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Wo ist die Vision zur Euro 2024? WM-Analyse als Auftakt zum nächsten Titel?

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Neuendorf und Flick
DFB-Präsident Bernd Neuendorf und Bundestrainer Hansi Flick. © Christian Charisius/dpa

Wenn heute um 12 Uhr die erste Pressekonferenz des DFB-Präsidenten Bernd Neuendorf nach dem Rückflug von Doha über die Bühne geht, dann erwarten die Fans der Nationalmannschaft eine selbstkritische Analyse des deutschen WM-Auftritts - so auch Sportwissenschaftler und Kolumnist Prof. Dr. Harald Lange.

Wie war es möglich, dass eine Mannschaft mit so vielen hochkarätigen Einzelspielern und so vielen begnadeten Talenten so deutlich unter ihren Möglichkeiten blieb? Hat es sich gelohnt, den offenen Streit mit der FIFA zu suchen? Vor allem, wenn man nichts erreicht hat, weil man schlichtweg nichts riskieren wollte? Will Bernd Neuendorf jetzt tatsächlich noch regelmäßig nach Katar reisen und auf die Einhaltung der Menschenrechte achten? So hatte er es zumindest zum Start des Turniers vor der versammelten internationalen Presse vollmundig angekündigt.

Ist die „OneLove“-Kampagne nun abgeräumt? Oder werden wir weitere solcher Kampagnen -Proteste erleben? Wer hatte sich das eigentlich ausgedacht? Und wer übernimmt die Verantwortung dafür? Was machen eigentlich die anderen Nationen besser als wir? Wie steht es um das Konkurrenzprinzip im DFB? Wie wollt ihr die Fans zurückgewinnen? Wird es neue PR-Kampagnen geben? Oder wird die Arbeit am Fußball der Zukunft im Zentrum des DFB stehen? Wie werden die Mindereinnahmen und finanziellen Herausforderungen vom DFB kompensiert? Wird es demnächst noch mehr Kommerz geben?

PK des DFB: WM-Analyse als Auftakt zum nächsten Titel?

Die Liste relevanter und brennender Fragen ließe sich endlos fortführen. Mindestens so lange, bis der DFB-Chef seiner Basis in den 25.000 Sportvereinen aufrichtig und glaubhaft erklärt hat, wo man in der Verbandsspitze diesmal die Ursachen des Scheiterns sieht.

Falls diese Reflexion wieder einmal zu lange dauern sollte, dann würden wir uns vielleicht vorerst mit einer Idee zur Zukunft des Fußballs begnügen. Immerhin findet in 18 Monaten das Eröffnungsspiel der Fußballeuropameisterschaft in Deutschland statt. Beim letzten Mal, in den Jahren vor 2006, konnte die Aussicht auf ein WM-Turnier im eigenen Land als Selbstläufer wirken und hat – auch dank Klinsmann, Löw und Bierhoff – für gigantischen Rückenwind im Verband gesorgt.

Damals kamen Visionen ins Spiel, die nicht jedem gefallen und viele überfordert hatten. Nur so konnten Jürgen Klinsmann sportliche, Joachim Löw taktische und Oliver Bierhoff wirtschaftliche Ideen auf den Weg bringen, die den deutschen Fußball aus der Krise halfen. Erinnert sei an das Ausscheiden in der Vorrunde bei der EM 2004 in Portugal. Dank des großen Reinemachens im DFB war es gelungen, nur zwei Jahre später direkt in die Erfolgsspur zurückzukommen.

Harald Lange
Harald Lange © privat

Harald Lange: Zukunft des deutschen Fußballs hängt nicht an Bierhoff-Nachfolge

Wenn ich mir morgen um 12 Uhr die Pressekonferenz in der DFB-Zentrale anschaue, dann frage ich mich: Wer steht auf und verkündet endlich eine gut durchdachte, leidenschaftlich vorgetragene Vision für unser Fußballdeutschland? Die Aussicht, in 18 Monaten eine EM im eigenen Land spielen zu können, ist kein Selbstläufer. Im Gegenteil. Ohne Vision, ohne Plan und ohne glasklare Führung wird dieses Turnier zu einem weiteren Reinfall.

Ich meine, die Zeit des Aufschiebens einer seriösen und schonungslosen Aufarbeitung zum WM-Aus ist ebenso vorbei wie die Zeit der flachen Floskeln, guten Wünsche und halbherzig vorgetragenen Ideen. Wir alle wissen, dass die Zukunft des Fußballs nicht an einem neuen Namen für die Bierhoff-Nachfolge hängt. Weder Fredi Bobic noch Jürgen Kohler werden als Personen ausreichen, um das Ende des Niedergangs unserer Fußballkunst aufzuhalten.

Wer hat eine Vision und ein überzeugendes Gesamtkonzept? Wer schafft es mit welcher Idee, die Basis wieder hinter der Nationalmannschaft zu versammeln? Wer vermag vor allem Fußballexpertise zu Wort kommen zu lassen, die Fans und Sponsoren bedingungslos mitreist? Wer ist angesichts klammer Kassen und hoher Ausgaben für die DFB-Akademie bereit, sich im wahrsten Sinne ehrenamtlich einzubringen und mitzumachen? Wir alle sind gespannt!

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