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Bierhoff geht als Bauernopfer und Watzke hat die „Macht“

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Die einfachste Maßnahme im Krisenmanagement läuft immer darauf hinaus, ein Bauernopfer zu finden, sagt der renommierte Sportwissenschaftler Harald Lange in seiner Gastkolumne für torgranate.de.

Der DFB hat mit der Entlassung seines Sportdirektors Oliver Bierhoff den mächtigsten Mann in seiner Chefetage geschasst und sich damit exakt an das simple Drehbuch gehalten, das beim Bewältigen großer Krisen aus dem Regal gezogen wird: Je größer die Krise, desto populärer der Kopf, der dafür geradestehen muss. Bierhoff musste geopfert werden, damit die Organisation wieder in einem „Guten Licht“ dastehen kann.

Watzke und Neuendorf die Gewinner des Bierhoff-Abgangs

Wir alle wussten um die Verdienste und Erfolge des ebenso smarten wie klugen Sportmanagers und die älteren unter uns werden vor allem die Leistung zu würdigen wissen, die Bierhoff im Duett mit Jürgen Klinsmann im Vorfeld der WM 2006 für den Deutschen Fußball geleistet hat, indem er im DFB strukturell aufgeräumt und ein neues Machtzentrum neben der eingestaubten Funktionärsriege aufgebaut hat.

Das ist lange her und deshalb weitgehend vergessen. Dabei brauchen wir mit Blick auf die Europameisterschaft 2024 in Deutschland auch heute genau das: Einen Macht- und Konzeptwechsel. Beides läuft im Fußball traditionsgemäß Hand in Hand ab. Auch jetzt wird die öffentliche Debatte ausschließlich durch das Auflisten verschiedener „großer Namen“ bestimmt. Alt bekannte Experten und Spieler, die – warum auch immer – den Fußball wieder auf Kurs bringen sollen. Matthias Sammer, Fredi Bobic, Ralf Rangnick, Thomas Hitzlsperger und sogar Karlheinz Rummenigge und Lothar Matthäus werden ins Feld geführt.

Im Schatten dieses Personalkarussells ist durch den Abgang Bierhoffs über Nacht eine neue Machtzentrale entstanden. Der BVB-Boss Hans-Joachim Watzke steht nun unangefochten an der Spitze der Bewegung und an seiner Seite wirkt der charmante DFB-Präsident Bernd Neuendorf. Beide ohne nennenswerte Spielerkarrieren, aber mit ausgeprägtem Gespür für die Macht im Mediensport Fußball. So gesehen hat die WM in Katar nach dem Abgang von Bierhoff schon mal zwei Gewinner hervorgebracht: Watzke und Neuendorf.

Harald Lange
Harald Lange © privat

Harald Lange: Warum verzichten wir auf Expertise von Celia Sasic?

Der neue Sportdirektor muss sich in dieses Gefüge einpassen, denn die beiden entscheiden auf der Grundlage ihres Gespürs für Macht und Fußball, welche Ideen die Europameisterschaft in Deutschland und darüber hinaus die Zukunft des deutschen Fußballs eine Richtung geben werden. An dieser Stelle hätte ich mir wesentlich mehr Fußball- und Sachverstand gewünscht.

Ich meine: In wenigen Wochen werden wir fragen, weshalb all das so eilig über die Bühne gehen musste und weshalb so wenig wirkliche Fußballexperten in die Entscheidungsfindung eingebunden waren. Der renommierte Journalist und Kenner der Nationalmannschaft, Oliver Fritsch von ZEIT Online, bringt ganz aktuell einen überaus klugen Gedanken in die Diskussion ein: Im DFB-Präsidium sitzen nicht nur klassische Funktionäre. Mit Celia Sasic haben wir auch eine hochkarätige Fußballerin als Vize-Präsidentin. Sie war Europas Fußballerin des Jahres, Torschützenkönigin der Bundesliga, Champions League und der Weltmeisterschaft und wir können davon ausgehen, dass sie die mächtigen Fußballbosse des DFB nach wie vor auf jedem Kanaldeckel der Republik locker in Schach halten kann.

Auch deshalb schließe ich mich der Frage an, die Oliver Fritsch in einem Deutschlandfunk-Interview am Dienstag formuliert hat: Weshalb verzichtet man gerade jetzt auf diese geballte Fachexpertise? Passt dieser Verzicht zum ramponierten Image des DFB? Es scheint, als wären Machtinteressen wichtiger als Erfahrung und fußballerischer Sachverstand. Letzteres ist in unserem Land nahezu im Überfluss vorhanden und könnte im neuen DFB erschlossen und genutzt werden, wenn man das denn wollte. Aber das Ignorieren der im DFB-Präsidium vorhandenen fachlichen Expertise ist ein „starkes Stück“. Wir sind auf die Erklärung gespannt und hoffen mal, dass Hans-Joachim Watzke, als nunmehr mächtigster Mann des deutschen Fußballs, seiner selbst erkämpften Macht und der sich daraus ergebenen Verantwortung in den kommenden Tagen und Monaten gerecht werden wird. Ansonsten gilt: Nach dem Machtwechsel ist vor dem Machtwechsel!

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