemacht?

Auf jeden Fall. Das Spiel ging zwar nur zweimal 15 Minuten, aber es hat sich gelohnt. Es war immerhin die Geburtsstunde für eine erst einmal erfolgreiche Frauenfußballzeit in Mackenzell. Aus der Nachfolgegeneration wurde Andrea Trapp Leistungsträgerin in Rothenkirchen, Eva Muschik und Anita Mihm spielten später gar Bundesliga in Schwarzbach.

Über die Person:

Heute wird Edelgard Wehner (67) insbesondere mit der Theatergruppe Mackenzell in Verbindung gebracht. Für die Laienspielgruppe steht sie seit 1970 auf der Bühne und hat zahllose Stücke inszeniert. Doch auch dem Sport und somit der TSG Mackenzell gehörte Wehners Leidenschaft. In der Tischtennis-Abteilung spielte sie ab den 60er-Jahren in der Bezirksoberliga und schlug im Mixed-Duo mit dem späteren Mackenzeller Vorsitzenden Josef Vogt sogar bei den Nordhessischen Meisterschaften auf.

Fußball spielte sie bereits als Kind und galt mit einigen Tischtenniskolleginnen als Initiatorin des ersten Mackenzeller Frauenfußballteams. Sie war 21 Jahre im geschäftsführenden Vorstand der TSG aktiv, kümmerte sich 20 Jahre ehrenamtlich um die Reinigung des Sportlerheims und rief 1986 das Mutter-Kind-Turnen ins Leben. 1995 wurde sie als verdiente Sportlerin der TSG ausgezeichnet. Ihr Mann Gregor war 20 Jahre Obmann der Mackenzeller Fußballer, Sohn Stefan spielte für Hünfeld Hessenliga.

Hintergrund:

„Früher nicht erlaubt. Heute verboten gut.“ So lautet einer der unzähligen Slogans, mit denen der Deutsche Fußball-Bund seine Fußballerinnen feiert. Auf die zwei Weltmeister- und acht Europameistertitel wollen die hohen Herren mächtig stolz sein. Das war nicht immer so.

Frauen, Fußball und der DFB – lange herrschte ein ambivalentes Verhältnis. Nachdem Damen das Fußballspielen in den 50er-Jahren verboten worden war, rang sich der DFB erst am 31. Oktober 1970 dazu durch, den Frauenfußball zu erlauben. Das war allerdings vor allem der Tatsache geschuldet, dass der Verband arge Bedenken hatte, dass sich die schon rund 1000 Vereine in einem eigenständigen Verband formieren könnten.

Doch akzeptiert war Frauenfußball weder beim DFB noch in weiten Teilen der Bevölkerung. Den Umgang mit den Kickerinnen in den Anfangsjahren haben viele nicht vergessen: Macho-Sprüche, schräge Witze, respektlose Bemerkungen und selbstherrliche Zweifel am Frauen-Gekicke überhaupt. Es ist ein Kapitel zum Fremdschämen.

Der DFB nominierte erst 1982 das erste Nationalteam. 1989 erhielten die ersten deutschen Europameisterinnen als Prämie vom Verband ein Kaffeeservice.

Zitate zum Spiel aus den Ausgaben der Hersfelder und Hünfelder Zeitung zum Spiel zwischen Mackenzell und Leimbach am 25. Juli 1970:

"Der Ball trieb viele muntere und erheiternde Spielchen mit den Damen, die ihrerseits trachteten, dieses recht unbekannte runde Wesen in des Gegners Tor zu schießen."

"Zumal auch einige der jungen Mädchen mit den Fußballregeln auf Kriegsfuß standen."

"Sie hatten weniger in den Beinen, dafür aber etwas mehr in der Bluse als ihre Kontrahentinnen aus Mackenzell."'

"Obwohl der Einsatz beider Mannschaften groß war, haperte es noch etwas in puncto Taktik und Schnelligkeit. Einige der hübschen Spielgefährtinnen jedoch überraschten mit manchem Trick."

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