Prof. Dr. Harald Lange sagt, dass es aus Sicht der Basis kaum schlechter gehen kann.
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Prof. Dr. Harald Lange sagt, dass es aus Sicht der Basis kaum schlechter gehen kann.

Die Wahrheit liegt auf dem Platz (9)

„Der Fußball muss wieder im Mittelpunkt stehen“

Die letzten vier Präsidenten des DFB haben eines gemeinsam: Alle begannen ihre Antrittsreden mit dem gleichen Satz: „Der Fußball muss wieder im Mittelpunkt stehen.“ Darüber schreibt Prof. Dr. Harald Lange in seiner Gastkolumne „Die Wahrheit liegt auf dem Platz“. Lange ist Leiter des Instituts für Sportwissenschaft an der Justus-Maximilians-Universität Würzburg sowie Autor mehrerer Bücher.

Diesem Satz ist in seiner wohltueden Schlichtheit nichts hinzuzufügen. Die Botschaft ist ebenso naheliegend wie selbstverständlich. Wenn nicht der Fußball, was sollte auch sonst im Zentrum der Arbeit eines Fußballvernbandes stehen? Auch auf die Gefahr hin das es sich nur um eine Floskel handelt, tut es gut, wenn so ein Satz von keinem geringeren als dem Präsidenten des DFB formuliert wird. Dabei ist uns allen klar, dass so ein Claim sicherlich nicht als Vision für die anstehende Amtszeit genügt. Wir warten deshalb neugierig darauf, welche handfesten Ideen, Taten und Reformvorschläge diesmal folgen werden.

Wenn ich auf den Bolzplatz um die Ecke schaue bin ich mit Blick auf den Titel der heutigen Kolumne weitaus zuversichtlicher: Bei den Jungs und Mädchen, die sich dort nach der Schule treffen steht außer Frage fest: Hier geht es um den Fußball. Um nichts anderes. Auf dem Bolzplatz wird gespielt, gelacht, geschimpft, gestritten und sich wieder vertragen. Dabei ist es jedes Mal das Gleiche: Das Spiel mit dem Ball fordert die Kinder heraus und führt sie an Grenzen. Sie entdecken Ungerechtigkeiten, Vorteile und Nachteile hautnah und immer aus dem Spiel heraus. Wenn etwas schief läuft und korrigiert bzw. geklärt werden muss, dann suchen sie gemeinsam nach Lösungen, so dass es wieder fair zugeht. Klar, manchmal gelingt das nicht. Und trotzdem kommen am nächsten Tag alle wieder dorthin zurück.

Auf dem Bolzplatz ist das Spiel wichtiger als das Ergebnis

Da auf dem Bolzplatz nichts anderes als der Fußball im Mittelpunkt steht, zieht dieser Ort auch diejenigen immer wieder dorthin zurück, die das Spielfeld gestern als Verlierer, Spielverderber oder mit irgendeinem anderen Makel verlassen mussten. Das Spiel ist wichtiger als das Ergebnis von gestern und die meisten Kinder lernen über das Spielen sich mit den anderen zu verständigen und zu vertragen. Sie haben schließlich auch jahrelang Zeit, den fairen Umgang miteinander einzuüben und zu erlernen.

Mit Blick auf das Kinderspiel liegt es nahe, das auch in den Führungsetagen des Deutschen Fußballs weniger um „Geld und Macht“ gestritten und gekämpft wird. In unserer großen DFB-Basis-Studie haben 93,9 Prozent der 12.000 Befragten diesen (für wahrhafte Fußballer) wenig schmeichelhaften Wert als zentrales Motiv der Spitzenfunktionäre ausgemacht. (Dazu: https://www.hw.uni-wuerzburg.de/fileadmin/fanforschung/2022/Wo_steht_der_DFB.pdf). Demgegenüber waren nur 4,9 Prozent der Befragten der Meinung das es den Funktionären aus der Top-Etage um das Wohl des Amateurfußballs geht.

Lange: Im DFB hat es an Freiheit, Vertrauen und Mut gefehlt

Wenn Bernd Neuendorf sein Versprechen zu einem Neuanfang, in dem der Fußball im Mittelpunkt stehen soll, Ernst meint, dann hat er ausgesprochen gute Startbedingungen. Schließlich kann es aus der Sicht der Basis kaum noch schlechter werden. Wir werden deshalb aufmerksam verfolgen, ob er bald weitere Gelegenheiten suchen und nutzen wird, um Konkreteres zu seinen Visionen zur Zukunft des DFB mitzuteilen. Danach werden wir sehen, ob die daraus resultierenden Taten und Konsequenzen tatsächlich auch geeignet erscheinen, aus dem überaus schlechten Imagedaten bald bessere Werte machen zu können.

Aus Sicht der Basis kann es kaum noch schlechter werden.

Prof. Dr. Harald Lange

Uns ist klar das solch eine herausfordernde Aufgabe nicht von einem Mann allein bewältigt werden kann. Deshalb ist es gut das der DFB-Präsident von einem erfahrenen ehrenamtlichen Führungsteam und von mehr als 500 hauptamtlichen Mitarbeitern im DFB unterstützt wird. Angesichts dieser geballten Kompetenz kann man nur wünschen, dass die Koordination der vielen kompetenten Fußballexperten gelingen wird. Hierzu gehört an erster Stelle der Mut, die Mitarbeiter einfach machen und wirken zu lassen. An Expertise hat es im DFB auch während der zurückliegenden Jahre sicherlich nicht gemangelt. Vielleicht an Freiheit, Vertrauen und Mut.

Deshalb brauchen wir jetzt auch keine neuen Experten, Beraterverträge oder Aufträge für Managementagenturen, sondern Zuversicht, Vertrauen und den Esprit des Bolzplatzes. In der Hinsicht bin ich mir sicher: Nur dort geht es zuallererst um den Fußball. Das war schon immer so. Und damit das auch so bleiben kann mag ich die Kinder, die dort regelmäßig spielen, als DFB Berater vorschlagen. Sonst niemanden.

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