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Fußball ist ein Allgemeingut – und deshalb Publikumsmagnet und Goldesel

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Eintracht-Fans zeigen ihre Schals. © Sebastian Gollnow/dpa/Archivbild

Zum Ende eines turbulenten Fußballjahres richtet Sportwissenschaftler und Kolumnist Harald Lange den Blick auf das, was dem Fußball als Volkssportart „Nummer Eins“ so viel Aufmerksamkeit, Popularität und Bedeutung zumisst: Seine Strahlkraft als Allgemeingut.

Die war Jahrzehnte lang als Selbstverständlichkeit gesetzt und akzeptiert. Die simple Einsicht, dass der Fußball sowohl in der Breite, wie auch in der Spitze uns allen gehört, ist Grundlage der gigantischen Erfolgsgeschichte.

Fakt ist aber auch, dass diese Geschichte Risse bekommen hat. Im zurückliegenden Jahr wurde uns immer wieder vor Augen geführt, dass der Siegeszug des Fußballs als zentrales Freizeit- und Unterhaltungsthema gebremst wurde. Der Einbruch der Einschaltquoten bei der umstrittenen Katar-WM war eine Zäsur. 50 Prozent weniger Fernsehzuschauer müssen Grund genug sein, um über den Verlust seiner Strahlkraft nachzudenken.

Fußball ist ein Allgemeingut – und nur deshalb Publikumsmagnet und Goldesel

Meine Idee zur Zukunft des Fußballs setzt an der Kommerzkritik an und möchte dennoch keine romantisch verklärte Vision des „guten alten Fußballs“ sein. Es ist klar und gut, dass der Fußball auch Geld erwirtschaftet und dass die begnadeten Talente, die der Fußball hervorbringt, auch gut von ihm leben können müssen. Wir gönnen unseren Idolen, Stars und Helden von ganzem Herzen alle Annehmlichkeiten, die der Wohlstand zu bieten hat. Wir fragen uns allerdings auch jeden Tag, wo die Grenzen liegen müssen und wie groß die Differenz zwischen der Spitze und der Basis ausfallen darf. 

Fußball kann niemals ein gewöhnliches Produkt sein, das sich nach allen Regeln der Marktwirtschaft zu Geld machen lässt. Fußball ist kollektive Leidenschaft und der eigentliche Wert dieser Volkssportart liegt im Charakter eines „Allgemeinguts“, das uns allen gehört. So lässt sich zumindest begreifen, weshalb die kollektive Begeisterung beim Titelgewinn 1954 in Bern, 1974 in München, 1990 in Rom oder 2014 in Rio so gigantisch gewesen ist. In diesen Jahren sind nicht nur die Nationalspieler, sondern immer WIR Weltmeister geworden. Alle, die diesen Fußball lieben und die sich an dessen Kultivierung beteiligen und verdient gemacht haben.

Eltern, die ihre Kinder zum Training fahren, Trainerinnen und Trainer, die tausende von Mannschaften betreuen, Schiedsrichter und Schiedsrichterinnen, die bei der Werte- und Regelvermittlung helfen, Spielerinnen und Spieler, die in jeder Altersklasse Freude am Spiel, am Training und dem geselligen Miteinander empfinden und sich dafür einsetzen, dass der Fußball als wöchentlich wiederkehrendes Ereignis unser gemeinsames Thema ist.

Harald Lange
Harald Lange © privat

Harald Lange: Fußball ist kein elitärer Sport

Dabei ist uns allen klar, dass Erfolg viele Facetten hat. Nur eine Mannschaft kann Meister werden und mindestens eine Mannschaft muss absteigen. Aber jeder Spieler und jede Spielerin ist gleichermaßen wichtig für das Entstehen von Strahlkraft. Fußball ist kein elitärer Sport, der irgendjemanden ausgrenzen will. In jedem Dorf gibt es einen Bolz- oder Fußballplatz und in fast jeder Stadt sogar ein Stadion, in dem sich die Menschen versammeln, um an diesem Spiel teilzuhaben. In jeder Familie gibt es jemanden, der wunderbare Geschichten zum Fußball erzählen kann und es gibt viele Interessierte, die diesen Erzählungen zuhören möchten.

Es gibt auch unterschiedliche Meinungen zur vermeintlich richtigen Aufstellung und Spieltaktik, zu allen trainingstechnischen, organisatorischen, ökonomischen und kulturellen Fragen und Herausforderungen dieses Sports. Die daraus entstehenden Diskussionen, Kontroversen und Debatten mögen anstrengen, verärgern, erfreuen oder langweilen.

Das macht nichts, denn das vielschichtige Ringen um die vermeintlich wichtigen Fragen des „guten Fußballs“ beschreibt zugleich auch den kulturellen Wert dieses Sports. Er ist Allgemeingut und enorm bedeutsam für all diejenigen, die über ihn sprechen, streiten und diskutieren wollen. Solange, bis wir uns von ihm abwenden und den Fernseher ausschalten. Dann ist das Spiel vorbei und dann können auch die vielen findigen Fußballmanager nichts mehr von diesem Allgemeingut abschöpfen.

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