Fussball, Junioren, C-Junioren, Hessenliga, 2021-2022, JFV Bad Sosden-Salmünster (blau/schwarz) gegen Victoria Grießheim (weiß/schwarz)
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Alexander Balz verspricht sich langfristige Fortschritte im Jugendfußball.

A-Lizenztrainer Balz befürwortet die neuen Spielformen bei G- bis E-Junioren

Der Straßenfußball kommt auf die Wiese

Keine Punkte, keine Torhüter und keine Spiele auf zwei Tore: Zum DFB-Bundestag am 11. März stehen unter der Überschrift „Neuerung im Kinderfußball“ jahrzehntelang praktizierte Regeln und Wettbewerbsbedingungen zur Disposition. Was sich da anbahnt, bewerten Vereinsverantwortliche, Trainer und Funktionäre als Revolution im Kinderfußball.

Nach einer zweijährigen Pilotphase in 21 DFB-Landesverbänden gibt der DFB-Bundesjugendtag die Empfehlung, die neuen Spielformen im Kinderfußball ab der Saison 2024/25 verbindlich in die DFB-Jugendordnung aufzunehmen. Diesem Vorschlag werden die Delegierten des Bundestags wohl folgen. In ganz Deutschland würde es dann für Bambini, F-Junioren und E-Junioren keine Meisterschaften mehr geben. Die Kinzigtal-Nachrichten beleuchten die Neuerungen im Gespräch mit Alexander Balz, C-Juniorentrainer des JFV Bad Soden-Salmünster, dessen Team in Hessens höchster Spielklasse, der Hessenliga, spielt.

Die Neuerungen werden in Teilen der Trainerschaft alles andere als wohlwollend aufgenommen. Ist die Kritik berechtigt?
Es ist leider normal, dass Veränderungen zunächst eher kritisch beurteilt werden, schließlich muss man aus seiner Komfortzone raus. Es ist eine Neuerung, welche die Spiel- und Trainingsphilosophie von Generationen teilweise auf den Kopf stellt, aber meiner Meinung nach völlig richtig und längst überfällig ist. 
Den Trainern im deutschen Kinderfußball wird vorgeworfen, bisher zu früh mit Taktik gearbeitet sowie das Gewinnenwollen und Meisterschaftsdenken über die Interessen des einzelnen Kindes gestellt zu haben. Haben solche Trainer und Eltern mit ihrem Anspruchsdenken über die letzten Jahrzehnte schlicht versagt?
Ich würde nicht sagen „versagt“. Jeder hat sein Bestes gegeben. Es sind die Rahmenbedingungen und die Systeme, die oftmals ein bestimmtes Verhalten der Trainer provozieren. Wenn Ergebnisse und Tabellen zählen, dann will man auch die bestmöglichen Ergebnisse erzielen. Das ist völlig normal und auch in Ordnung so. Dadurch hat jedoch das Ergebnis – Sieg oder Niederlage – einen viel zu hohen Stellenwert bekommen. Die neuen Spieltage in Form von Spielefesten beinhalten mehrere Spielformen, wo man auch mal was ausprobieren kann und jedem Spieler genügend Spielzeit gibt. 
Der DFB will das Coaching der Trainer und die Einflussnahme der Eltern am Spielfeld stark begrenzen. Ist das gut so?
Ich bin selbst Vater, habe schon eine F-Jugend trainiert und war Jugendleiter. Ich habe Coachings gesehen und gehört, über die ich nur den Kopf schütteln kann. Aber ich mache den Beteiligten keinen großen Vorwurf. Jeder möchte für sein Kind das Beste, dass es glücklich ist. Dafür muss der Fokus aber weniger auf das Endergebnis, sondern mehr auf die vielen kleinen positiven Erlebnisse während eines Spieltags gelenkt werden. Und das sind viele Tore, viele Dribblings und Zweikämpfe, insgesamt viele Ballaktionen jedes einzelnen Kindes. 
Der DFB strebt an, mit den neuen Formen den gesamten Fußball in den Vereinen langfristig an seiner Basis zu stärken. Glauben Sie daran, dass das funktionieren wird?
Davon bin ich überzeugt. Ich gehe davon aus, dass die Vereine einen größeren Zulauf an Kindern und auch an Trainern und Betreuern haben werden, weil die Hürde für den Einstieg deutlich geringer sein wird. Der neue Modus verlangt einfach mehrere helfende Hände. Dabei müssen Eltern nicht zwangsläufig immer als Trainer agieren. Ich denke, dass gerade für junge Trainerinnen und Trainer der Einstieg einfacher ist, wenn man sich zunächst mal um zwei oder drei Kinder kümmert und nicht gleich alleinverantwortlich um zwölf.
Die DFB-Experten sehen den größten Vorteil darin, dass die Kinder durch den neuen Modus besser das Gewinnen und das Verlieren lernen. Aber wenn es doch gar nicht um Punkte und Pokale geht, wie soll das funktionieren? 
Es geht zwar nicht um Punkte und Pokale, dennoch werden Siege belohnt, indem man ein Feld weiter aufrückt. An einem Spieltag gibt es mehrere Spiele, also mehr Erfahrungen mit Siegen und Niederlagen. Kinder werden immer Lösungen kreieren, um viele Tore zu schießen und letztendlich zu gewinnen. Der Vorteil ist ganz klar, dass sie sehr viele Chancen haben werden, Tore zu erzielen. Und auch wenn sie mal ein Spiel verlieren, so haben sie an dem selben Spieltag noch weitere Chancen, ein Spiel zu gewinnen.
Die wichtigsten Änderungen: G, F- und E-Junioren spielen in Zukunft auf vier Minitore, Kopfbälle sind verboten, Torhüter gibt es nicht, Ergebnisse und Punkte werden nicht gezählt. Ist das wirklich ein Fortschritt für die Kinder?
Was sind denn die Folgen? Es werden mehr Tore erzielt, also mehr Erfolgserlebnisse generiert. Es sind weniger Kinder auf dem Feld, also gibt es mehr Ballkontakte für jedes Kind. Es gibt keine Torhüter, also muss der Ball abgefangen oder durch einen Zweikampf gewonnen werden. Es gibt also mehr Zweikämpfe. Da man nicht mehr aus der Ferne schießen kann, muss man näher an die Tore ran, also wird auch mehr gedribbelt. Welche langfristigen Auswirkungen das haben wird, werden wir sehen. Ich bin davon überzeugt, dass es einen Fortschritt geben und der DFB das in einigen Jahren auch durch Studien belegen wird.
Gespielt werden kann bei den Bambini im Zwei gegen Zwei oder Drei gegen Drei und in der E-Jugend im Fünf gegen Fünf oder auch Sieben gegen Sieben. Wird da vorher gewürfelt oder glauben Sie an die Vernunft der Trainer? 
Das wird tatsächlich die größte Herausforderung sein, dass die Trainer möglichst gleichstarke Spieler in einem Team spielen lassen. Wenn das Leistungsgefälle zu groß ist, dann werden auch im drei gegen drei die schwächeren Spieler wenig zum Zug kommen und die Vorteile, die der Modus mit sich bringt, kommen nicht zur Geltung. Generell wird es wichtig sein, dass die Vereine und die Trainer einheitliche Prinzipien entwickeln für eine reibungslose Umsetzung. Dabei sollen sie sich nicht zu schade sein, auch mal professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Besteht nicht die Gefahr, dass schwächere Spieler noch mehr dadurch demotiviert werden, weil sie noch weniger an den Ball kommen? 
Ganz im Gegenteil. Die Wahrscheinlichkeit auf Ballkontakte ist in kleineren Teams und in einem kleineren Feld deutlich höher und somit ist es viel motivierender für die Kinder.
Statt um Punkte in Ligen zu kämpfen, können sich Vereine für sogenannte Spiele-Festivals mit vielen Mannschaften bewerben, wo der Sportplatz in Felderbereiche aufgeteilt wird. Mannschaften, die mehr Tore als andere erzielen, rücken dann einen Felderbereich auf. Also wird ja am Ende doch wieder gewertet oder?
Es werden die einzelnen Spiele gewertet, es gibt jedoch kein Gesamtergebnis. Durch das Auf- und Abstiegssystem werden ausgeglichenere Spiele mit wenigen extremen Ergebnissen ermöglicht. Es ergibt sich ein ausgewogeneres Leistungsniveau und daraus resultierend weniger Frust für die Kinder. Gleichzeitig bietet der Modus einen zusätzlichen Anreiz, immer wieder „aufsteigen“ zu können.
Viele Trainer fragen sich, ob das noch Fußball ist. Was würden Sie diesen Trainern in einem Satz entgegnen?
Wir alle vermissen doch die Straßenfußballer. Der neue Modus bringt die Prinzipien des Straßenfußballs hervorragend auf die Wiese.

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