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Hessenliga-Trainer im Interview: „Frauen sind Aushängeschilder der Vereine“

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Von: Steffen Kollmann

Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Diesem Motto der drei Affen folgten Felix Dorn (von links), Andre Kleinheinz und Stephan Fröhlich beim Redaktionsgespräch vor dem Saisonstart in die Frauen-Hessenliga glücklicherweise nicht. Die Trainer des SV Gläserzell, der TSG Lütter und des TSV Pilgerzell standen Steffen Kollmann Rede und Antwort.
Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Diesem Motto der drei Affen folgten Felix Dorn (von links), Andre Kleinheinz und Stephan Fröhlich beim Redaktionsgespräch vor dem Saisonstart in die Frauen-Hessenliga glücklicherweise nicht. Die Trainer des SV Gläserzell, der TSG Lütter und des TSV Pilgerzell standen Steffen Kollmann Rede und Antwort. © Charlie Rolff

Mit dem Derby zwischen dem TSV Pilgerzell und der TSG Lütter (heute, 17 Uhr) wird die Frauen-Hessenliga-Saison so richtig eingeläutet. Wir haben im Vorfeld mit den Trainern der Osthessen – Gläserzells Felix Dorn (29), Lütters Andre Kleinheinz (41) und Pilgerzells Stephan Fröhlich (43) – gesprochen.

Herr Kleinheinz, Sie trainieren die Hessenliga-Frauen aus Lütter in der vierten Saison. Sind Sie froh, dass Sie in dieser Saison wieder mit zwei anderen Kollegen aus der Region am Tisch sitzen dürfen?

Kleinheinz: Dass wir wieder drei Hessenligisten aus Osthessen haben, ist natürlich überragend – auch wenn ich Gläserzell den Abstieg aus der Regionalliga nicht gewünscht habe. Dass nun jeder vier statt zwei Derbys hat, ist super, denn von diesen Spielen leben die Vereine. Bei anderen Spielen hast du, von Trainern und Betreuern abgesehen, teils null Auswärtszuschauer, deshalb kannst du die Kohle nur in den Derbys machen. 

Mit der Partie zwischen Pilgerzell und Lütter beginnt der erste Spieltag. Ist das der Start, den Sie sich für Ihre erste Saison beim TSV gewünscht haben, Herr Fröhlich?

Fröhlich: Es gibt sicherlich leichtere Auftaktprogramme, gerade für einen neuen Trainer. Zumal unser Durchschnittsalter um die 18 Jahre beträgt, alles muss sich erst finden. Von den drei Hessenligisten sind wir der klare Herausforderer, diese Rolle nehmen wir gerne an. Und ich kann verstehen, dass sich der Verein zum 110. Geburtstag ein Derby gewünscht hat.

Dritter Osthesse im Bunde ist der SV Gläserzell, der nach dem Regionalliga-Abenteuer zurück in der Hessenliga ist. War der Sprung in die dritthöchste Liga für den Verein letztlich zu groß, Herr Dorn?

Dorn: Von den meisten Vereinen in der Regionalliga sind wir ganz weit weg. Selbst kleinere Vereine wie Calden haben Strukturen, von denen wir nur träumen können. Das Jahr hat total viel Spaß gemacht, die Auswärtsfahrten mit Übernachtungen waren Weltklasse. Und die Saison hat uns im Sponsoringbereich geholfen, wir hatten viel Unterstützung aus der Region und können vielleicht den ein oder anderen Mannschaftsabend mehr veranstalten.

Ihr Vorgänger in Gläserzell, Stephan Fröhlich, war 2015 in einer ähnlichen Position. Der Aufstieg wurde trotz Hessenliga-Meisterschaft aber nicht wahrgenommen – weil abzusehen war, dass dem SVG ein ähnliches Schicksal ereilen würde wie in der Vorsaison?

Fröhlich: Da bin ich mir ziemlich sicher. Man merkt auf diesem Niveau, dass es nicht ausreicht, nur beim Frauenteam die Qualität hochzuhalten. Der Unterbau braucht schon eine höhere Qualität. Ich habe das Gläserzeller Spiel gegen Freiburg vor einem Jahr gesehen: Eine Regionalbahn hat gegen einen ICE gespielt.

Dorn: Mir war schon klar, dass ich nach einem Jahr wieder in dieser Runde sitzen würde. Aber bei uns hatte jeder Bock auf das Abenteuer – da war kaum noch jemand dabei, der in der allerersten Regionalliga-Saison des Vereins schon diese Erlebnisse hatte.

Ist es möglich, einen Verein aus Fulda langfristig in der Regionalliga zu etablieren? Beispielsweise durch eine Kräftebündelung wie im Herrenbereich, als sich Lehnerz und Borussia Fulda zur SG Barockstadt formiert haben?

Fröhlich: Wenn man die Kräfte bündeln würde, glaube ich schon, dass mehr drin wäre als nur ein Jahr Regionalliga. Aber dann müsste jeder Verein auf seine Gegebenheiten verzichten und ein Stück vom Kuchen abgeben.

Kleinheinz: Die Frauenmannschaften sind ja ein Aushängeschild in den Vereinen, die bei den Herren oft nur Kreisoberliga oder A-Liga spielen. Bei uns läuft eine ganze Menge über die Gemeinschaft, die Mädels wollen mit ihren Freundinnen zusammenspielen. Dafür nehmen sie teilweise 40 Minuten einfache Strecke in Kauf.

Dorn: Ich wurde von den Regionalliga-Trainern oft gefragt, warum wir keine Spielerinnen von Lütter oder Pilgerzell geholt haben. Aber bei uns in der Region ist es nicht so, dass man vom einen Verein zum anderen wechselt. Und wir hatten zudem nicht das Bestreben, bei den anderen Vereinen rumzugraben. Ich glaube aber auch, dass an einer Kräftebündelung kein Weg vorbei führt, wenn man höherklassig spielen möchte.

Ist es auf Dauer möglich, drei Hessenligisten aus der Region zu stellen? Im Mädchenbereich sind alle Vereine nicht mehr eigenständig unterwegs.

Kleinheinz: Dass drei von elf Hessenligisten aus Fulda und einem Umkreis von 20 Kilometern kommen, ist eine tolle Wertschätzung für die Arbeit, die hier geleistet wird. Aber auf lange Sicht wird es vermutlich schwer, diese Zahl zu halten. Im Frauenfußball läuft alles über soziale Kontakte, weil nicht wie bei den Männern schon die ersten 500 Euro fließen, ohne etwas dafür gemacht zu haben.

Kann die erfolgreiche Europameisterschaft in England mit dem tollen zweiten Platz der Deutschen einen Hype auslösen?  

Dorn: Bei den bereits Aktiven hat das Turnier keine Euphorie ausgelöst. Aber es besteht die Hoffnung, dass wieder mehr Mädchen anfangen Fußball zu spielen.

Was muss sich im Mädchenfußball ändern? In der Region gibt es keine Juniorinnen-Ligen mehr.

Fröhlich: Es fängt oft schon früher an. Die Mädels sind in den gemischten Teams halt da, so richtig gefördert werden sie aber nicht. So gehen früh viele verloren. Und später braucht es dann Eltern, die den großen Aufwand unterstützen und betreiben wollen.

Kleinheinz: Die Mädchen müssen bei Laune gehalten werden, und da geht einfach viel über Spielzeit. Vielleicht hilft in den untersten Altersstufen die Umstellung auf Funino. Da erhalten alle ihre gewünschte Einsatzzeit.

Der SV Gläserzell startete mit einem 2:3 in Großenenglis schon vor einer Woche in die Saison. War da zu spüren, dass Sie als Absteiger der Gejagte sind?

Dorn: Schon bei der Begrüßung hatte ich das Gefühl, dass sich der Gegner einiges vorgenommen hatte. Vielleicht hat Großenenglis fünf Prozent mehr an den Tag gelegt als wir. In der Vorsaison gab es Niederlage auf Niederlage, mental hat dich das ganz schön mitgenommen. Deshalb erwarte ich ein schwieriges Jahr. Aber die Stimmung ist top, weshalb ich denke, dass wir uns zügig fangen werden und vorne ein Wörtchen mitreden können.

Mit welchen Gefühlen starten Lütter und Pilgerzell in die Saison?

Kleinheinz: Mit gemischten. Die Vorbereitung war alles andere als gut. Aber da bin ich nicht der einzige, der das Problem hatte. Auch wenn wir vergangene Saison in der Aufstiegsrunde waren, ist es das Ziel, in der nächsten Saison wieder Hessenliga zu spielen.

Fröhlich: Das kann ich so unterschreiben, wir wollen so schnell wie möglich Punkte für den Klassenerhalt sammeln. Unsere viele jungen Spielerinnen müssen sich möglichst schnell an die neue Liga gewöhnen, das wird seine Zeit brauchen.

Herr Dorn, Sie als neutraler Beobachter des Derbys: Wie geht es heute aus?

Dorn: Ich freue mich, am Spielfeldrand entspannt ein Bierchen trinken zu dürfen. Ich erwarte ein enges Spiel, denke aber, dass Lütter seine Erfahrung auf den Platz bringen wird. Ich tippe auf ein 1:3. 

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