Die Fans von Eintracht Frankfurt feierten den Finaleinzug ihrer Mannschaft auf dem Platz.
+
Die Fans von Eintracht Frankfurt feierten den Finaleinzug ihrer Mannschaft auf dem Platz.

Die Wahrheit liegt auf dem Platz (16)

Platzsturm: Trotz aller Begeisterung muss das Spielfeld weiterhin „heilig“ bleiben!

Zum Ende der aktuellen Saison taucht ein alt bekanntes Phänomen auf: Platzstürme. In den zurückliegenden zwei Wochen nahmen Fans in Frankfurt, Köln und auf Schalke das Spielfeld ein. Sie ließen ihrer Freude - im wahrsten Sinne des Wortes - freien Lauf, während bei Polizei, Vereinsoffiziellen und Spielern mindestens ein mulmiges Gefühl aufkam, sagt Prof. Dr. Harald Lange in seiner Gastkolumne.

Platzstürme lassen sich weder rechtfertigen noch pauschal verurteilen. Möglicherweise aber verstehbar machen. Denn eines brauchen wir angesichts der neu aufkommenden Fußballbegeisterung in vielen Clubs sicher nicht: Wir verzichten nur allzu gern auf vermeidbare Machtspiele zwischen Fans und Offiziellen!

Nachdem der Aufstieg für Schalke perfekt gewesen ist, gab es im Zuge des Platzsturmes zwar keine Prügeleien oder sonstige Gewalt, aber Verletzte. Ansonsten verlief zum emotional hochkochenden Saisonfinale bislang alles glimpflich. Womit wir im Grunde bereits bei der Kernfrage angekommen sind: Wie sind die Szenen „auf den Platz stürmender“ Fans zu bewerten? Können wir das Bedürfnis der Fans, den Platz zu erlaufen bzw. ihn einzunehmen, nachvollziehen? Können wir das gutheißen? Freuen wir uns gar mit den Fans inmitten des Stadions? 

Platzsturm beim Fußball: „Die Besonnenen haben Sorge“

Wären wir gern selbst dabei? Oder sehen wir in alle dem eher Gefahren und Regelverstöße? In formaler Hinsicht ist die Sache glasklar: Der Innenraum und das Spielfeld sind tabu und müssen vor dem Zutritt anderer geschützt werden. Dafür haben wir schließlich sehr gut bewährte Sicherheitskonzepte, Hausordnungen und Regelwerke. Gleichzeitig wissen wir aber auch, dass sämtliche Appelle und Schutzmaßnahmen, den Drang der Fans in den besagten Spielen nicht Stand halten konnten. Letztlich mussten Tore und Türen geöffnet werden, um dem Druck am Tribünenzaun nachzugeben.

Unmittelbar nach dem Schlusspfiff im Rückspiel des Europa League Halbfinals zwischen Frankfurt und West Ham United wurden auch die Fernsehzuschauer Zeugen dieses legendären Platzsturmes. Wir alle konnten die Begeisterung der Eintracht Fans teilen und viele von uns wären ohne Zweifel sicherlich auch gern dabei gewesen, auch um mitzujubeln und mitzufeiern. Am liebsten ganz nahe dran an der erfolgreichen Mannschaft der Eintracht.

Wir brauchen in den Vereinen deshalb authentische Gelegenheiten, um Fans das Gefühl des „Dabei-sein-Könnens“ zu ermöglichen.

Prof. Dr. Harald Lange

Die Besonnenen unter uns hatten allerdings wohl auch Sorge. Beispielsweise dahingehend, dass der Platzsturm zu früh starten würde und dadurch der Erfolg der Eintracht nochmal am grünen Tisch in Gefahr geraten könnte. Oder aber in der Szene, als Ordnungskräfte und Polizei Gegendruck aufbauten, eine Linie auf dem Spielfeld bildeten, um die Fans zurück in Richtung Kurve zu drängen. Zum Glück hat alles geklappt, auch weil der Eindruck entstand, die Polizei hätte sich auf einen Kompromiss eingelassen, dass am „Sechzehner Schluss“ sei, denn sie drängten die Fans nicht viel weiter zurück und verzichteten auf ein abruptes Zurückprügeln der begeisterten Fanmassen.

Die Bewertung dieser Szenen ist nicht einfach. Unterm Strich haben sich Polizei und Fans in der Situation bewährt und wir können nur raten, dass die Einsatzleitung der Frankfurter Polizei mit den Säulen ihres Teams auch zum Finale nach Sevilla reist, um die spanischen Polizeikollegen mit ihren wertvollen Erfahrungen zu unterstützen.

Prof. Dr. Harald Lange fordert, dass das Spielfeld trotz aller Freude heilig bleiben soll.

Bedenklich an den aktuellen Platzstürmen wäre es, wenn sich hier eine Dynamik entwickeln würde und sich Fans anderer Mannschaften ein Vorbild nehmen, um nach dem Erreichen eines Saisonzieles ihrerseits das Spielfeld zu erstürmen. Selbst dann, wenn alles gut geht und sie sich einfach nur unbändig freuen.

Das Bedürfnis nach Nähe zur jeweiligen Mannschaft ist OK und absolut nachvollziehbar. Wir brauchen in den Vereinen deshalb authentische Gelegenheiten, um Fans das Gefühl des „Dabei-sein-Könnens“ zu ermöglichen. Das Ergattern von Souvenirs in Form von Rasenstücken oder Eckfahnen, aber auch das Anfertigen spektakulärer Selfies am Ort des gerade beendeten Spielgeschehens kann ebenso wenig akzeptiert werden, wie der schlichte Wunsch, nach dem Schlusspfiff mit den Kumpels aus der Kurve selbst mal über den Platz zu rennen. Das Spielfeld sollte trotz aller verständlicher Emotionalität im gewissen Sinne „heilig“ bleiben und am Spieltag von niemanden sonst als von den Spielern und Platzwarten betreten werden!

Das könnte Sie auch interessieren