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#DieMannschaft – eine Zeitenwende?

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Unter „Hansi“ Flick ist die DFB-Auswahl noch ohne Niederlage.
Unter „Hansi“ Flick ist die DFB-Auswahl noch ohne Niederlage. © dpa, Hans-Martin Issler

Jeder Neuanfang braucht vor allem eines: Mut. Dieser zeigt sich auch im Fußball darin, dass bestehende Strukturen hinterfragt und neue Wege ausprobiert werden. So gesehen war die Verpflichtung von Hansi Flick im vergangenen Jahr ein wirklicher Volltreffer für den DFB. Der sympathische Erfolgstrainer galt vom ersten Tag an bei vielen Fans und fast allen Fußballexperten als Garant für eine neue Nationalmannschaft. Ich frage deshalb: Erleben wir gerade eine Zeitenwende in der DFB-Auswahl? Wäre eine Zeitenwende nach den Leistungen 2018 in Russland und 2021 im Rahmen der Europameisterschaft überhaupt notwendig? Oder genügte auch hier einfach nur ein wenig frischer Wind im alten DFB-System?

Es läuft gut, gar keine Frage. Acht Siege gegen die kleinen Fußballnationen und drei Unentschieden gegen die drei großen Gegner Holland, Italien und England markieren einen guten Start. Nach dem England-Spiel dürfen wir auch getrost davon ausgehen, dass wir bald auch große Mannschaften schlagen werden. Aber ob das alles schon für einen internationalen Titel genügt, scheint fraglich. Dabei haben wir geniale Spielerpersönlichkeiten, aufstrebende Talente, viele Spitzentrainer und unendlich viel Expertise in Form von gewachsener Erfahrungen und beachtlichem Fußballwissen in unserem Land.

So gesehen wird sich der Erfolg als eine Frage der gelingenden Komposition erweisen. Wir müssen deshalb den Blick auf das System lenken und fragen: Werden die vorhandenen Ressourcen erschlossen? Genutzt? Treffend ausgebaut? Werden wirklich alle Reserven optimal genutzt? Werden Synergien geschaffen? Gelingt es aus dem DFB-System heraus, Innovationen zu entwickeln, neue Maßstäbe zu setzen, die auch international belegen, dass der deutsche Fußball in seinen Kernaufgaben immer einen Schritt voraus ist.

Ich weiß, das sind fußballphilosophische Fragen und Themen, zu denen die unzähligen Experten in den Chats, Kneipen und Talkrunden unterschiedliche Theorien und Antworten entwickeln. Genau diese bunte und selbstbewusste Expertise ist übrigens auch eine beachtliche Ressource in Fußball-Deutschland. Deren Schwarmintelligenz könnte in vielen Problemlagen neue Einsichten und innovative Ideen generieren. Vorausgesetzt man fände einen Weg, sie systematisch zu nutzen und zu erschließen.

Zeiten des unpopulären Hashtags #DieMannschaft sind gezählt

Damit wären wir bei der Systemfrage angelangt. Das Team um und hinter der Nationalmannschaft wurde von Oliver Bierhoff aufgebaut und im zurückliegenden Jahr strukturell nicht wesentlich verändert. Im Gegenteil: Durch die Einrichtung der DFB-Akademie in Frankfurt wurde diese Idee von Fußball quasi in Beton gegossen und für viele Jahre gesichert. Das ist weder gut noch schlecht. Aber es ist so und wir müssen deshalb kritisch danach schauen, ob und wie dieses gewachsene und vor allem extrem kostenintensive System in der Lage ist zu lernen und sich zu verändern. Gibt es nennenswerte und wirksame externe Kontrolle? Ist es offen für neue Ideen und Wege? Ist es personell und thematisch durchlässig? Oder wirkt es bereits jetzt wie ein Verwaltungsblock, der die selbst erschaffene Struktur so lange wie möglich und gegen alle Widerstände bewahren will?

Harald Lange äußert sich in seinem Gastkommentar zur Nationalmannschaft.
Harald Lange äußert sich in seinem Gastkommentar zur Nationalmannschaft. © privat

Hierzu ein Beispiel: Die Tage des unpopulären Hashtag #DieMannschaft sind gezählt, denn in einem am Freitag erschienen Interview im Nachrichtenmagazin 'Spiegel' stellt der größte Verfechter dieses PR-Slogans, der mächtige DFB-Direktor Oliver Bierhoff, dessen Abschaffung in Aussicht. Der Druck gegen seine zuerst am Kommerz orientierte Idee des Nationalmannschaftfußballs ist inzwischen auch im DFB-Präsidium angekommen, denn dort hat man die Stimmen aus der Liga, aber auch aus den Reihen der Fans wahr- und ernstgenommen.

Das Kippen dieses Kommerz-Slogans wäre ein weiterer Erfolg für diejenigen, die die Stimmung der DFB-Basis aufgreifen und zu ihrem Thema machen. Bierhoff eiert an dieser Stelle zwar noch und fabuliert von eigens in Auftrag gegebenen Marketing-Studien, die angeblich belegen, dass die Fans den Hashtag gut fänden. Ich würde Einiges geben um das mal mit den vorliegenden Umfrageergebnissen und der DFB-Basisstudie vergleichen zu können (…). Aber viel wichtiger ist es das System „Bierhoff“ kritisch zu hinterfragen. Kämpft es um sein bedingungsloses Fortbestehen oder ist es in der Lage, sich guten Ideen von außen zu öffnen? Denn so viel steht fest: Hansi Flick allein wird nicht ausreichen, um eine Zeitenwende für die Nationalmannschaft einzuleiten.

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