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Brauchen Kinder einen neutralen Schiedsrichter?

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Fussball, E-Junioren JSG Schlüchtern/Elm I (schwarz) gegen SG Freiensteinau IV (blau)
Ab der Saison 2024/2025 sollen die Spieler in der E-Jugend ohne Schiedsrichter auf dem Feld die Einhaltung des Regelwerks in die Hand nehmen. © Ralf Hofacker

Der Aufreger der Woche wurde durch den Bundesliga-Schiedsrichter Patrick Ittrich (43) ausgelöst. Der Hamburger Polizeibeamte sinnierte nicht über die Bundesliga, den Videobeweis oder die anstehende WM und das professionelle Schiedsrichterwesen, sondern über den Kinderfußball. In seiner Gastkolumne bezieht sich Harald Lange auf die Kritik Ittrichs.

Seine Kritik richtete sich gegen die Idee des DFB, im Kinderfußball künftig flächendeckend auf neutrale Schiedsrichter zu verzichten. Die hierzu passende Spielkonzeption für die G-, F- und E-Jugend soll ab der Saison 2024/25 deutschlandweit umgesetzt werden und sieht vor, dass die Kinder die Einhaltung des Regelwerks selbst in die Hand nehmen.

Ittrich postete am vergangenen Wochenende eine knapp gehaltene Videobotschaft auf seinem Twitter-Account, in der er unmissverständlich feststellt: „Ich habe mir das jetzt fünf Minuten angeschaut. Es gibt in diesen Ligen und in diesem Turniermodus, den die Kleinen spielen, keine Schiedsrichter mehr, und das ist grundlegend falsch, meines Erachtens.“

Kritik am DFB von Patrick Ittrich: Schiedsrichter steht nicht alleine da

Wenn wir für die Kleinen keine Schiedsrichter mehr vorsehen, müssen sie knifflige Spielszenen selbst regeln und unter sich klarmachen. Genauso wie die allermeisten Kinder es auch beim Spiel auf dem Pausenhof oder auf dem Bolzplatz tun. Wo liegt das Problem, Herr Ittrich? Weshalb lohnt es sich nicht, an dieser Idee zu arbeiten? Erfahrungen auszutauschen und das vorhandene Konzept gemeinsam so gut auszubauen, dass Kinder die Grundsätze des Fair-Play am eigenen Leib erfahren und lernen können? Nicht nur auf dem Bolzplatz, sondern auch im Fußballverein!

Mit der eilig und undifferenziert vorgetragenen Sorge steht der Bundesligaschiedsrichter nicht allein da. Viele Erwachsene trauen es den Kindern nicht zu, solche Aufgaben und Entscheidungen gerecht und fair hinzubekommen. Ittrich genügten fünf Minuten Anschauungsmaterial vom Kinderfußball, um festzustellen: „Das funktioniert überhaupt nicht, wenn nicht einer da ist, der sagt, hier geht es lang, und unparteiisch ist.“

Diese Idee der Führung mag zur Philosophie des professionellen Bundesligaschiedsrichters passen. Vielleicht kann sie auch als Indiz für einen überhöhten Geltungsanspruch genommen werden, denn wer im und mit dem Sport erziehen will, der muss alles tun, um Kinder in den Stand zu setzen, die wichtigen Dinge mehr und mehr selbst zu verantworten und zu regeln. Diese Orientierung gilt auch dann, wenn zu erwarten ist, dass dieser Prozess nicht einfach werden und manches schieflaufen wird.

Erfahrungswerte aus anderen Ländern und Sportarten

Wenn nicht im Fußball, wo sonst sollen Kinder so etwas frei und spielerisch erfahren und lernen können? Ich halte den Kinderfußball für ein ideales Spielfeld für eine anspruchsvolle Spiel- und Bewegungserziehung. Dort tauchen im Minutentakt schwierige Situationen auf und alle Beteiligten wissen, dass sie die lösen müssen, damit das Spiel gelingt und allen Spaß macht. Wer demgegenüber immer jemanden an seiner Seite braucht, der ihm sagt, wo es lang geht, der wird sicherlich nie erwachsen.

Sport kann in diesem Sinne viel bewirken. Wir wissen um die positiven Einflüsse auf die Persönlichkeitsbildung und schreiben deshalb auch dem Fußball ein beachtliches Erziehungspotenzial zu. Da die gewünschten Wirkungen nicht einfach so vom Himmel fallen, interessieren wir uns für die Qualität des Sports für Kinder und Jugendliche. Wie sollen sie spielen, trainieren, Wettkämpfe bestreiten, sich verausgaben und wieder erholen? Welche Regeln gelten dabei und wem trauen wir zu, das Regelwerk während des Spiels zu managen?

Harald Lange
Harald Lange fragt sich in seiner Gastkolumne: „Wenn nicht im Fußball, wo sonst sollen Kinder so etwas frei und spielerisch erfahren und lernen können?“ © privat

Die Sorge des Herrn Ittrich ist keine Einzelmeinung. Deshalb wird es in der anstehenden Umsetzung des DFB-Kinderfußballkonzepts enorm wichtig sein, Erfahrungen zu sammeln, auszutauschen, zu informieren, zu analysieren und kritisch weiterzudiskutieren. Glücklicherweise muss das Rad nicht neu erfunden werden, denn es liegen umfangreiche Erfahrungswerte aus anderen Sportarten (z.B. Hockey oder Tennis), einigen nordeuropäischen Ländern und auch einzelnen Landesverbänden innerhalb des DFB mit dem neuen Kinderfußballkonzept vor. Nach meinem Dafürhalten haben Kinder keine Probleme mit diesem neuen Anspruch an den organisierten Kinderfußball. Manche ihrer Eltern schon. Aber das darf nicht das Problem der Kinder sein.

Mein Zwischenfazit zu diesem Thema: Wenn der Sport als Schule des Lebens sein will, dann müssen wir ihn so organisieren, dass die Kinder und Jugendlichen lernen, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen.

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