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Wer den Fußball liebt, bleibt bis zum Schluss im Stadion

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Von: Tino Weingarten

Eintracht-Fans
Mitfiebern bis zum Abpfiff: Unser Meinungs-Autor Harald Lange erklärt das Drehbuch Fußball. © Arne Dedert/dpa

Die Mannschaft von Werder Bremen hat mit ihrem 3:2-Sieg in Dortmund ein unfassbar gutes Beispiel dafür geliefert, das erklärt, weshalb die Menschen so gern zum Fußball gehen.

Fußballspiele können die großen Dramen unserer Zeit sein, denn manche Spiele bieten weitaus mehr Spannung als jeder Film und jede Theateraufführung. Woran liegt das? Was suchen und entdecken Fans in diesen Fußball-Dramen? Weshalb eignet sich der Sport im Allgemeinen und der Fußball im Besonderen für diese Form „guter“ Unterhaltung? Und was müssen wir bewahren, damit der einschlägige Unterhaltungswert des Spiels auch weiterhin bestehen bleibt?

Harald Lange: Echte Fans bleiben bis zum Abpfiff im Stadion

Die Bremer lagen bis zur 89. Minute mit 0:2 zurück und selbst in Dortmund konnte man zu diesem Zeitpunkt Zuschauer beobachten, die im Glauben an den sicheren Sieg bereits den Heimweg angetreten hatten. Ein fataler Fehler. Vor allem, falls irgendjemand in den Reihen der BVB-Spieler auch nur im Entferntesten daran gedacht haben sollte, dass kurz vor Spielende mit dem 2:0 bereits alles im Sack ist. Es folgten sechs sagenhafte Minuten: Nachdem der Bremer Lee Buchanan in der 89. Minute den Anschlusstreffer zum 1:2 erzielt hatte, legten seine Teamkollegen Niklas Schmidt (93.) und Oliver Burke (95.) nach und sicherten den Bremer Last-Minute-Sieg.

Echte Fans wissen es ganz genau: So etwas könnte tatsächlich in jedem Spiel passieren. Und genau deshalb bleibt man grundsätzlich bis zum Abpfiff im Stadion und kehrt seiner Mannschaft niemals frühzeitig den Rücken. Auch um eine zuversichtliche Einheit mit den Spielern und der Mannschaft zu bilden. Die Spieler müssen bis zuletzt alles geben und versuchen, das Spiel in ihre Richtung zu drehen. Das ist anstrengend, auch in mentaler Hinsicht. Aber der Sport formt dadurch Mentalitäten und kreiert Vorbilder und Helden. Nicht nebenbei, sondern einzig und allein weil das Drama an solchen Stellen so schwierig ist.

An dieser Stelle gilt ein Zitat, das dem legendären Uwe Seeler (1936–2022) zugeschrieben wird: „Erst wenn der Schiedsrichter abpfeift, ist das Spiel zu Ende oder gewonnen!“ Und wir alle wissen, dass die letzten sechs Minuten mal enorm lange dauern oder im Nu verfliegen können. Je nachdem, wie es für unsere Mannschaft steht. Auch wenn „sechs Minuten“ ein objektives Maß ist, erlaubt diese Dauer der Zeit ein ganz besonderes, ausgedehntes oder komprimiertes Erleben.

Harald Lange
Harald Lange © privat

Fußball: Ein Drehbuch, das jeder versteht

Wer das jemals erlebt und begriffen hat, wird immer wieder zum Fußball gehen wollen. Dort finden wir geniale Möglichkeiten, uns mitreißen und unterhalten zu lassen. Wir sind in unserem „Dranbleiben“ und Mitfiebern sogar ein wesentlicher Teil der großen Inszenierung. An dieser Stelle ist es Zeit für einen Ausblick, denn die letzten sechs Minuten im Dortmunder Stadion waren gleichzeitig ebenso bitter wie euphorisch. Sie haben uns gezeigt, dass bei einem halbwegs ausgeglichenen Spiel wirklich alles passieren kann.

Das ist die Zutat, die Drehbuchautoren und Regisseure für gute Dramen brauchen. Im Fußball haben wir mit dem einfachen Regelwerk und dem schlichten Spielmotiv ein Drehbuch, das jeder versteht. Die Spiele und Fußballdramen können – allein wegen dieser Basis - langweilig oder spannend werden. Das müssen wir in Kauf nehmen. Ich meine, jeder Versuch, diese grundlegende Dramaturgie durch Regeländerungen, Videoschiedsrichter oder üppige Showeinlagen verändern zu wollen, ist ein Angriff auf das geniale Drehbuch guter Fußballspiele. Wir sollten so etwas auspfeifen.

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