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Demokratie: Wir haben die Wahl - Nicht nur im Hinterzimmer!

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Harald Lange spricht über in seinem Gastkommentar über das Ausbrechen aus festen Strutkuren. Foto: privat
Harald Lange spricht in seinem Gastkommentar über die DFB-Präsidentenwahl. © privat

Rainer Koch ist abgewählt. Das ist das Startsignal für die Einleitung des notwendigen Kulturwandels im DFB, schreibt unser Gast-Autor Prof. Dr. Harald Lange (53), der sich ab sofort in unregelmäßigen Abständen in der Reihe „Die Wahrheit liegt auf dem Platz“ mit Themen rund um den Fußball beschäftigt. Lange ist Leiter des Instituts für Sportwissenschaft an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg sowie Autor mehrerer Bücher.

Bereits die Aussicht auf den dadurch möglichen Neuanfang löste in der Facwelt des Fußballs regelrechte Euphorie aus: ZEIT online titelt „Der beste Tag für den DFB seit Rio 2014“, der Kicker vermeldet: „Lehrstück in Sachen Demokratie“ und der Neue DFB Präsident Bernd Neuendorf sagt: „Es ist ein Beleg dafür, dass die innerverbandliche Demokratie funktioniert.“ Diesen Einschätzungen ist hinsichtlich der zu vernehmenden Begeisterung nichts hinzuzufügen. Zumal auch der Hessische Fußball-Verband bereits gratuliert hat.

Bis zum 11. März galt: Das große Problem des Deutschen Fußballs sind seine Hinterzimmer. Dort wurde in der Vergangenheit festgelegt bei welcher Gelegenheit welche Stimmkarten hoch gehalten werden müssen. Mit dieser Strategie ließen sich Machtfragen erfolgreich umsetzen: Im Verborgenen konnten Zusagen gegeben, Druck aufgebaut, Perspektiven versprochen und Gegenleistungen verhandelt werden. Zusammengefasst: In den Hinterzimmern konnte über Jahre hinweg ein ausgeklügeltes Machtsystem entstehen. Die Rollen waren klar verteilt. Neben den mehr oder wenigen Mächtigen gab es viele, die Gehorsam zeigen mussten. Die Folgsamkeit wurde vor jeder Wahl abgesprochen und die Mächtigen konnten sich in den offenen Wahlen des Machterhalts sicher sein.

Funktionäre des DFB könnten sich an altes Machtsystem gewöhnt haben

Es liegt auf der Hand: Für unser demokratisches Gespür war diese Praxis stets eine Belastungsprobe. Die besteht auch weiterhin, denn trotz der vielzitierten „Sternstunde der Fußballdemokratie“ vom vergangenen Freitag wissen wir alle, dass sich ein Teil der Elite der Fußballfunktionäre wohlmöglich an dieses System gewöhnt haben könnte. Deshalb gilt: Im Rückblick auf die Wahlen im Rahmen des 44. DFB-Bundestages haben wir zwar noch keine sichere demokratische Perspektive für diesen Verband, aber immerhin schon mal einen ebenso interessanten wie ernstzunehmenden Fall. Wenn es gelingen sollte, aus diesem Beispiel, das sich zwischen November 2021 und dem 11. März 2022 abgespielt hat, die richtigen Schlussfolgerungen abzuleiten, könnten daraus auch neue Impulse für die Weiterentwicklung der innerverbandlichen Demokratie im Deutschen Fußball gezogen werden.

Irgendwer sollte den Fall in all seinen Facetten aufschreiben, Protokolle, Meinungen, Abläufe und verschiedendste Bewertungen sammeln, aufarbeiten und auswerten. Durchaus kontrovers und unbedingt so, das die im Raum stehenden unterschiedlichen Meinungen und Sachargumente respektiert werden.

Rainer Koch hat seine Masken fallen gelassen

In Hinblick auf den herbeigesehnten Kulturwandel im DFB können wir aus den zurückliegenden fünf Monaten einiges lernen. Strukturen, Ämter, Funktionen, Allianzen, Abhängigkeiten, persönliche Interessen, Seilschaften und konkrete Abläufe hinsichtlich des Wahl- und Meinungsbildungsprozesses gehörgen auf die Probe gestellt. Was sich bewährt hat soll bewahrt werden und was sich nicht bewährt hat gehört verändert. Im Zuge dieser Auswertung wird es sich als hilfreich erweisen, dass wir nun eine konkrete Geschichte aufarbeiten und nacherzählen können, die zu der offenen Abwahl von Rainer Koch geführt hat. Bis hin zu dem Moment, in dem der einst mächtigste Mann im Deutschen Fußball unmittelbar vor seiner Abwahl die Maske fallen gelassen hat. Ein denkwürdiges Beispiel demokratischen Totalversagens. Wählt mich oder verzichtet auf Eure Stimme.

Wir brauchen mutige Männer und Frauen, die dann auch dort hingehen, wo es weh tut.

Prof. Dr. Harald Lange

Koch: „Und ich bitte Sie, dass sie diesen einstimmigen Vorschlag des Süddeutschen Regionalverbandes und all seiner fünf Landesverbände. Das sie den jetzt wie im Falle einer Bestätigung auch mit unterstützen, oder wenn Sie das nicht möchten, dass Sie sich eben dann an der Wahl nicht beteiligen.“

Die Maske ist gefallen. Alle wissen wie das alte System funktioniert hat. Wer den Kulturwandel wünscht, wird keinen Platz mehr für solch ein Denken, Fordern und Handeln im Fußball zulassen. Niemand sollte Angst haben müssen, Nachteile für sich oder seinen Verein beziehungsweise Verband in Kauf nehmen zu müssen, wenn er sich gegen solche Machttypen stellt. Im Gegenteil: Wir brauchen mutige Männer und Frauen, die dann – wenn es darauf ankommt – auch dort hingehen, wo es weh tut. Einfach nur weil es der Sache hilft und gut für den Fußball ist.

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