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„DFB-Kapitänsbinde ist ein Kniefall gegenüber den WM-Veranstaltern in Katar“

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Kapitänsbinde Nationalmannschaft DFB-Elf
Die Kapitänsbinde der deutschen Fußball-Nationalmannschaft sorgt für Kritik. © dpa/Sebastian Gollnow

Die Generalprobe der deutschen Fußball-Nationalmannschaft zur Weltmeisterschaft in Katar ist mit einer Heimniederlage gegen Ungarn und einem Unentschieden gegen England in die Hose gegangen. Neben den sportlichen Ergebnissen steht die neue Kapitänsbinde, die im Spiel gegen Ungarn ihr Debüt bekam, im Fokus der Kritik.

Die neue Binde ist eine bunte Schöpfung einer UEFA-Arbeitsgruppe, die letztlich das alles- und nichtssagende Design einer bereits verwendeten Kapitänsbinde des holländischen Fußballverbands für ihre Zwecke übernommen hat. Die neue Binde soll ein Zeichen gegen Diskriminierung setzen und die beteiligten Verbände haben versichert, dass die Spielführer ihrer Nationalteams dieses Symbol während der WM in Katar tragen werden. Neben der deutschen Nationalmannschaft werden neun weitere Teams in dieser Weise Flagge zeigen (England, Niederlande, Belgien, Schweiz, Wales, Frankreich, Dänemark, Norwegen und Schweden).

Damit ist die durch Manuel Neuer während der letzten Europameisterschaft eingeführte Binde in den Regenbogenfarben, die als Symbol der Homosexuellenszene weltweit bekannt ist, Geschichte. Neuer und die Spieler der deutschen Nationalmannschaft hatten im Sommer 2021 vor allem während des Spiels gegen Ungarn ein starkes politisches Statement gegen die diskriminierende und homophobe Gesetzgebung in Ungarn abgegeben.

Kapitänsbinde beim DFB-Team für WM in Katar sorgt für Unverständnis

Anders als bei vielen anderen Aktionen, die das Nationalteam und der DFB im Zusammenhang mit dem Einsatz für Menschenrechte und gegen jede Form der Diskriminierung präsentiert haben, waren sowohl Neuers Regenbogenarmbinde wie auch der so genannte Herz-Torjubel von Leon Goretzka, mit dem er in der 84. Minute dieses letzten Vorrundenspiels den Einzug in das EM-Achtelfinale besiegelte, authentische politische Botschaften aus dem Sport.

Der DFB wäre gut beraten gewesen, genau darauf aufzubauen und den Rückenwind, den ihm selbstbewusste Spieler während der EM mit dieser Regenbogenarmbinde verschafft hatten, weiter zu nutzen. Die Verwendung der Regenbogensymbolik hätte bei der umstrittenen Weltmeisterschaft in Katar ein starkes Zeichen sein können. Immerhin begeben sich homosexuelle Spieler und Fans, die zur WM nach Katar reisen, in Gefahr inhaftiert und bestraft zu werden.

Es liegt auf der Hand, dass die kritische Öffentlichkeit diesen sportpolitischen Vorgang als Zugeständnis gegenüber den WM-Veranstaltern auffasst. Die unbequeme Regenbogensymbolik wird gegen eine inflationäre Botschaft eines Phantasielogos ausgetauscht. Das ist wirklich schwach, lieber DFB! So stehen wir als Fußballnation zwei Monate vor dem Beginn der WM sowohl sportlich wie auch sportpolitisch rat- und hilflos da. Dabei sind die Niederlage gegen Ungarn und das Spiel gegen England leicht zu verkraften. Wir haben uns schließlich seit der letzten WM 2018 in Russland daran gewöhnt, nicht mehr erstklassig zu sein.

Studie zeigt: Fußballfans haben kaum Verständnis für DFB-Führung

Harald Lange
Prof. Dr. Harald Lange äußert sich zur Kapitänsbinde der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. © privat

Ein anderer Befund ist für die Chefetage des DFB weitaus gravierender: Die DFB-Spitze ist mit dem Katar-Thema hoffnungslos überfordert und verliert deshalb weiterhin Vertrauen an der Basis. Die Abschaffung der Regenbogen-Binde im Nationalteam passt ins Bild einer Verbandsführung, die in entscheidenden Fragen vollends an den Interessen ihrer Basis vorbei agiert. Dieser Vorwurf lässt sich tatsächlich auch auf die Zahl bringen, denn in einer aktuellen Umfrage der Universität Würzburg vom Juni diesen Jahres bewerten 91,8 Prozent der befragten Fußballfans den bisherigen Umgang der DFB-Führung mit dem Thema Katar als „schlecht“ oder „sehr schlecht“. Sogar 92,4 Prozent aller Befragten sagen, dass es dem DFB nicht gelingt, die Probleme Katars bezüglich der Achtung der Menschenrechte vor Ort klar zu benennen.

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