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Götze schaut WM: Schmaler Grat zwischen Doppelmoral und Haltung

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Von: Johannes Götze

Torgranate-Redaktuer Johannes Götze.
Torgranate-Redaktuer Johannes Götze. © Max Dellemann / Heldenzeit

An dieser Stelle wirft Torgranate-Redakteur Johannes Götze ab Montag täglich seinen ganz persönlichen Blick auf die WM in seiner Kolumne „Mach ihn! Er macht ihn!“. Seine Beweggründe, weswegen er keinen Boykott übt, legt er schon vorab dar.

Ganz unverfroren oute ich mich. Als Fußballfan. Und WM-Gucker. Kein Boykott. Warum auch? Ja, dass die WM nach Katar vergeben worden ist, war ein Fehler. Aber dieser Fehler wurde bereits vor zwölf (!) Jahren begangen und in all dieser Zeit von vielen Medien kritisch hinterfragt, Korruption aufgedeckt und (FIFA)-Entscheider zu Recht öffentlich an den Pranger gestellt. 

Götze schaut WM: Schmaler Grat zwischen Doppelmoral und Haltung

Viele aber sind (wie so oft) erst spät auf den Zug aufgesprungen, wollen nun mit Forderungen ihr eigenes Profil schärfen und werden in ihren Aussagen nicht einmal den Tatsachen im eigenen Land gerecht. Haltung beweisen ist das eine, schnell zum Doppelmoralisten zu werden, das andere. Wie viele aktive Fußballprofis haben sich im so regenbogenfarbigen Deutschland öffentlich geoutet? Null! Kein Profi der ersten drei deutschen Ligen soll schwul sein? Das kann nicht stimmen! Die Ängste der Spieler, sich zu outen, sind begründet. Sie fürchten offenbar Schmähgesänge und homophobe Anfeindungen.

Aber gleichzeitig positionierten sich abertausende Deutsche. Erklären, wie die Welt in dem muslimisch-konservativen Katar funktionieren muss. Aber hat sich nicht sogar Katar gesprächsbereit gezeigt! Hat das Kafala-System abgeschafft! Hat einen Mindestlohn eingeführt! Klar sind das nur Tropfen auf den heißen Stein, doch waren die Zustände in Russland oder China besser? Hat sich dort etwas verändert? Oder sogar verschlimmert, Herr Putin?

Mitfiebern in Gesellschaft: Für viele Fans das Schönste an der Fußball-Weltmeisterschaft. Doch zum großen Turnier, das am Sonntag in Katar startet, sind die Public-Viewing-Angebote im Tölzer Land überschaubar.
Mitfiebern in Gesellschaft: Für viele Fans das Schönste an einer Fußball-Weltmeisterschaft. Das gibt es nun nicht. Ein Grund, die WM zu boykottieren? © DPA

Ja, die Vergabe nach Katar war falsch. 200 Milliarden Euro wurde in Sportswashing „investiert“. Viele Menschen ließen auf den Baustellen ihr Leben. Das ist eine Katastrophe und hätte verhindert werden müssen. Vor zwölf Jahren. Die Entscheider der FIFA hatten aber nur Dollarzeichen in ihren Augen.

Aber es ist falsch, Fußballer zu instrumentalisieren und dafür zu matern, dass sie sich den Traum einer WM-Teilnahme erfüllen. Es ist nicht die Aufgabe des ach so moralistischen Mitteleuropäers einer ihm fremden Welt seine Haltung aufzudrücken. Denn unter moralischen Gesichtspunkten kann heuer kaum noch einer Fan des Profifußballs sein. Nicht in Katar, nicht in Europa. Ich werde 26 deutschen Fußballern die Daumen drücken. Sie spielen für ihr Land. Sie werden alles geben. Sie verdienen Unterstützung.

Ab Montag könnt ihr meine persönliche Sicht auf die WM als tägliche Kolumne lesen. „Mach ihn! Er macht ihn! Götzes WM-Kolumne“ heißt es sodann in Anspielung auf die haftenbleibenden Worte des Kollegen Tom Bartels, als der Mario Götzes Siegtor im WM-Finale 2014 gegen Argentinien vorausahnte. Ich hätte nichts gegen eine Wiederholung.

Der Autor:

Johannes Götze ist verliebt. In den Fußball. Schon immer. Seit 2014 trägt er seinen Nachnamen mit noch mehr Stolz. Er schaut Spiele am liebsten allein und scheut Public Viewing. Wäre diesmal auch kälter als sonst. Seit 2014 ist er Redakteur bei torgranate.de und kümmert sich sonst vornehmlich um Amateurfußball, den er mehr liebt als den Kommerz ein paar Ligen weiter oben. Die FIFA mag er nicht. Einen Wettbewerb mit den besten Fußballern der Welt schon. Habt ihr Gedanken, die ihr mit dem Autor teilen wollt, schreibt ihm doch. Bei Facebook. Bei Instagram. Oder per Mail. johannes.goetze@torgranate.de.

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