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Die Offenbacher Kickers in Fulda – das hat Tradition

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Von: Ralph Kraus

1993 war das Stadion randvoll. Etliche Kickers-Fans machten sich aus Offenbach mit auf den Weg und sorgten für eine tolle Atmosphäre. Unser Foto zeigt die Fans am Fuldaer Bahnhof.
1993 war das Stadion randvoll. Etliche Kickers-Fans machten sich aus Offenbach mit auf den Weg und sorgten für eine tolle Atmosphäre. Unser Foto zeigt die Fans am Fuldaer Bahnhof. © Charlie Rolff

Duelle zwischen Borussia Fulda und Kickers Offenbach gehörten zu den traditionsreichsten in Hessen. Am Samstag (14 Uhr) ist der OFC nach langer Zeit mal wieder im Städtischen Stadion zu Gast. Auf dem Plan steht das Bitburger-Hessenpokal-Viertelfinale gegen die SG Barockstadt.

Spieler, die für beide Seiten das Trikot überstreiften, gibt es nur wenige: Klaus Hofmann gehört dazu, Bernd Zimmer, CesarThier und auch Sascha Gies. Einer der wenigen, der das Spiel aber als Derby auf dem Platz erlebt hat, ist Marc Diegmüller. Der gebürtige Rommerzer wechselte schon früh über die Stationen SG Rommerz und SV Neuhof ins Jugendlager der Kickers, spielte dort von der C- bis zur A-Jugend unter anderem mit Spielern wie Ralf Weber, Thomas Zampach oder Uwe Bindewald beim OFC.

Die Offenbacher Kickers in Fulda – das hat Tradition

1988 wechselte er als 18-Jähriger zur Borussia, spielte erst unter Stephan Walter, danach unter Jürgen Krawczyk. 1989/1990 wurde die Borussia mit Diegmüller als Schaltzentrale im Mittelfeld Meister, stieg in die damals drittklassige Hessenliga auf. Diegmüller spielte ein so starkes Jahr, dass ihn die Kickers zurück auf den Bieberer Berg holten. Zwei Jahre spielte er nun beim OFC unter Kurt Geinzer, hatte Teamkollegen wie Rene Keffel, Michael Kutzop oder Beckenbauer-Sohn Stefan. Hier erlebte Diegmüller das Derby im Dress der Kickers, spielte in Fulda unter anderem 2:2.

1992 dann die Rückkehr in die Johannisau. Wieder für zwei Jahre. Hier gab es 1992/1993 (mit Ausnahme des Spiels von 1941, siehe rechten Kasten) das vielleicht spannendste, hochklassigste und dramatischste Derby. 12.000 Zuschauer sahen das 3:3, bei dem Diegmüller doppelt für die Borussia traf. Der Ausgleich gelang ihm in der Nachspielzeit gegen seinen alten Teamkollegen Rene Keffel per Elfmeter. „An dieses Spiel erinnere ich mich noch ganz genau. Vieles geht ja im Laufe der Zeit verloren. Aber diese Partie bleibt hängen“, sagt der heute 52-Jährige schmunzelnd. „Kulisse und Stimmung waren großartig, das Spiel ganz eng. Dann kam die Szene mit dem Elfmeter. Rene Keffel wusste ja, wie ich schieße, dass ich immer erst antäusche und dann den Ball in die andere Ecke schiebe als in die, in die sich der Torwart bewegt. Keffel war das bewusst und ich war wirklich nervös, denn ich war mir nicht sicher, ob ich es diesmal genauso machen soll. Das habe ich dann aber getan und getroffen“, beschreibt der Geschäftsführer eines Eichenzeller Logistikunternehmens die Situation.

Derby-Geschichte:

Spiele von Borussia Fulda gegen Kickers Offenbach hatten eine lange Tradition. Das erste Duell gegeneinander fand bereits 1921 statt. Es war ein Pokalspiel, das 0:0 endete. 1930 gelang Fulda beim 4:3 – ebenfalls im Pokal – der erste Sieg gegen die Kickers.

Das wohl spektakulärste Spiel aller Zeiten fand am 13. Juli 1941 statt. Gespielt wurde noch in der alten Johannisau. Es war ein Spiel im Tschammer-Pokal, dem Vorläufer des heutigen DFB-Pokals. 9:6 gewann Fulda – und das nach einem verrückten Verlauf, in dem die Kickers schon 5:0 geführt hatten. Die Torfolge von damals: 0:1 Erich Nowotny (2.), 0:2 Rudolf Staab (5.), 0:3 Herbert Weber (11., Foulelfmeter), 0:4 Erich Nowotny (20., Foulelfmeter), 0:5 Harry Staab (41.), 1:5, 2:5, 3:5, 4:5 alle Ludwig Gärtner (45., 50., 54., 58.), 4:6 Franz Kaiser (62.), 5:6 Ludwig Gärtner (64.), 6:6, 7:6, 8:6 alle Karl Schaffert (64,. 68., 75.), 9:6 ErwinWitzel (82.).

Auswärts in Offenbach gewann Fulda erstmals 1963/1964 mit der Mannschaft rund um Torwart Theo Diegelmann. Nach Toren von Edi Zaczyk und Peter John siegte die Borussia mit 2:0.

Unheimlich packend waren die Duelle zu Beginn der 1990er-Jahre. So wie am 7. November 1992, als in Fulda mehr als 12.000 Zuschauer ein 3:3 sahen. Die Torfolge: 0:1 Holger Wolf (11.), 1:1 Marc Diegmüller (18.), 1:2 Michael Hartmann (30.), 2:2 Jürgen Kreß (65.), 2:3 Michael Hartmann (89.), 3:3 Marc Diegmüller (90.+2, Foulelfmeter).

Die meisten Zuschauer kamen am 21. Mai 1998. Es war der letzte Spieltag der damals noch drittklassigen Regionalliga. Offenbach und Fulda spielten neben Ulm um die Meisterschaft. Fulda und Ulm hatten vorher 57 Punkte, die Kickers 56. 24.000 Leute wollten das Endspiel am Bieberer Berg sehen. Mit einem Sieg wäre Fulda in die 2. Liga aufgestiegen. Als AltinLala in der 52. Minute die Führung gelang, wuchsen die Träume. Doch die Kickers glichen durch Oliver Roth aus (61.). Und als Thomas Freier mit Gelb-Rot vom Feld flog (68.), schwammen die Felle davon. In Unterzahl ging Fulda voll auf Sieg und verlor. Marco Fladung per Eigentor (84.) und Oliver Speth sicherten den Kickers den Sieg. Meister wurde Ulm.

Das 1:1 der SG Barockstadt im Hinspiel dieser Saison war das erste Punktspiel einer Mannschaft aus der Stadt Fulda gegen die Kickers seit 21 Jahren. Im Pokal war es oft eng: Wie im Hessenpokal-Finale 1993, das in Steinau stattfand. Nach Toren von Cliff Michel (3.) und Jacques Goumai führte Borussia bereits 2:0. Dann drehten Goran Aleksic und Jochen Krapp (zwei Treffer) mit ihren Toren das Spiel in den 3:2-Sieg der Kickers. 1999 kam Fulda im Elfmeterschießen weiter, weil Cesar Thier den entscheidenden Versuch von Kai-Uwe Giersch parierte. Auch 2003 musste das Elfmeterschießen entscheiden: Damals verwandelte Cesar Thier (mittlerweile zum OFC gewechselt) den entscheidenden Elfer zum 5:3 für Kickers Offenbach.

„Fulda und Offenbach waren damals zwei grundverschiedene Paar Schuhe: Die Bedingungen, das Handling, das ganze Umfeld – bei Offenbach hat man gemerkt, dass man aus der Bundesliga kam. In Fulda dagegen war alles viel familiärer. Da bist du abends auch noch mal mit den Mitspielern ein Bier trinken gegangen. Das gab es in Offenbach nie“, so Diegmüller, den man heute fast nie an einem Sportplatz sieht. „Ich bin viel zu weit weg davon, beobachte die Szene aber schon noch. Ich freue mich, was die Barockstadt da auf die Beine stellt. Demnächst habe ich fest vor, mal wieder ins Stadion zu kommen.“

Der Rommerzer Marc Diegmüller war ein begnadeter Fußballer, lief nicht nur für Borussia Fulda und Kickers Offenbach, sondern auch für Schweinfurt 05 auf.
Der Rommerzer Marc Diegmüller war ein begnadeter Fußballer, lief nicht nur für Borussia Fulda und Kickers Offenbach, sondern auch für Schweinfurt 05 auf. © Charlie Rolff

Von 1994 bis 2001 spielte Diegmüller dann bei Schweinfurt 05, wo seine Karriere im Winter 2001 zu Ende ging. Im besten Fußballer-Alter von Anfang 30 hatte er eine Erkältung übergangen, erlitt eine Herzmuskelentzündung. „Ich habe es danach noch einmal versucht, noch drei Spiele gemacht, dann kam der Rückschlag. Damals war ich junger Vater und das Risiko war mir einfach zu groß. Meine Familie war wichtiger als Fußball“, erinnert sich Diegmüller, dessen Kameraden ein halbes Jahr später in die zweite Liga aufstiegen. „Bei den Feierlichkeiten war ich dabei. Wir treffen uns bis heute jedes Jahr.“ Will man Diegmüller außerhalb seines Büros antreffen, dann meist bei einem Kaffeekränzchen in verschiedenen Fuldaer Cafés mit anderen ehemaligen Kickern der Borussia. „Das machen wir mehrfach die Woche. Da geht es dann meisten um die Vor- und Nachbetrachtung unserer Trainings mit der Traditionsmannschaft von Borussia“, sagt Diegmüller lachend.

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