Ex-Borusse Mikayil Kabaca

Wie man einen Triple-Sieger nach Sandhausen lockt

21. November 2020, 07:56 Uhr

Mikayil Kabaca hat sich sehr über den vom Verein zur Verfügung gestellten Borussen-Schal gefreut. Inzwischen trägt er schwarz-weiße Kleidung des SV Sandhausen. Foto: Steffen Kollmann

Seine Spielerkarriere beendete Mikayil Kabaca 2008 bei Borussia Fulda. Zwölf Jahre später ist der 43-Jährige Sportlicher Leiter bei Zweitligist SV Sandhausen, mit dem der Butzbacher die beste Platzierung der Geschichte anpeilt.

In der Saison 2007/08 spielten Sie für Borussia Fulda. Wie kam es zum Wechsel nach Osthessen?

Trainer Henry Lesser und Präsident Kai Möller sind auf mich zugekommen. Man hat gemerkt, dass der Verein einiges vorhatte. Deshalb habe ich mich für den Schritt entschieden, obwohl die Entscheidung nicht leicht war. Ich musste 110 Kilometer einfache Strecke auf mich nehmen.

Besteht noch Kontakt zu ehemaligen Mitspielern oder Funktionären?

Mit dem ehemaligen Torwarttrainer Harry Link schreibe ich noch regelmäßig. Ansonsten verfolge ich die Entwicklung in der Hessenliga. Ich glaube, Barockstadt ist auf dem richtigen Weg und hoffe, dass sie am Ende der Saison die Nase vorne haben werden.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Borussen-Saison, die auf Platz zehn in der Oberliga endete?

Es fing für mich nicht so gut an, da ich mit einem Muskelbündelriss mehrere Wochen zu Saisonbeginn ausfiel. Mein erstes Spiel in der Startelf war dann im Derby gegen Flieden, wo ich als Libero auflief und ein richtig gutes Spiel gemacht habe – bis ich in der 42. Minute die Rote Karte gesehen habe (lacht). Später gab es große Schwingungen im Verein, finanzielle Probleme, kein Vertrauen mehr in Henry Lesser. So muss man von einer Chaossaison sprechen, die ich mir zum Ende der Karriere nicht gewünscht hätte.

Sie sprechen Ihr Laufbahnende mit gerade einmal 31 Jahren an.

Die Stelle als Teammanager bei meinem Herzensverein FSV Frankfurt wurde frei. Da die Verantwortlichen wussten, dass ich im Management-Bereich tätig war, war ich ihr Wunschkandidat. Ich war erst 31 und Fußballer durch und durch, aufgrund diverser Verletzungen war die Entscheidung aber unabdingbar.

Sie erlebten die erfolgreichste Zeit des FSV, der acht Jahre in Folge Zweite Liga spielte.

Der FSV ist damals in eine Liga aufgestiegen, in der er zu DFL-Zeiten noch nie war. Es war ein riesiger Kraftakt, in der Liga Fuß zu fassen. Ich habe mich der Herausforderung im Bereich Spielbetrieb gestellt, es lief getreu dem Motto: learning by doing. Ich musste mich um Spiel- und Aufenthaltserlaubnisse oder Trainingslagerplanungen kümmern – die Betreuung der Lizenzspielermannschaft habe ich in die Hand genommen.

2017 ging es nach neun Jahren weiter zum SV Sandhausen. Warum?

Nach den zwei Abstiegen bis in die Regionalliga war für mich klar, etwas Neues machen zu wollen. Der damalige Geschäftsführer Otmar Schork hat mich nach Sandhausen gelotst. Die Tätigkeiten, die ich lange Jahre beim FSV gemacht habe, habe ich hier fortgeführt. Und vermutlich erfolgreich, sonst wäre mir mein jetziger Posten sicher nicht angeboten worden.

Im März 2019 wurden sie zum Sportlichen Leiter befördert. Wie kam es dazu?

Otmar Schork war zurückgetreten und mir wurde die Stelle des Sportlichen Leiters von unserem Präsidenten Jürgen Machmeier angeboten. Ich habe nicht überlegen müssen und sofort zugesagt. Zur damaligen Zeit waren wir Tabellenletzter, seitdem haben wir eine Erfolgsgeschichte geschrieben. Aus den letzten zehn Spielen haben wir 21 Punkte geholt und auf direktem Weg die Klasse gehalten. Die vergangene Saison war dann eine der erfolgreichsten der Vereinsgeschichte.

Wie hat sich Ihre Arbeit verändert?

Ich habe die komplette Verantwortung, was Spielerverpflichtungen und das Trainerteam anbelangt. Man muss wesentliche Entscheidungen treffen. Die Zusammenarbeit mit Geschäftsführer Volker Piegsa und Präsident Jürgen Machmeier ist sehr vertrauensvoll, und das macht es aus. In einem Verein wie Sandhausen muss man zusammen sehr stark sein, um gegen die Großen mithalten zu können.

In Sandhausen spielen ehemalige Bundesliga-Spieler wie Dennis Diekmeier, Alexander Esswein und Diego Contento. Letztgenannter gewann 2013 mit Bayern München das Triple aus Bundesliga, DFB-Pokal und Champions League. Wie schafft man es, so einen Spieler ins beschauliche Sandhausen zu locken?

Indem man offen und ehrlich mit dem Spieler am Tisch sitzt. Wir haben aufgezeigt, wie wir kontinuierlich Schritt für Schritt nach vorne gemacht haben. Unser nächstes Ziel ist es, einen einstelligen Tabellenplatz zu erreichen. Hier herrscht Ruhe und Besonnenheit, so dass man konzentriert und intensiv arbeiten kann. Es gibt nicht viele Störfaktoren. Wir sind stolz, diese Spieler bei uns zu haben.

Würden Sie sich trotzdem freuen, wenn Sandhausen mehr im öffentlichen Fokus stehen würde?

Das können wir kaum beeinflussen. Wir fühlen uns wohl, würden uns aber natürlich über mehr Zuschauer freuen – sobald das hoffentlich schnell wieder möglich ist.

Bei abstiegsbedrohten Erstligisten wie momentan Schalke 04 fällt schnell der Spruch, dass es für sie in der nächsten Saison womöglich nach Sandhausen und Aue statt München und Dortmund geht. Ärgert Sie dieses Image?

Das ist eher ein Anreiz. In den Spielen der Vorsaison gegen Bundesliga-Dinos wie Hamburg oder Stuttgart hat man gesehen, wie unangenehm es für diese Vereine ist, nach Sandhausen zu fahren. Stuttgart haben wir damals geschlagen, Hamburg hat erst in der Nachspielzeit das 2:2 gemacht – zudem haben wir dort mit 5:1 am letzten Spieltag gewonnen. Wenn man die Hamburger fragt, sagen sie vermutlich, dass sie lieber woanders hinfahren.

Ist ein einstelliger Tabellenplatz in Liga zwei das mittel- und langfristige Ziel? Oder ist auch in Sandhausen eine Saison wie in Heidenheim möglich, als Ihr langjähriger Konkurrent im Sommer ans Tor zur Bundesliga über die Relegation geklopft hat?

Ein Wunsch eines jeden Vereins ist es ja, eines Tages in der Bundesliga zu spielen. Aber wir müssen die Füße auf dem Boden behalten. Man darf nicht vergessen, was für einen Etat wir haben – gerade im Vergleich zu den Bundesliga-Absteigern. Kontinuierliche Arbeit wird sicherlich belohnt, und wenn wir es irgendwann mal schaffen, auf Platz drei zu stehen, nehmen wir das gerne mit. Aber das ist weder heute noch in der nächsten Zeit eine Zielsetzung. Momentan wollen wir den nächsten Schritt machen und, nachdem wir uns nun etabliert haben, mit einem einstelligen Tabellenplatz die beste Platzierung der Vereinsgeschichte schaffen.

Sie sind in wenigen Jahren von einem Amateurfußballer zu einem Verantwortlichen im Profibereich aufgestiegen. Was hat die Reise mit Ihnen gemacht und wohin soll sie gehen?

Mir wird gesagt, dass ich weiterhin bodenständig und zielstrebig bin. Ich habe mich menschlich nicht verändert, nur weil ich jetzt in einer leitenden Rolle bei einem Zweitligisten bin. Es macht mich stolz, mein Hobby zum Beruf gemacht zu haben. Ich will so weit wie möglich nach oben, fühle mich aber auch total wohl in Sandhausen. Deshalb gibt es zurzeit keine anderen Überlegungen.

Zur Person:

Mikayil Kabaca wurde in Bad Nauheim geboren und verbrachte den Großteil der fußballerischen Laufbahn beim FSV Frankfurt. In 13 Jahren bestritt der 43-Jährige, der morgen 44 wird, mehr als 450 Spiele und wurde zum Ehrenspielführer ernannt. In der Saison 2007/08 spielte er bei Borussia Fulda, ehe er Teammanager beim FSV wurde. Dort blieb der dreifache Familienvater bis 2017, ehe der Wechsel nach Sandhausen folgte. Seitdem pendelt der Deutsch-Türke fast täglich von Butzbach 130 Kilometer einfache Strecke – er hat zudem eine Ein-Zimmer-Wohnung in Mannheim.

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