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Eine geniale Europameisterschaft: Was folgt für den Frauenfußball in Deutschland?

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Empfang Nationalmannschaft Frauen Römer
Auf dem Frankfurter Römer wurden die Frauen-Nationalmannschaft nach der großartigen EM empfangen. © dpa/Uwe Anspach

Nach diesem sensationellen Auftritt der Frauenfußball-Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft in England erwarten wir einen Ruck in Fußball-Deutschland. Prof. Dr. Harald Lange nimmt in seiner Kolumne Stellung.

Wir erwarten kräftigen Rückenwind für den Mädchen- und Frauenfußball im ganzen Land und diejenigen, die den Sport schon länger aufmerksam begleiten, ahnen bereits jetzt: Auch diesmal wird daraus leider nichts. Im Grunde haben wir bereits wenige Tage nach dem spannenden Finale ausgeträumt. Solange die DFB-Spitze nicht in der Lage ist, gesellschaftlichen Entwicklungen Rechnung zu tragen und Visionen zur Zukunft des Fußballs zu entwickeln, bleibt im Grunde alles wie es ist. Dabei braucht der Fußball in Deutschland dringend eine Strukturreform. Die bestehenden Machtverhältnisse und systemisch bedingten Abhängigkeiten werden auch in dieser Frage mehr blockieren als helfen.

Wohin führt die Entwicklung des Frauenfußballs?

Demgegenüber sprechen die gigantischen Einschaltquoten für eine Riesenchance: 18 Millionen Zuschauer haben das Finale England gegen Deutschland live in der ARD verfolgt. Und in den Spielen zuvor ließ sich diese Entwicklung bereits ablesen, denn die Quoten stiegen kontinuierlich an. Woran liegt das? Weshalb hat dieses Turnier während des Sommers so sehr dazu beigetragen, dass sich solch ein beachtliches Interesse an dieser Nationalmannschaft entwickeln konnte? Vielleicht weil die Spielerinnen, die in der Mehrzahl nebenbei noch studieren, arbeiten oder eine Ausbildung absolvieren, bodenständig wirken? Können wir uns mit solchen Fußballerinnen leichter identifizieren als mit den Top-Stars der Männer-Bundesliga, deren durchschnittliches Gehalt während all des Gejammers in der Corona-Krise noch mal kräftig angestiegen ist? Vielleicht ist es aber auch einfach nur beeindruckender Teamgeist, die Freude an einer Mannschaft, die sich als Turniermannschaft zusammengefunden und große Favoriten aus dem Turnier geworfen hat? Oder einfach nur Sport? Wertebasiert und von Spielerinnen praktiziert, die sich auf das Wesentliche konzentrieren können und deshalb als Vorbilder und Publikumsmagneten wirken?

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Prof. Dr. Harald Lange äußerst sich in einem Gast-Beitrag zum Frauenfußball in Deutschland. © privat

Bemerkenswert waren deshalb auch zahlreiche Kommentare und Social-Media-Einträge vieler Spieler aus der Bundesliga. Beispielsweise die von Eintracht Frankfurts Neuzugang Mario Götze, der voller Respekt gezeigt hat, dass ihn diese Spielerinnen und die Mannschaft interessieren. Genau dort liegt ein fruchtbarer Anhaltspunkt für die Entwicklung neuer Strukturen für die Zukunft. Ich meine, es geht keinesfalls nur darum, dass sich der Frauenfußball in die gleiche Richtung wie der Männerfußball entwickeln soll. Mehr Geld, mehr TV-Übertragungen, etc. sind für die, die davon profitieren, sicherlich schön. Hohe Gehälter für die Spitze ändern allerdings nichts daran, dass Mädchen überall im Land die gleichen Chancen und Bedingungen haben, genau so Fußball spielen zu dürfen und zu können, wie die Jungs aus ihrer Klasse und Nachbarschaft.

„Umdenken und anpacken“

Ginge es uns nur um eine professionelle Frauen-Bundesliga, dann wäre die Lösung denkbar einfach: Die Verantwortung muss in die DFL übertragen werden. Die können das. Allerdings nur wenn sie bereit wären, Fußball komplett neu zu denken und beide Produkte, den Männer- und den Frauenfußball, gemeinsam und als Einheit neu aufzustellen und zu inszenieren. Dabei würde der Profifußball definitiv eine Wertsteigerung erfahren. Nicht nur in monetärer Hinsicht, sondern vor allem ideell. Spielerinnen, wie die unserer Nationalmannschaft, bringen mit ihrer sportbezogenen Leidenschaft und Bodenständigkeit genau das mit, was dem Profifußball in den zurückliegenden Jahren abgegangen ist. Sollte die DFL in der Lage und klug genug sein, beide Wertesysteme zu einem neuen zu vereinen, dann wäre sie auch international eine Liga, die Ausrufezeichen setzt.

Mit Blick auf die überschaubar geführte, aber enorm wichtige Debatte um Nachhaltigkeit im Fußball wäre das eine echte Chance. Der DFB wird von seiner Spitze ausgehend auch in den kommenden Tagen und Wochen wieder einmal nur Feiertagsreden zum Frauen- und Mädchenfußball liefern. Genauso wie es die Verantwortlichen nach der Frauenfußball-Weltmeisterschaft in Deutschland 2011 getan haben. Auch damals hatten wir eine bärenstarke und erfrischende Mannschaft im Turnier, das Interesse und die Begeisterung in der Bevölkerung war riesengroß und wir waren mit Bibiana Steinhaus als Schiedsrichterin im Finale vertreten. Wer aus der DFB-Chefetage kann heute erklären, weshalb aus dem Rückenwind von damals nichts entwickelt wurde? Und aus welchen Gründen sollte es diesmal anders sein? Einfach nur zurücklehnen, träumen und wünschen genügt nicht: umdenken und anpacken, Leute!

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