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Rückspiel gegen Marseille: Werden die Eintracht-Fans ein Ausrufezeichen setzen?

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Sieht schön aus, ist es aber nicht: Eine Rakete explodiert überm Eintracht-Block in Marseille.
Im Hinspiel gegen Olympique Marseille explodierten Raketen über dem Fanblock von Eintracht Frankfurt. © dpa

Wenn um 21 Uhr das Rückspiel in der Champions League zwischen Eintracht Frankfurt und Olympique Marseille stattfindet, bieten sich der Fankultur eine vortreffliche Gelegenheit Haltung und Sportsgeist zu zeigen. Harald Lange schätzt die Lage in seiner Kolumne ein.

Im Umfeld der Eintracht hat sich in den letzten Jahren Großartiges entwickelt: Es gibt sowohl in Deutschland als auch in ganz Europa nur wenige Fanszenen, die ihrem Club ebenso treu wie einfallsreich und originell unterstützen. Frankfurter Fans wissen, wie man im Stadion der Gegner Stimmung macht und für die eigene Mannschaft eine Heimspielatmosphäre kreiert. Selbst dann, wenn man in Unterzahl ist. 

Deshalb fürchtet man Eintracht Frankfurt, insbesondere bei Auswärtsspielen auf europäischer Ebene. Nicht wegen möglicher Gewalttaten, sondern wegen eines sagenhaften Zusammenhalts und leidenschaftlichen Supports.

Harald Lange: Fans von Eintracht Frankfurt als guter Gastgeber

Am Tag des Hinspiels am 13. September kam es weit vor Spielbeginn zu hässlichen Szenen. Nachdem Fans aus Marseille bereits im Vorfeld angekündigt hatten, die Frankfurter Anhängerschaft mit Gewalt zu begrüßen, veranlasste die französische Polizei besondere Schutzmaßnahmen und eskortierte die Eintracht-Anhänger streng bewacht ins Stadion. Dort spielte sich dann Unfassbares ab. Böller und Raketen wurden wechselseitig in die Fanblöcke geschossen. Derart rücksichtslos, so dass Verletzungen billigend in Kauf genommen wurden.

Philip Holzer, Vorsitzender des Aufsichtsrates bei Eintracht Frankfurt, war dabei und sprach im Nachhinein von „kriegsähnlichen Zuständen“. Damals wurde auch ein Eintracht-Fan am Hals getroffen und derart schwer verletzt, dass er mehrere Wochen in einem Krankenhaus behandelt werden musste. Die Staatsanwaltschaft in Marseille ermittelt gegen einen 26-jährigen Olympique-Fan auf Verdacht der versuchten Tötung. Dieser hat den Raketenbeschuss bereits zugegeben und wartet auf sein Strafverfahren.

Angesichts dieser Vorgeschichte sind die Erwartungen hoch. Nicht nur, dass die Mannschaft der Eintracht an die gute Leistung aus dem Hinspiel anknüpft und ein gewohnt engagiertes Spiel macht. Engagement ist auch in den Kurven und auf den Tribünen des Stadions gefragt. Wird es Häme, Schmähungen, Gewalt oder gar Rache gegen die Anhänger aus Marseille geben? Oder wird die angespannte Lage als Gelegenheit erkannt, ein Zeichen in eine ganz andere Richtung zu setzen?

Gelebte Fankultur: Wertebasiert, fair und leidenschaftlich

Ich vermute Letzteres: Trotz aller Leidenschaft und Emotionalität bietet dieses „Rückspiel“ die Gelegenheit, sich als „guter Gastgeber“ zu beweisen. Durchaus laut im Support des eigenen Teams, aber fair und sportlich mit Blick auf den Gegner und dessen Fans. Solch eine Haltung – sollte es denn so eintreffen – ist sicherlich nicht selbstverständlich und wäre deshalb ein weiteres Beispiel gelebter Fankultur. Wertebasiert, fair und dennoch leidenschaftlich.

Harald Lange
Harald Lange © privat

Genauso wie es der in Marseille schwer verletzte 65-jährige Eintracht-Fan Michael Brehl in einem Interview beschreibt, das am Montag auf der Homepage des Vereins veröffentlicht wurde: „Eintracht Frankfurt hat eine Haltung: Wir verzeihen, wir sind tolerant, wir haben keine Rachegelüste“. Obwohl Brehl fast sechs Wochen im Krankenhaus verbringen musste, hegt er keinen Zorn gegen irgendjemanden.

Ich meine, das ist eine bemerkenswerte Haltung und wir werden beim Rückspiel erleben, wie die gesamte Frankfurter Fankultur mit dieser besonderen Lage umgehen wird. Wird es ihr gelingen, in dieser Situation Rückgrat zu zeigen? Ich bin zuversichtlich, denn ich mag mich gern der Einschätzung des verletzten Fans Michael Brehl anschließen: „Wir sind ein bunter Haufen, der friedlich ist und eine weitere europäische magische Nacht im Stadion erleben möchte. Wir lassen uns nicht provozieren und zeigen unser bestes Gesicht! Denn wir sind nicht Marseille.“

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