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Die Basis: Das Mächtigste, was der Deutsche Fußball zu bieten hat

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Harald Lange spricht über in seinem Gastkommentar über das Ausbrechen aus festen Strutkuren. Foto: privat
Harald Lange spricht in seinem Gastkommentar über die mächtigste Gruppe im deutschen Fußball: die Basis. © privat

Sollte der DFB nach dem Forschungsprojekt das Gespräch mit der Basis suchen? Darüber schreibt unser Gast-Autor Prof. Dr. Harald Lange (53), der sich ab sofort in unregelmäßigen Abständen in der Reihe „Die Wahrheit liegt auf dem Platz“ mit Themen rund um den Fußball beschäftigt. Lange ist Leiter des Instituts für Sportwissenschaft an der Justus-Maximilians-Universität Würzburg sowie Autor mehrerer Bücher.

Die mächtigste Gruppe im deutschen Fußball ist seine Basis! Die Fans in den Kurven, aber auch die Spielerinnen und Spieler in den Vereinen, deren Trainer, Betreuer, Schiedsrichter und Vereinsvorstände. Dort wird der Fußball so organisiert und gespielt, dass wir auf eine beeindruckende Wertschöpfung blicken können: In den 25.000 Vereinen Deutschlands wird das Spiel vermittelt und gelernt. Dort werden Freundschaften und soziale Bindungen geschlossen und gefestigt, Talente hervorgebracht und gefördert, aber auch Haltungen und Persönlichkeiten gebildet.

Der DFB bezifferte den Geldwert des sozialen Engagements in unseren Fußballvereinen auf 2,18 Milliarden Euro pro Jahr. Eine beachtliche Zahl, die auch in der Politik und Wirtschaft wirken kann: Schließlich sind die 7,1 Millionen Mitglieder in ihrem beeindruckenden Engagement eine attraktive Zielgruppe für das Sponsoring und andere Partnerschaften.

Harald Lange: Basis bekommt beim DFB keine hörbare Stimme

Angesichts dieses Potenzials liegt es nahe, dieser Basis mehr Verantwortung zu übertragen. Während die zentralen sportpolitischen Entscheidungen im Fußball immer noch in Hinterzimmern getroffen, hoch dotierte Beraterverträge geheim gehalten und die lukrativen Chefposten in den internen Zirkeln der Landesfürsten und DFB Bosse gegenseitig zugeschanzt werden, gewährt man der Basis des Deutschen Fußballs keine hörbare Stimme in den Wahlen und Entscheidungsprozessen. Die Machtpositionen werden von wenigen alten Männern eingenommen, die in der Regel erst nach einer Jahrzehnte dauernden Ochsentour in den Chefetagen ankommen können.

Allerdings sei auch angemerkt: In formaler Hinsicht hat die Basis Einfluss. Es existieren Kreis-, Landes- und Bundesfußballtage, auf denen über ein Delegiertensystem gewählt wird. In der Regel mit beeindruckenden Wahlergebnissen, die an die Resultate sozialistischer Einparteiensysteme des letzten Jahrhunderts erinnern. Der sportpolitische Erfolg dieses Systems steht seit mindestens einem Jahrzehnt in Frage. Der DFB hat eine massive Glaubwürdigkeitskrise und hat es versäumt sich dem kritischen Dialog mit der Basis zu stellen.

Die massive Führungskrise des Verbandes ist in voller Wucht in den Vereinsheimen unseres Fußballlandes angekommen.

Prof. Dr. Harald Lange

Wir haben diese Lücke zum Thema in einem Forschungsprojekt gemacht und die interessierte Basis des Deutschen Fußballs befragt. Wie sieht die Basis den DFB? Wie beurteilen sie das DFB – Spitzenpersonal, wie ordnen sie die demokratische Verfasstheit der DFB Wahlen ein und welche Zukunftsthemen sind den Fußballerinnen und Fußballern wichtig? Link zu den Ergebnissen der Studie: https://www.hw.uni-wuerzburg.de/fileadmin/fanforschung/2022/Wo_steht_der_DFB.pdf

Die Ergebnisse sind für den einen oder anderen Mann aus der DFB-Spitze zweifellos unbequem. Sie bauen allerdings auf eine beeindruckende Resonanz, denn knapp 12.000 Teilnehmer zeigen unmissverständlich: Die Basis möchte eine Stimme haben und ihre Meinung auch unabhängig vom System der Delegiertenwahlen zum Ausdruck bringen. Die Ergebnisse sind eindeutig und bestätigen erstmals, dass die massive Führungskrise des Verbandes nicht nur in den öffentlichen Debatten des Journalismus und der Sozialen Medien als solche wahrgenommen wird, sondern in voller Wucht in den Vereinsheimen unseres Fußballlandes angekommen ist.

Führungspersonal des DFB „sollte das Gespräch suchen“

Die erhobenen Befunde legen Konsequenzen nahe: Die interessierte Basis kritisiert nicht nur die Führungsleistung der DFB-Spitze und stellt den Mächtigen des Fußballs ein schlechtes Zeugnis aus. Sie fordert darüber hinaus auch Visionen von denjenigen, die sich um Ämter bewerben. Sie will Programme und Ideen diskutieren, eine Reform des über Delegierte organisierten Wahlverfahrens zugunsten einer Urwahl erreichen und sie zieht den Führungsanspruch des DFB massiv in Zweifel.

59,2 Prozent der Befragten sind der Auffassung, dass der deutsche Fußball eine Alternative zum DFB benötigt. Das bislang unangetastete Monopol des Verbandes passt angesichts des über Jahre gewachsenen Glaubwürdigkeitsverlust nicht mehr zu den Vorstellungen der Basis.

Spätestens an dieser Stelle sollte das Führungspersonal des DFB wach werden und das Gespräch suchen. Der fromme Wunsch „hätte doch bloß niemand die Basis befragt“ ist seit Veröffentlichung der Studie ausgeträumt. Die Basis hat das Wort und wir werden in den kommenden Monaten und Jahren weiter fragen und Ergebnisse liefern.

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