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Alles Gute im neuen Jahr: Hansi Flick wünscht sich die Unterstützung der Fans

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Bundestrainer Hansi Flick
Bundestrainer Hansi Flick wünscht sich den bedingungslosen Rückhalt der Fans. © Christian Charisius/dpa

An Silvester ist es guter Brauch, dass wir für uns selbst „gute Vorsätze“ formulieren und „beste Wünsche“ versenden. In seiner neuen Kolumne schreibt Sportwissenschaftler Harald Lange über den Vorsatz des Bundestrainers.

Hansi Flick hat seinen Wunsch in einem Interview im Kicker einen Tag vor Silvester, aber dann auch gleich für die kommenden 18 Monate bekannt gegeben: Er sehnt sich nach der Unterstützung der Fans für die deutsche Fußballnationalmannschaft. Konkret schwebt ihm das Aufkommen einer neuen Gefühlslage vor: „Hey, wir in Deutschland haben eine gute Mannschaft, und wir als Fans stehen komplett hinter euch.“

Neujahrswunsch: Hansi Flick wünscht sich Unterstützung der DFB-Fans

Nach der verkorksten WM in Katar und der jahrelangen Durststrecke ist dieser fromme Wunsch ebenso nachvollziehbar wie wichtig. Mit Blick auf die Europameisterschaft 2024 in Deutschland muss genau an dieser Stelle angesetzt werden, um in unserem Land wieder eine Fußballatmosphäre zu schaffen. Nur so wird es möglich, dass der DFB endlich aus seiner Dauerkrise heraus kommt.

Damit dies auch wirklich werden kann, müssen sich der DFB, die DFL, die Spieler und der Trainerstab bewegen. Die zurückliegenden Jahre und Monate haben jede Menge Fragen aufgeworfen: Wird die Nationalmannschaft wieder Allgemeingut? Durch welche Maßnahmen soll mehr Nähe und Identifikationsfläche für Fans und Zuschauer geschaffen werden? Was genau kann Begeisterung und bedingungslosen Rückhalt auslösen? Wird es dem Verband gelingen, in diesem Prozess glaubwürdig zu wirken? Oder wird wieder einmal eine Werbeagentur beauftragt, die uns mit markanten Sprüchen, neuen Hashtags und aufgepimpten Videoclips vorgaukeln will, dass man in der DFB Chefetage einen zukunftsfähigen Fußball für uns alle erfunden hat?

Zum Neuanfang gehört einerseits ein Plan und andererseits aber auch eine kritische Analyse zu den Entscheidungen und Fehlern der Vergangenheit. Damit tut sich der DFB seit Jahren schwer. Im Grunde warten wir ja noch immer auf eine überzeugende Analyse des peinlichen Vorrunden-Aus bei der WM 2018 in Russland oder dem Aus bei der EM 2021. Zu Katar werden wir wahrscheinlich auch nichts Selbstkritisches mehr hören, denn im besagten Interview vom 30. Dezember teilte uns der Bundestrainer mit, dass er mit dieser letzten blamablen WM bereits abgeschlossen hat. Mit anderen Worten: Wir schauen nach vorn und setzen all unsere Hoffnungen in diesen frommen Wunsch für das nächste (und übernächste) Jahr!

Harald Lange: Flick-Interview ohne Analyse und Vision naiv und weltfremd

Falls in den kommenden Tagen und Wochen nichts Überzeugendes in Sachen Analyse und Vision für den Fußball der Zukunft vorgelegt werden sollte, dann dürfen wir dieses Interview als naiv und weltfremd einstufen. Genauso wie die meisten unserer wahrscheinlich heute schon wieder aufgegebenen Vorsätze für 2023. Das ist grundsätzlich OK, denn wir alle wissen, dass wir solche Vorsätze auch am nächsten Silvestertag in einem knappen Jahr erneut vortragen können.

Harald Lange
Harald Lange. © privat

Mit Blick auf die Zukunft der Fußballnationalmannschaft wäre solch ein naiver Umgang allerdings schade, denn in einem Fußballland ließen sich die Fans mit einem überzeugenden Plan wieder zurück ins Boot holen. Die Rückkehr der Fans ist an handfeste Bedingungen gebunden: Der Sport muss wieder an die erste Stelle (noch vor dem Kommerz) rücken. Und die Arroganz und elitäre Abgehobenheit der DFB-Spitze sollte durch Demut, Bodenständigkeit, Selbstkritik und fachliche Expertise ersetzt werden.

Bislang überwiegt in dieser Hinsicht die Skepsis. Auch, weil der DFB-Präsident Bernd Neuendorf - zeitgleich zu diesem Flick-Interview - dem Sportausschuss des Deutschen Bundestages hat mitteilen lassen, dass er den Parlamentariern dieses Landes vorerst nicht für eine Aussprache zur WM in Katar zur Verfügung steht. Das empfinden nicht nur Politiker der Oppositionsparteien als arrogant. Wir werden „die da oben“ weiter kritisch beobachten und ihnen raten, sich zukünftig offener und selbstkritischer zu zeigen. Ansonsten wird das nichts mit der gewünschten Begeisterung und Unterstützung der Fans.

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