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100 Tage Bernd Neuendorf: Geht er auch dorthin, wo es mal weh tut?

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DFB-Bundestag Bernd Neuendorf Präsident
Bernd Neuendorf (rechts) ist seit 100 Tagen DFB-Präsident. © Federico Gambarini/dpa

In der Politik ist es guter Brauch, nach den ersten 100 Tagen einer Amtszeit Zwischenbilanz zu ziehen. Das ist auch mit Blick auf den neuen DFB und seinen Präsidenten Bernd Neuendorf interessant. Immerhin: Neuendorf ist SPD-Berufspolitiker, und spielt seine neu kreierte Rolle als Fußballpolitiker exzellent, befindet Harald Lange im neuen Teil seiner Gastkolumne.

Es wäre ihm zu wünschen, dass es gelingt, mit dieser Strategie auch die kritische Basis in den 25.000 Vereinen des DFB zu überzeugen. Schließlich wollte die definitiv keinen Politiker zum Präsidenten haben. In der DFB-Basis-Studie, in der wir zu Beginn des Jahres 12.000 Fußballerinnen und Fußballer befragt hatten, lag diese Eigenschaft weit abgeschlagen am Schluss des Qualifikationsprofils für den neuen DFB Präsidenten.

Letztlich ist das für die DFB-Spitze aber auch egal, denn die Basis wird auch bei der nächsten DFB-Wahl keine Stimme haben. Deshalb muss sich Neuendorf strategisch an den Interessen der starken Liga und vor allem denen der mächtigen Landesfürsten halten. Schließlich wählen auch das nächste Mal einzig und allein deren Delegierte die neue DFB-Spitze. Die Reform dieses Wahlsystems wäre mit Blick auf die Wünsche der Basis eine der wichtigsten Aufgaben, doch dazu konnten wir bislang kein einziges Wort vernehmen. Alles bleibt, wie es ist! Nur eines hat sich geändert: Bernd Neuendorf hat sich die Richtlinienkompetenz für das Präsidentenamt zurückgeholt und seine Funktion damit mächtiger gemacht.

DFB-Präsident Bernd Neuendorf: Keine Konsequenzen ziehen oder Entscheidungen treffen

Ich frage mich: weshalb eigentlich? Wo für braucht Bernd Neuendorf Richtlinienkompetenz? Bislang hat er alle wichtigen Problemlagen wegmoderiert und nichts entschieden! Im Kontrast hierzu fällt mir ein, wie wertvoll ich das Agieren erfahrener und mutiger Fußballer empfinde. Beispielsweise mit Blick auf den Mittelstürmer meiner Fußballmannschaft, der immer bereit war im Spiel auch dorthin zu gehen, wo es weh tat.

Stattdessen waren die ersten 100 Tage von allerlei schön formulierten präsidialen Statements begleitet. Er macht sich ein Bild zu Katar und betont, dass er dieser WM kritisch gegenüber stehe. Und immer wenn Journalisten neue Missstände enthüllen, wie z.B. vergangene Woche zu den Arbeitsbedingungen im Umfeld des DFB-WM-Quartiers, dann schickt er eine Delegation und macht sich nochmal ein Bild. Auch die Nationalspieler müssen ein – medienwirksam inszeniertes – Bild zum Thema Menschenrechte entwickeln. Nur sagen oder öffentlich diskutieren sollen sie lieber nicht. Und nach dem mutigen Vorstoß der Präsidentin Norwegens (Lise Klaveness) auf dem FIFA-Kongress in Doha Ende März applaudiert er vor Ort nicht öffentlich, sondern verkündet wenige Wochen später im ZDF-Sportstudio vor einem Millionenpublikum, dass er die Initiative dieser Fußballerin Klasse findet. Mehr noch: Am Tag vor dem ZDF-Auftritt habe er sogar mit ihr telefoniert. Welch ein genialer PR-Coup!

Die DFB-Basis wollte keinen Politiker, nun hat sie einen zum Präsidenten und die kritischen Beobachter bekommen mit, was das heißt. Erstens: Alles tun, um die Macht zu erhalten. Also erstmal nicht an der Demokratisierung des Wahlsystems arbeiten. Zweitens: So oft wie möglich die tagesaktuellen Allgemeinplätze mit kritischen Worten bedienen. Aber alles so formulieren, dass man keine Konsequenzen ziehen oder Entscheidungen treffen muss. Neuendorf zur Super League: „Angriff auf das Allgemeinwohl“. Und schließlich drittens: Falls doch Entscheidungen erwartet werden: Alles im Hinterzimmer mit Oliver Bierhoff absprechen und durch die Ankündigung einer DFB-finanzierten Studie Zeit schinden und die Verantwortung auf die zu erwartenden Studienergebnisse verlagern.

Prof. Dr. Harald Lange äußerst sich in einem Gast-Beitrag zur xxx. Foto: privat
Prof. Dr. Harald Lange äußert sich in einem Gast-Beitrag zur bisherigen Amtszeit von DFB-Präsident Bernd Neuendorf. © privat

So geschehen im Zusammenhang mit der Abschaffung des PR-Claims „Die Mannschaft“. Im Grunde sind Sponsoren, Fans, DFB-Basis, die Liga und die interessierte Öffentlichkeit dagegen. Auch die Studienlage ist klar und spricht für die Abschaffung. Allein Oliver Bierhoff klebt an seiner unglücklichen Wortschöpfung und deshalb müssen wir auch noch diese abwegige Idee einer weiteren Studie aushalten. Bei dieser Gelegenheit sei nochmal erinnert: Wie war das doch gleich mit der neu geforderten Richtlinienkompetenz für den DFB-Präsidenten?

Zukunftsaufgaben im DFB wichtig wie gigantisch

Vielleicht ist dieser Politiker-Stil im Fußball aber auch gut. Fakt ist: Die Akzeptanz der DFB-Spitze ist seit der Wahl am 11. März deutlich gestiegen. Die neue Führungsmannschaft kommt außerordentlich sympathisch rüber und bislang gelingt es auch die Medien ins Boot zu holen und das öffentliche Bild des DFB merklich aufzupolieren. Die interessierte Fußballwelt feierte wochenlang die Abwahl des unbeliebten DFB-Vize Rainer Koch und genoss sichtlich, dass auch das dahinterstehende Machtsystem einen erheblichen Dämpfer abbekommen hat. Zerschlagen ist es allerdings noch lange nicht.

Die Zukunftsaufgaben im DFB sind ebenso wichtig wie gigantisch. Deshalb wäre es auch sportpolitisch zu kurz gedacht, im Schatten des Wahlerfolges vom 11. März alle notwendigen Reformen zu den gewachsenen Machtstrukturen auf die lange Bank zu schieben. Uns ist allen klar, dass die Reform der Strukturen, so wie es sich die Basis in den Vereinen wünscht, auch Gegenwind bei den mächtigen Fußballfunktionären provozieren wird. Aber Bernd Neuendorf ist doch so sympathisch und politisch erfahren, dass er sich doch bald trauen könnte, endlich auch dorthin zu gehen, wo es mal weh tut.

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