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„David gegen Goliath“ im Kommerzfußball – Wir brauchen einen anderen Kommerzfußball

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Thomas Müller FC Bayern München Yann Sommer Borussia Mönchengladbach Bundesliga
Yann Sommer war am Wochenende der Held von Borussia Mönchengladbach gegen Bayern München und entsprechend einer der vielen Davids im Duell mit den Goliaths. © dpa/Sven Hoppe

Borussia Mönchengladbach hat mit seinem heldenhaften Torwart Yann Sommer den Bayern am letzten Spieltag einen Punkt abgenommen und ein Zeichen dahingehend gesetzt, dass es sich lohnt, immer für die Mannschaft zu sein, die gerade gegen die übermächtigen Bayern spielt. Das „David-gegen-Goliath-Prinzip“ macht also auch den Fußball spannend und unterhaltsam.

Die Geschichte des übermächtigen Kriegers Goliath, der vom legendären und weitaus schmächtigeren David im Kampf bezwungen wurde, stammt aus dem Alten Testament und dient seither als Vorlage für die Beschreibung ungleicher Kämpfe. Die Erzählung wird auch dadurch aufgeladen, dass David seinen Mut, seine Geschicklichkeit und Taktik aus dem Glauben und Vertrauen zieht. Er wusste woran er glaubt und wofür er kämpft. Heute würden wir sagen, er folgte einem inneren Wertekompass und genau daraus schöpfte er Kraft und eine geniale Strategie.

Bayern München immer der Goliath in der Bundesliga

Es liegt auf der Hand, dass dieses Beispiel seit jeher Menschen aller Kulturen und Zeiten ansprechen und mitreißen konnte. Die Hoffnung auch als Underdog oder Außenseiter eine Chance haben zu können, stimmt uns zuversichtlich und macht mutig. Deshalb kennen wir dieses dramaturgische Prinzip aus der Literatur, dem Theater und dem Film. Der Unterhaltungswert liegt nicht darin, den Vorsprung und die Übermacht des Großen anzuhimmeln, sondern auf die Chance und Widerständigkeit des Kleinen zu setzen.

Auch im Bundesligafußball stellen die Kleinen den Großen immer wieder ein Bein. Die großen Clubs geraten zuweilen ins Stolpern, lassen Punkte liegen und müssen deshalb – ähnlich wie alle anderen in der gleichen Liga – permanent an sich arbeiten und auf der Hut sein, um sich nicht zu blamieren. So etwas belastet, zumal das „David-gegen-Goliath-Prinzip“ dafür garantiert, dass die Bayern an jedem Spieltag gegen einen hochmotivierten Gegner und dessen Fans antreten müssen.

Geld macht Goliath-Mannschaften in der Bundesliga und Europa immer stärker

Diese Herausforderung sah vor dem Beginn der Bayern-Serienmeisterschaft noch ganz anders aus. Angesichts der aktuellen Struktur und Geldverteilung im deutschen Profifußball gilt die Vermutung, dass dieses Prinzip das einzige ist, was das Rennen um die Meisterschaft noch attraktiv erscheinen lässt. Ich meine: Das ist ein enormer Werteverlust. Wir sollten deshalb viel mehr und vor allem nachhaltiger über die künftige Struktur des Profifußballs in Deutschland diskutieren. Welchen Fußball wollen wir?

Die Kernfrage dieser Debatte berührt das Kommerzthema. Nur das Geld ist gegenwärtig in der Lage, die Goliath-Mannschaften Deutschlands und Europas stärker zu machen: Geld schießt Tore, Geld entscheidet die Meisterschaft, Geld lockt unsere Helden in die großen Clubs und die Geldgeber entscheiden, wie sich das Spiel entwickeln soll.

Prof. Dr. Harald Lange äußerst sich in einem Gast-Beitrag zur xxx. Foto: privat
Prof. Dr. Harald Lange äußerst sich in einem Gast-Beitrag zur Thema „David gegen Goliath“. © privat

Uns allen ist klar, dass so eine Entwicklung zwar den Zirkus am Laufen hält, aber bei der Identifikation der Fans und Zuschauer für Abstriche sorgt. Schließlich folgen Fans in ihrem Herzen nicht dem Geld, sondern der Tradition, den sportbezogenen Werten und Idealen.

Deshalb setzen alle „Nicht-Bayern-Fans“ am kommenden Wochenende ihre Hoffnungen auf Union Berlin, die als aktuell Zweiter in der Bundesligatabelle das nächste „David-gegen-Goliath-Spiel“ gegen die Münchener bestreiten. Vielleicht bietet dieses Spitzenspiel dem nächsten Torwart oder Feldspieler die Gelegenheit und Bühne, sich als Held zu beweisen. 

Genau daran würden wir mindestens so lange Freude haben, bis dieser Held einfach so von einem Goliath-Club weggekauft wird. Dieser Gedanke tut dem traditionsbewussten Fan und Fußballer weh. Wir brauchen definitiv einen anderen Profifußball!

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