Interview mit Matthias Wilde

Warum es den Propheten nun doch ins eigene Land zieht

09. November 2020, 12:50 Uhr

Matthias Wilde kann nach einer kurzen Stippvisite beim FSV Thalau seine Kleidung des FV Horas wieder aus dem Schrank holen. Foto: Charlie Rolff

Der FV Horas hat die Nachfolge für Julian Wehner schnell geklärt und mit Matthias Wilde ein „Horaser Urgestein“ präsentiert. Der 62-Jährige, der bei seinem Heimatverein 14 Jahre lang als Jugendtrainer tätig war, übernimmt den Gruppenligisten zur neuen Saison – obwohl er das eigentlich nie wollte.

Als vor zwei Jahren bekannt wurde, dass Sie in Horas als Jugendtrainer aufhören, schlossen Sie ein Engagement im Seniorenbereich des Vereins aus und sagten, dass ein Prophet nichts im eigenen Land gilt. Warum nun der Sinneswandel?

Vielleicht habe ich das damals falsch formuliert. Ich meinte, dass es problematisch wäre, einen Verein zu übernehmen, wo man mit dem ganzen Umfeld per Du und mit Verantwortlichen teils sogar befreundet ist. Da fehlt vielleicht die Distanz. Allerdings war die Verlockung jetzt zu groß, zumal ich die Mannschaft in- und auswendig kenne. Außerdem waren die Verantwortlichen sehr hartnäckig und haben nicht locker gelassen – obwohl ich immer wieder andere Namen ins Spiel gebracht habe (lacht).

Bis Anfang des Jahres waren Sie Trainer in Thalau, in dieser Saison oft Zuschauer in Horas und Betreuer der vierten Mannschaft. War der Reiz groß, wieder ein Team zu trainieren?

Eigentlich war ich mit meiner Situation ganz glücklich. Es war aber auch nicht absehbar, dass die Stelle bei der ersten Mannschaft frei werden würde, da Julian Wehner einen hervorragenden Job macht. Jetzt bin ich schon sehr froh, dass sich die Möglichkeit ergeben hat.

Sie haben zahlreiche Spiele gesehen. Sind Sie überrascht, dass der FVH als Aufsteiger auf Platz zwei überwintert?

Überrascht nicht, denn das Potenzial der Jungs ist enorm. Trotzdem ist die Truppe sehr jung und unerfahren, deshalb erfreut mich die Entwicklung. Die Gruppenliga ist eine sehr ausgeglichene Liga, wenn man in der Lage ist, Konstanz in die Leistungen zu bekommen, ist man vorne mit dabei. Man sieht aber am Beispiel anderer ambitionierter Mannschaften, dass das gar nicht so einfach ist.

Mit Ihrem 2000er-Jahrgang, der inzwischen auch das Gerüst der ersten Mannschaft bildet, sind Sie mehrmals aufgestiegen, bei der A- und C-Jugend sogar bis in die Hessenliga. Ist eine ähnliche Entwicklung auch im Seniorenbereich möglich?

In dieser Form nicht. Schließlich haben wir etliche Spieler von damals an höherklassige Vereine abgeben müssen.

Sie meinen Akteure wie Barockstadts Keanu Banh, Steinbachs Thore Hütsch und Fliedens Noah Odenwald. Ist es Ihr Ziel, einige ehemalige Schützlinge zurückzuholen?

Wer Lust verspürt, zu uns zurückzukehren, dem würden wir sicher keine Steine in den Weg legen. Ich würde mich über jeden freuen. In Horas werden finanziell aber kleinere Brötchen gebacken. Die Kaderplanung wird bei den eigenen Spielern losgehen, Priorität ist es, dass keiner abwandert. Dazu haben wir vielversprechende A-Junioren, die ich in Vertretung schon einmal betreut hatte. Ansonsten ist der Kader breit und tief, wir brauchen keine fünf, sechs Spieler dazuholen, sondern wollen uns punktuell verstärken. Ich glaube, Verbandsliga ist in Horas möglich.

Wie wird sich Ihre Arbeit nach den vielen Jahren im Jugendbereich verändern?

12, 13 Jahrgänge stehen dir zur Verfügung, nicht nur zwei. Bei den Junioren liegt der Schwerpunkt mehr im Bereich Ausbildung, bei den Senioren auf Mannschaftsführung und taktischen Dingen. Man muss anders mit den Leuten umgehen. Aber genau das ist Teil des Trainerjobs – und der Seniorenfußball ist zum Glück keineswegs Neuland für mich.

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